ein Platzhalter Tag 1 von Kiel bis Hšxter
ein Platzhalter Tag 2 von Hšxter Ÿber Edersee bis Gladenbach ein Platzhalter Tag 3 von Gladenbach Montabaur Nassau Koblenz Oberfell ein Platzhalter Tag 4 von Oberfell bis PfŠlzerwald und Reisdorf ein Platzhalter Tag 5 Nordvogesen ein Platzhalter Tag 6.1 Route des Cretes ein Platzhalter Tag 6.2 Breisgau Schwarzwald ein Platzhalter Tag 7 Schwarzwaldhochstrasse ein Platzhalter Tag 8 Nagold Neckar Main ein Platzhalter Tag 9 Vom Spessart in den Harz ein Platzhalter Tag 10 Vom Harz nach Kiel


Route des Crêtes, Frankreich Svenja startet 2010 auf ihrer Kawasaki KLX250 nach Frankreich

Das wird nicht nur die erste große Tour auf meiner neuen Kawasaki KLX250, sondern zugleich auch meine erste Reise als Frau ins Ausland. Ich will heraus­finden, ob mein Passing als Svenja endlich hält, oder ob ich noch immer als trans auffalle. Außerdem bin ich gespannt darauf, wie sich die leichte 250er Enduro auf einer so langen Reise mit Gepäck anfühlt. Macht sowas überhaupt Spaß?

Um das herauszufinden, habe ich mir einen ganz einfachen Plan zurechtgelegt: Ich fahre von Kiel über das Weserbergland, Odenwald und den Naturpark Nassau bis an die Mosel, folge dort für ein Weile den Moselschleifen und düse durch Hunsrück und Pfälzerwald weiter nach Frankreich in die Vogesen. Dort gönne ich mir tausend Kurven mit dem Höhepunkt Route des Cretes, bevor ich schließlich auf schönen Umwegen über Schwarzwald, Spessart und Harz zurück nach Kiel fahre.

Als ich am Donnerstagmorgen die Plane von der vollgepackten KLX wegziehe, bekomme ich zuerst einen kleinen Schrecken. Nanu? Das war doch gestern abend noch nicht da. Oh, wie lieb: Meine Nachbarin hat mir eine total süße Gute-Reise-Postkarte ins Kartenfach des Tankrucksacks gelegt. Welch eine schöne Überraschung zu Beginn meiner Reise.

Ich starte den kleinen Motor und freue mich wie immer über den leisen, geschmeidigen Lauf der Kawa. Ganz anders als der rauhe und laute Einzylinder der KTM. Das wird mir in Titisee sicher noch gute Dienste leisten, wenn ich dort über die Kurpromenade heize. Mein kom­plettes Urlaubsgepäck mit Camping­ausrüstung habe ich wieder auf zwei Gepäckstücke verteilt, den Tankrucksack und das bewährte Ortlieb Rack Pack.

Auf der Autobahn hŠnge ich mich hinter einen LKWDie Wettervorhersage ist mies, aber trotzdem hoffe ich auf das Beste und lasse die neue Regenkombi vorerst im Tank­ruck­sack. Über die alte B4 fahre ich parallel zur A7 in Richtung Süden. In Hamburg muss ich dann aber doch für 16 km die Autobahn nehmen, um durch den Elbtunnel zu fahren.
Als ich nach drei Kilometern wieder ans Licht komme, regnet es. Zum Glück habe ich schon in Bad Bramstedt die Regen­kombi über­gezogen. Nach meiner Tauchfahrt 2007 verlasse ich mich nicht mehr allein auf Goretex.

Dieser erste Anreisetag ist wirklich kein Highlight. Der lange Weg durch Schleswig-Holstein, Hamburg und das nördliche Niedersachsen ist total langweilig. Lange, endlos gerade Straßen über flaches Land, die ich nur stumpf absitzen kann.

In Verden an der Aller mache ich eine kurze Tankpause und esse an einem Grillwagen ein knuspriges, halbes Hähnchen im Stehen. Vom Dach des Imbisswagens tropft der Regen unablässig auf den Rücken meiner Kombi. Ich verzichte auf Fotos, weil es einfach zu nass ist und ich Angst um meine schöne kleine Lumix Kamera habe.

Sieben Stunden Fahrt im Regen

Der Tank der cow fasst nur 7,7 Liter, so dass ich anfangs sogar einen Reservekanister mit­nehmen wollte. Zum Glück habe ich mich dagegen entschieden, denn der geringe Verbrauch von 3,3 l/100km sorgt trotzdem für eine genügende Reichweite.

Kurz vor Rinteln komme ich versehentlich auf eine 4-spurige Schnellstraße. Es regnet wie die Hölle und ich kann wegen der Leitplanken nirgends anhalten, um mich unterzustellen. In der Zwischenzeit melden meine Füße Wassereinbruch im rechten Stiefel. Das erste Paar Gore­tex­handschuhe ist ohnehin längst durchnässt, aber aus Erfahrung habe ich zwei Paar Ersatz mit und wechsele in die dicken warmen Held IceBreaker Handschuhe.

Heute wollte ich mein Zelt unterhalb der Trendelburg direkt am Ufer der Diemel aufbauen, aber an Zelten ist nicht zu denken. Im Zelt bekomme ich meine Sachen niemals trocken und so mache ich mich nach fast neun Stunden Regenfahrt auf die Suche nach einem günstigen Zimmer für die Nacht. Meine Stimmung ist auf dem Tiefpunkt und ich brauche jetzt unbedingt eine heiße Dusche und ein leckeres Essen. Und Wein bitte. Kurz vor Höxter rolle ich durch den winzigen Ort Bödexen und kehre im Gasthaus Buch ein, wo ich für 25 Euro ein günstiges Zimmer für die Nacht finde.

In meiner unförmigen Regenkombi stapfe ich tropfnass wie eine frisch gefangene Makrele die Treppe nach oben auf mein Zimmer und nehme erstmal eine heiße Dusche. Als ich nach einer guten Stunde mit frisch gewaschener Walla Walla Mähne in die Gaststube schwebe, ernte ich einige überraschte Blicke.

Svenja bei Familie Buch in BšdexenHaben die mich als trans erkannt? Nein, das ist es nicht. Den Anlass für die hochgezogenen Augenbrauen entdecke ich kurz darauf selbst in dem großen Spiegel über der Bar: Das graue Strick­kleid ist eine Idee kürzer, als ich es in Erin­ne­rung hatte. Na prima und das ist das einzige lange Kleid, das ich mitgenommen habe. Die beiden anderen sind kürzer. Ich werde ein­fach behaupten, es sei unterwegs im Regen einge­laufen. Wie wollen diese Landeier mir denn das Gegenteil beweisen?

Als kurz darauf das Essen kommt, strahlt die Seele wieder. Das Zwiebelschnitzel ist große Klasse. Nach dem Essen setze ich mich zu den Jungs an die Bar und habe noch einen sehr netten Abend. Ich bekomme ein Über­nacht­ungs­angebot, das ich höflich ablehne, Weißwein, den ich gerne annehme und einen total süßen Heirats­antrag, den ich ebenfalls ablehnen muss. Vielleicht ist das Kleid doch gar nicht so schlecht...





Tag 2 - Edersee
Svenja startet 2010 auf ihrer Kawasaki KLX250 nach Frankreich

Am nächsten Morgen wache ich nach neun Stunden Schlaf erholt auf. Die Stiefel und Hand­schuhe sind immer noch nass. Ich bearbeite sie mit dem Föhn während ich die Wetter­vorhersage höre, die weiteren Regen verspricht.

Ich lasse mir die Laune nicht vermiesen und starte nach einem super leckeren Früh­stück mit Eiern, Brötchen und zwei Kännchen Kaffee in bester Urlaubslaune in den Tag.

Auf dem Weg nach Süden komme ich am Edersee vorbei, den ich schon 2007 besucht habe. Damals war es im August brütend heiß und die Strecke so überfüllt, dass ich teilweise stop and go um den Stausee herumgefahren bin. Heute aber habe ich die schöne Kurven­strecke fast für mich allein und nur das Wetter und ein Tempolimit von 60 km/h trüben den Fahrspaß rund um den See. Eine nette Strecke, aber kein "must see" für mich.

Svenja zieht die Regenkombi anVom Edersee fahre ich über Fran­ken­berg nach Biedenkopf, folge ein Stück der Lahn und komme schließlich nach Gladen­bach. Inzwischen bin ich sieben Stunden unterwegs und nur eine Stunde ohne Regenkombi gefahren. Auch die blöden Gore­tex­stiefel sind wieder durchnässt.

Ich habe keine Lust zu zelten und wiederhole in Gladenbach mein Programm von gestern: 25 Euro Zimmer suchen, duschen, umziehen und runter zum Essen. Nach außen hin gebe ich die coole Else, aber so richtig wohl fühle ich mich in meiner Haut nicht, denn die Kneipe ist gut besucht, laut und ein klein wenig prollig. Für einen Moment wünschte ich, dass ich die Motorradsachen angelassen hätte, statt mich in den aufreizenden Fummel mit Strumpfhosen und Ballerinas zu werfen.

Von den Anwesenden werde ich kurz und gründlich gemustert, bevor sie sich erneut ihren Gesprächen und Kartenspielen zuwenden und die Geräuschkulisse wieder auf Vorher-Niveau anschwillt. Gladenbach, 19 Uhr, das Passing hält. Puh, mir fällt ein Stein vom Herzen.




Tag 3 - Koblenz und die Mosel
Die Strasse von Montabaur durch den Naturpark Nassaut

Bei strahlendem Sonnenschein fahre ich am nächsten Morgen nach Herborn. Dort renne ich auf der Suche nach einem Jeans­mini­rock eine geschlagene Stunde durch die Fußgängerzone. Ich will mir mit meinen Leggings und T-Shirts ein etwas unauffälligeres Outfit basteln.

Ich finde auch einen Jeansmini, aber der ist so kurz und slutty, dass er das Problem nicht lösen würde. Unverrichteter Dinge verlasse ich Herborn und mache mich auf den Weg nach Montabaur. Es regnet.

Auf der Landkarte habe ich eine Strecke ent­deckt, die total klasse aussieht. Sie führt von Montabaur durch den Naturpark Nassau, ist extrem kurvig und dazu durchgängig mit dem grünen Strich als besonders schöne Strecke gekennzeichnet.

Gegen Mittag rolle ich auf der green cow in Montabaur ein. Sofort fällt mir ein sehr viel­ver­sprechender Imbiss ins Auge. Er liegt genau an der Abfahrt nach Nassau, dort wo die schöne Straße in den Naturpark beginnt. Ich gönne mir eine leckere Portion Spießbraten und habe kaum einen Blick für das schöne Schloss Montabaur übrig, das oben auf dem Hügel thront.

Ich bin auf die Strecke nach Nassau gespannt und fahre deshalb nach dem Essen gleich weiter. Außerdem wird mir warm in Goretex und Regenkombi, denn es ist zwar nass, aber nicht mehr kalt.

Als ich in den Naturpark hineinfahre, bricht die Sonne durch die Wolken und der schwarze Asphalt trocknet dampfend ab. Trotz der schönen Strecke fahre ich eher verhalten, denn die Straße ist noch nass und einige Kurven sind tückisch eng. Als ich nach 28 Km Nassau erreiche, bin ich begeistert. Die Strecke war klasse. Leider hat es in der Zwischenzeit wieder angefangen zu regnen.

Svendura am Deutschen Eck in Koblenz

Nächster Halt Koblenz, Deutsches Eck. Eine Riesen­entäuschung. Baustelle, Zäune, alles aufgerissen. Durch eine Gasse aus Bauzäunen schiebe ich mich Schulter an Schulter mit japanischen Touristen zu der Stelle, wo die Mosel in den Rhein fließt.

Es gibt viel zu sehen. Binnenschiffe aller Größen wechseln hier von einem Fluss in den anderen und erinnern mich an Kiel-Holtenau, nur dass wir richtige Schiffe haben. Das Wetter wird ungemütlich und so hält es mich nicht lange in Koblenz.

Während der ganzen Reise werde ich mich niemals weiter als heute von meiner Kawa ent­fernen. Ich bin eben nicht so der Besichtigungstyp. Ich möchte eigentlich nur Motorrad­fahren, essen und schlafen.

Von Koblenz aus folge ich auf der B49 den Moselschleifen. Ich liebe die Mosel und für mich ist das deshalb eine besonders schöne Strecke, obwohl ich heute ein wenig Pech mit dem Wetter habe, denn es regnet wieder. Es ist jetzt 16 Uhr und ich will mir die schöne Strecke nicht durch den Regen verderben lassen. Deshalb suche ich mir in einem der kleinen Moseldörfer entlang der Route ein Zimmer für die Nacht, auch wenn ich befürchte, diesmal nicht mit 25 Euro für die Nacht auszukommen.

Svendura schlŠft in einer Schlachterei in OberfellIn Oberfell fahre ich an einer großen Metzgerei vorbei, die gleichzeitig ein Gasthaus betreibt. Wenn das nicht eine geniale Kombination ist. Ich wende die cow und bekomme tatsächlich das letzte freie Zimmer für 36 Euro pro Nacht mit Frühstück. Ich wohne in einer Schlachterei, yippieh. Das ist ja fast so schön, wie im Buffalo Shop zu übernachten. Ich bin total begeistert und für eine Weile vergesse ich meinen Regenfrust.

Als ich zwei Stunden später aufgebrezelt und mit einem einfachen Dreischichten-MakeUp ins Restaurant stöckele, fühle ich mich viel wohler, als in der Kneipe gestern abend. Hier passe ich besser hin. Und außerdem bin ich mit Sicherheit das einzige Girl unter 60, was sehr ange­nehm ist. Heute abend will ich mir als kleinen Ausgleich für die Regenreise etwas Gutes tun, und bestelle ein großes Rahmschnitzel mit Pilzen und dazu einen halben Krug Wein.

Der Ober an meinem Tisch ist ein älterer Italiener und während ich mir noch Gedanken um die P-Frage mache, fängt er bereits hemmungslos an zu flirten. Ob ich hier im Hotel wohne, ob ich ohne Begleitung sei und ob ich nicht einsam sei so ganz alleine. Nein, bin ich nicht.

Beim Servieren stellt er sich ganz dicht schräg hinter mich und ich ahne, wohin sein Blick geht. In diesem Moment kommt es mir zugute, dass ich selbst mal ein Charmeur gewesen bin und alle Tricks und Kniffe kenne. Vor allem aber weiß ich, was ich sagen darf und was ich auf gar keinen Fall sagen darf, um bei ihm nicht das Signal "Leinen los, volle Fahrt voraus!" zu geben. Puh, ist das manchmal kompliziert, eine Frau zu sein.

Der italienische Kellner kennt alle TricksEs ist Samstagabend und im Hotel findet heute eine Veran­staltung mit Musik und Tanz statt. Alle Tische sind reserviert, aber der freundliche Italiener besorgt mir dennoch einen Tisch, indem er einfach das Reserviert Schild von einem der besten Tische am Fenster mit Blick auf die Mosel nimmt und in seiner Jackentasche verschwinden lässt. Wie aufmerk­sam von ihm.

Auf dem Weg zu meinem Tisch hat der Ober sich bereits vorher als echter Gentleman erwiesen, indem er mich bei jeder kleinen Stufe, jeder Biegung, jeder Teppichkante fürsorglich fest­gehalten hat. Ich bin beeindruckt. Die Beschützernummer mit Anfassen kannte ja nicht mal Sven. Wirklich genial, diese Italiener haben doch noch ein, zwei Kniffe mehr drauf...

Es wird ein wunderbarer Abend, besonders nachdem das eigentlich gebuchte Paar für diesen 1a Premiumtisch erscheint und ich großzügig erlaube, dass sie sich dazusetzen. Sie ent­schul­digen sich tausendmal, etwas mit der Buchung sei wohl schief gelaufen. Ich verzeihe huldvoll und genieße den Abend mit bester Unterhaltung. Bevor ich schlafen gehe, beglück­wünsche ich mich insgeheim noch einmal zu meiner Klamottenauswahl für diese Urlaubsreise. Wie gut dass es in Herborn keine Jeansminis gibt...




Tag 4 - Hunsrück und Pfälzerwald
Blick von der B49 Ÿber die Mosel nach Hatzenport

Das Frühstücksbuffet am nächsten Morgen ist eine Offenbarung. Soviele leckere Fleisch- und Wurst­sorten aus der eigenen Metzgerei, dass ich mich kaum entscheiden kann. Ich nehme sicherheits­halber einen riesigen Teller doppelt ALLES mit zwei weich­gekochten Eiern und schlinge alles hungrig in mich hinein.

Durch die viele Fresserei komme ich erst gegen 9 Uhr in Oberfell los, aber nicht ohne mich vorher in der Metzgerei, so heißt hier eine Schlachterei, noch reich­lich mit Pfefferbeißern eingedeckt zu haben.

Von Oberfell folge ich einige Kilometer den Moselschleifen und bin ganz erstaunt darüber, wieviele Gasthäuser am Ufer stehen. Die Uferstraße habe ich am frühen Sonntagmorgen fast für mich alleine. Nur zwei einsame Jogger und ein paar Rennradfahrer sind schon unterwegs. Mit etwa 90 km/h ziehe ich auf der Cow leise an ihnen vorbei.

Die B49 entlang der Mosel bei Alken
Blick bei Alken von der B49 über die Mosel

In Treis-Karden verlasse ich die Mosel und biege in den Hunsrück ein. Es ist noch immer trocken und zum ersten Mal traue ich mich, die Kamera scharf zu machen. Ich hänge sie mir einfach an der Kameraschlaufe ums linke Handgelenk und kann jetzt jederzeit Bilder machen. Dazu brauche ich mich nur ganz zurückzulehnen, den Lenker mit spitzen Fingern am langen Arm zu halten und kriege dann sogar das Cockpit mit drauf. Nur schalten muss ich jetzt ohne zu kuppeln, aber das ist mit dem erstklassigen 6-Gang Getriebe der Cow überhaupt kein Problem.

Kurven fahren im HunsrŸckKaum bin ich von der Mosel abgebogen, gibt es auch schon die erste richtig schöne Kurven­strecke. Das macht auf der leichten, wendigen Enduro total viel Spaß und genussvoll schwingen die cow, Pieps und ich durch den wunder­schönen Hunsrück.

Im Cockpit der Kawa leuchtet plötzlich eine gelbe Warnleuchte auf. "FUEL" blinkt es hektisch in der Anzeige. Keine Panik, die kenne ich schon. Mit der automatisch umschaltenden Reserve von 2,2 Litern komme ich aber noch locker 70 Km weit. Nach einem kurzen Zwischenspurt über die Hunsrück­höhen­straße erreiche ich Kirn und die rettende Tankstelle.

Neben den Zapfsäulen hat sich eine Gruppe anderer Biker ebenfalls zu einem kurzen Tankstopp eingefunden. Die drei Frauen der Gruppe fahren Ducati Monster und Suzuki GSX. Ich versuche ein Gespräch mit der Gruppe zu beginnen, aber ich scheitere kläglich. Die Jungs, alles erfahrene Biker und nicht so ein Grünschnabel wie ich, belächeln meine Regenkombi und teilen mir mit, dass ich die heute nicht mehr brauchen würde.

Die Damen haben für mich und die schlanke 250er Enduro nur einen arroganten Blick übrig und sagen gar nichts. Nach einem Blick auf ihre Kennzeichen und den männlichen Anführer in der Warnweste, denke ich: "Ja, Mädels, dafür traue ich mich aber weiter als 20 Km von zuhause weg und brauche auch keinen Tourguide dafür."

Svenja in Regenkombi im HunsrŸck mit der Enduro
Auf einem kleinen Parkplatz irgendwo im Hunsrück

Von Kirn geht es auf Umwegen über kleinste Nebenstraßen bis nach Kaiserslautern. Eine der wenigen Großstädte auf meiner Reise. An einer SHELL-Tankstelle lasse ich mir von einer wirklich netten Kassiererin den Weg in den Pfälzerwald erklären. Als Frau kann ich mir das erlauben, ohne dass dadurch meine Ehre gekränkt wird.

Der Pfälzerwald ist tief und dunkel und überhaupt wunderschön, ich liebe diese Landschaft und mag die Menschen, die dort leben, sehr. Auf den ersten Kilometern habe ich sogar strahlenden Sonnenschein, der durch das dichte Blätterdach aber kaum bis auf die Straße scheint. Ich nutze die Chance für das einzge Foto im Pfälzerwald, bevor es schon wieder zu regnen beginnt und ich in Schleichfahrt durch die schönen engen Kurven fahre. Die Nass­haftung der grobstolligen Enduroreifen hat nämlich einen hohen Unterhaltungswert, wenn man etwas zu schnell in die Kurve geht.

Zu allem Übel ist die schönste Strecke des Pfälzerwalds auch noch an Sonntagen für Motorräder gesperrt. Das glaub ich ja wohl nicht. Da fahre ich auf der cow schon den leisesten Auspuff diesseits von Akrapovic und muss trotzdem draußen­bleiben. Sauer auf das Wetter, sauer auf die Streckensperrer und sauer auf die Knieschleifer, die uns das letztlich eingebrockt haben, mache ich mich auf die Suche nach einer Unterkunft für dich Nacht. Mein Zelt entwickelt sich allmählich zum überflüssigsten Gepäckstück dieser Reise.

Tropfnass an die RezeptionDie nächsten Stunden sind Frust pur, als ich ein Hotel nach dem anderen abklappere. Besetzt, zu teuer, nicht für eine Nacht, weiter­fahren. Jedesmal im strömenden Regen das Motorrad abstellen, Helm ab, die klitschnassen Goretexhandschuhe abreißen (wasserdicht, haha), mit glucksenden Stiefeln zur Rezeption watscheln und anschließend entäuscht weiter­fahren. Warum stehen draußen bloß nie die Preise für die Zimmer dran?

Schließlich, als ich schon ganz verzweifelt bin, entdecke ich mitten im Nirgendwo zwischen Deutschland und Frankreich einen blitzsauberen, kleinen Gasthof. Er heißt Waldeslust und liegt in Reisdorf, das ich nicht einmal auf der Karte finden kann, weil der Name total winzig gedruckt ist und genau in einer Falte meiner völlig zerfransten Generalkarte verschwindet.

Das Zimmer kostet 36 Euro die Nacht und meine Reisekasse schmilzt wie Butter an der Sonne. Ich hatte täglich 10 Euro für Camping eingeplant und noch einmal knappe 10 Euro für ein Kilo Fleisch und Blanchet und stattdessen lebe ich wie eine Fürstin in Hotels und speise in Restaurants. Wie hat sich das nur so entwickeln können? Meine Stimmung ist auf einem erneuten Tiefpunkt angelangt, denn eine Wetter­besserung ist nicht in Sicht. War das vielleicht schon der Sommer 2010?

In meinem Hotelzimmer breite ich erstmal alle meine nassen Sachen aus. Wie soll ich die nur bis morgen trocken kriegen? Es ist wieder kein Fön im Zimmer. Die Stiefel stopfe ich deshalb eng gepresst mit Toilettenpapier aus, das müsste helfen. Die nassen Handschuhe hänge ich in das gekippte Fenster.

Hotelzimmer mit nassen Motorradsachen Nach einer heißen Dusche schwebe ich hinunter ins Restaurant. Es ist sehr gut besucht und für meinen Geschmack fast schon zu fein. Die meisten Gäste sind Paare, die sich angeregt auf deutsch oder französisch unterhalten.

Ich sitze in meinem immer noch etwas zu kurzen Kleid mit Strump­fhosen und Ballerinas am Katzen­tisch und finde nichts deprimierender, als in einem schönen Restaurant alleine zu essen. Ich bin froh, wenigstens die kleine Pieps bei mir zu haben, die ich sehr zum Missfallen des Obers auf den Tisch direkt neben meinen Teller setze. Es gibt Rahm­schnitzel mit Pfifferlingen.

Nach dem Essen verziehe ich mich früh auf mein Zimmer und bin gegen 21 Uhr schon fest eingeschlafen, während Regen und Wind von außen gegen die Fenster klatschen.




Tag 5 - Nord Vogesen, Frankreich
Ein GrenzŸbergang nach Frankreich in den Nord Vogesen

Als ich nach neun Stunden Tiefschlaf ausgeruht aus dem Bett hüpfe, ist es draußen noch immer grau, windig und regnerisch. Ich schalte den kleinen Hotelfernseher ein und ein fröhlich grinsender Schlips­träger stellt ergiebige Regen­fälle von bis zu 200 l/m² in Aussicht. Eine Besserung sei nicht in Sicht.

Inzwischen ist mein Kampfgeist geweckt. Ich werde diesen Urlaub genießen, selbst wenn mir Schwimmhäute wachsen und ich in dieser blöden Regenkombi über­nachten muss.

In allerbester Laune gehe ich hinunter in den Frühstücks­raum. Alles ist sehr schick und fein mit einer doppelten Portion Ambiente. Eine doppelte Portion Pfälzer Leberwurst wäre mir allerdings lieber, denn das Angebot kann sich bei weitem nicht mit dem an der Mosel und in Höxter messen, obwohl es hier deutlich teurer ist.

Bevor ich abfahre, beherzige ich einen Trick, den Claudia mir am Telefon gesagt hat, als ich sie am Vorabend weinerlich angerufen habe: Ich ziehe Plastiktüten über die Socken bevor ich meine Stiefel anziehe. Ein genialer Trick, der sich in der Folgezeit noch einige Male bewähren soll. Plastiktüten sind nämlich wirklich dicht, was man von Membranen nicht sagen kann.

Ein genialer Trick: PlastiktŸten als Socken
Besser als Goretex: Eine Plastiktüte über den Socken

An diesem Morgen kann ich es kaum erwarten, endlich auf meiner Enduro zu sitzen, denn es sind nur noch wenige Kilometer bis zur Grenze. Bereits nach einer halben Stunde stehe ich unter dem großen blauen Frankreich Schild und mache ein Foto mit Selbstauslöser. Wie gut, dass ich den kleinen Erbsensack als Stativ dabei habe.

Schild Naturpark Nord VogesenMein erster Halt ist Chateau Fleckenstein, das direkt an der deutsch-französischen Grenze liegt. Die Zufahrt zur Burg ist leider gesperrt und ich mag das Motorrad mit dem Gepäck nicht unten auf dem Wald­parkplatz stehenlassen. Trotzdem ist es ein tolles Gefühl. Ich stehe an diesem regne­rischen Montag­morgen im tiefen Wald der Nord Vogesen. Ich bin ganz allein. Kein anderer Mensch, kein Auto ist in der Nähe. Ich höre den leichten Nieselregen und ab und zu das Zischen, wenn ein Tropfen auf den heißen Auspuff der Kawa fällt. Ein unglaublich tolles, intensives Gefühl: Ich bin am Leben und ich fühle mich so jung und stark und grenzen­los frei. Ich bin glücklich.

Die kleinen französischen Dörfer durch die ich fahre, sind wirklich schön. Mir fehlt das richtige Wort. Sagt man pittoresk? Die Ortsdurchfahrten sind meist Zone 30 und die französischen Autofahrer sind erstaunlich diszipliniert. Frankreich ist eben nicht Paris.

An einer Baustellen­ampel sehe ich etwas, das ich aus Deutschland nicht kenne: Eine große Digital­anzeige, auf der die Sekunden herunter­gezählt werden, bis es endlich grün wird. Coole Idee und ich stelle den Motor aus, während ich geduldig auf grün warte.

Mit der Enduro auf dem Champ du FeuInzwischen ist der Regen stärker geworden und als ich kurz hinter Le Struthof über den Champ du Feu fahre, hängen die Wolken so tief, dass ich auf der Kawa mitten durch sie hindurch fahre. Alles trieft und tropft vor Nässe. Ich fahre dicht eingepackt in meinem Kokon aus Thermounterwäsche, Büffel­lederhose, Goretexjacke und über allem meine wind- und wasserdichte Regenkombi dahin. Ich fühle mich darin ein wenig abge­koppelt von der Welt, aber ein Thermometer zeigt im Vorbeifahren nur 9° C an. Nicht zu warm für einen 30. August.

Der Weg durch die tiefen Buchen- und Eichenwälder im Naturpark der Nord Vogesen ist sehr einsam und nur ganz selten begegnet mir ein Auto und wenn, dann ist es immer ein französisches Modell.

Die kleine Kawasaki läuft wie ein Uhrwerk und ich tue alles, um ihr das Leben so leicht wie möglich zu machen. Inzwischen knackt es in meinen Ohren, wenn wir die langen Steigungen der Col de la Irgendwas hinaufklettern und dann talabwärts plötzlich dieses überraschende Gefühl, wenn die Ohren wieder aufgehen und ich alles ganz genau und fast überdeutlich hören kann.

Ich habe Hunger bekommen und halte nach einem Imbiss Ausschau, aber so etwas gibt es in den kleinen Ortschaften nicht. Die Franzosen sind keine Fast-Food Freaks. Als ich aber durch die kleine 4000 Einwohner Stadt Ingwiller fahre, sehe ich einen Supermarche und halte an.

KLX vorm Supermarche in FrankreichDas Einkaufen ist beim Alleinreisen immer etwas tricky, schließlich kann man das Gepäck nicht mit hinein­nehmen. Doch ich mache es so, wie ich das immer tue: Ich parke die cow direkt vorm Eingang und lasse sogar meinen Helm und die Handschuhe am Motorrad, nur den Zündschlüssel ziehe ich ab und gehe in den Markt.

An der Kasse kann ich zum ersten Mal meine neuen Französisch­kenntnisse aus­probieren. Bonjour, merci und au revoir kommen mühelos über meine Lippen und beinahe hätte ich noch ein launiges "Ma moto a une crevaison" hinterhergeschoben, aber mein Motorrad hat ja zum Glück gar keinen Platten und ich will auch nicht angeben.

Mit etwas französischem Räucherspeck und einer Flasche Contrex kehre ich kurz darauf zurück zu meinem Motorrad und natürlich ist alles noch da. Beinahe hätte ich das teure Wasser von Evian gekauft, aber habt ihr das Wort mal rückwärts gelesen? Ich bin doch nicht dämlich...

Als ich aus Ingwiller herausfahre, muss ich einen Blick auf die Karte werfen und stoppe neben einer kleinen, heruntergekommenen Plattenbau­siedlung, die ich hier nicht erwartet hätte. Aus den Augenwinkeln heraus bemerke ich, dass einige Menschen mich neugierig beäugen und langsam auf mich zukommen. Wenn ich sie aus meiner Erfahrung heraus richtig beurteile, dann sind es Roma, die hier unter wenig erfreulichen Bedingungen wohnen. Die Situation ist mir nicht ganz geheuer und ich fahre eilig weiter.

Am frühen Nachmittag erreiche ich Sainte Marie aux Mines. Hier beginnt die Route de Cretes und deshalb bin ich hier. Für den Einstieg in die Route ist es heute aber schon zu spät und außerdem tut mir nach sieben Stunden Fahrt der Dubs weh. Vielleicht habe ich morgen auch mehr Glück mit dem Wetter, denn die sagenhafte Kurvenstrecke der Route de Cretes möchte ich gerne bei trockenem Asphalt und ohne meine dicke Regenkombi fahren.

Hotel du Tunnel in Saint Marie aux Mines Den Gedanken an eine Übernachtung im Zelt habe ich längst aufgegeben und so suche ich mir in Sainte Marie aux Mines ein Zimmer für die Nacht. Direkt am Ortseingang liegt das kleine Hôtel Restaurant du Tunnel, das schon von außen sehr einladend aussieht.

Ich stelle die cow auf der Straße vorm Eingang ab und stapfe als unförmiges Michelin­mädchen hinein. Die Gaststube ist so früh am Tag noch leer, aber die kleinen Tische sind bereits alle liebevoll eingedeckt. Hinter einem hohen Tresen, der mit allerlei Kuchen und Gerichten vollgestellt ist, die ich nicht kenne, steht der Wirt. Ein typischer kleiner Franzose mittleren Alters mit ernstem Gesicht, der genauso aussieht, wie ich ihn mir in meiner Fantasie vorgestellt habe.

Ich bin ein wenig aufgeregt, denn jetzt kommt es auf meine neu erworbenen Sprach­kenntnisse an. Mit englisch oder deutsch will ich gar nicht erst anfangen und so stottere ich mir ein "Il coute combien la chambre?" ab. Die Antwort verstehe ich schon nicht mehr und der Wirt erlöst mich schließlich mit einem ernsten: "Auf deutsch bitte?"

Ich erfahre, dass ein Zimmer 40 Euro pro Nacht kostet und auf meine Frage, ob das mit Frühstück sei, ernte ich ein sehr deutliches "Non." und einen leicht entrüsteten Blick. Später erfahre ich von anderen Bikern, dass man hier schwerlich ein Zimmer unterhalb von 50 Euro findet.

Über eine knarrende Holztreppe führt Patrick, der Wirt, mich hoch auf mein Zimmer. Das alte Buntbartschloss wird mit einem riesigen, langen Schlüssel geöffnet. Das Zimmer ist total strange und völlig anders eingerichtet, als ich das bisher kennengelernt habe. Die Möbel haben bereits bessere Tage gesehen, aber das Zimmer hat Charme und auf eine merkwürdige Weise auch Stil. Ich fühle mich darin auf Anhieb wohl und lege mich auch gleich auf das große französische Bett, um ein wenig auszuruhen.

Svenja auf dem Bett im Hotel du Tunnel
Svenja erschöpft, glücklich und ungeschminkt im Hotel du Tunnel

Meine Stiefel stopfe ich wie an den Abenden zuvor mit Toilettenpapier aus und hänge meine Handschuhe über die Nachttischlampe zum Trocknen. Ich bin deutlich erschöpfter, als an den Abenden zuvor und muss mich richtig dazu aufraffen, mich zum Essen umzuziehen. Wie immer, wenn ich ein bisschen aufgeregt bin, schminke ich mich noch sorgfältiger als sonst und gucke tausendmal, ob das Kleid auch richtig sitzt.

Schließlich nehme ich mein Herz in beide Hände, greife mir Pieps und mein Reisetagebuch und gehe hinunter ins Restaurant. Alle Tische bis auf einen sind noch leer. Daran sitzen der Wirt mit seiner Frau und Albert, der Koch. Die beiden sprechen es Ahlbääähr aus und es klingt wunderschön in meinen Ohren. Diese Sprache muss ich unbedingt lernen. Sie klingt wie Musik.

Ich bin unsicher, wohin ich mich setzen soll und während ich mich noch suchend umsehe, lädt mich die Wirtin ein, mit der Familie am Tisch zu sitzen. Sie spricht auch etwas deutsch und ich schäme mich, nur so wenig Französisch zu können. Ich nehme das Angebot gerne an und sitze glücklich mit den Wirtsleuten am Tisch, die sich ein wenig von meiner Reise erzählen lassen. Die Wirtin ist ganz erstaunt darüber, dass ich als Frau alleine eine solche Reise unternehme.

Statt einer Speisekarte sagt mir die Wirtin geduldig alle Gerichte auf. Ich höre nur vom Kalb dies und Filet von das und ahne bereits, dass meine Reisekasse das nicht gut vertragen wird. Schüchtern äußere ich den Wunsch, lieber etwas vom Schwein zu essen. "Vom Schwein?", fragt die Wirtin ratlos und noch bevor ich einen Rückzieher machen kann, springt mir Albert, der Koch, hilfreich bei. Er könne mir ein Kotelett braten vom Schwein mit einer Sauce von Gorgonzola an eine gemischte Gemüse mit Pommes Frites. So wie er das sagt, klingt es unwiderstehlich und ich nehme begeistert an. In der Zwischenzeit bestelle ich einen Steinkrug mit kaltem Wein und fange an, diese Zeilen mit Bleistift in mein Reisetagebuch zu schreiben. Das alte Moleskine ist schon fast voll und bereits etwas abgegriffen. Für die nächste Reise werde ich wohl ein Neues kaufen müssen.

Svenja am Stammtisch im Hotel du Tunnel in Saint Marie aux Mines
Svenja sitzt am Stammtisch im Hotel du Tunnel in Saint Marie aux Mines

Es dauert lange, bis das Essen kommt, aber dann ist es eine Offenbarung, so lecker ist die Käsesauce. Und sogar die Pommes Frites schmecken lecker. Sie werden nur mit Salz serviert, ohne das ekelige rote Würzstreu, das sie in deutschen Imbissbuden so gerne drüberkippen. Und mein Kotelett hat einen schönen dicken Fettrand und ist so schmackhaft, dass ich sogar verzeihe, dass es nur eines ist. Ich habe Hunger und bin kurz davor, die Serviette mitzuessen. Französisches Essen ist lecker, aber ich bin ein großes Mädchen und an deutlich größere Portionen gewöhnt.

Während ich mit der Familie am Tisch sitze, läuft im Hintergrund ein kleiner Fernseher, der für morgen das Ende der Regenzeit verkündet. Und die Frage nach meinem Passing? Daran habe ich schon gar nicht mehr gedacht. Auf trans ist heute sicher niemand gekommen. Ich bin lediglich eine etwas zu groß geratene Frau in einem etwas zu kurzen Kleid, die auf ihrer kleinen, grünen MotoCross Maschine durch Frankreich fährt. Was könnte schöner sein?






Tag 6 - Route des Crêtes
Warnschild am Beginn der Route des Cretes

Am nächsten Morgen kriege ich einen Schreck. Zehn Stunden habe ich ge­schla­fen? Das ist ja länger als ich gestern ge­fah­ren bin. Wow, ein Wartungs­ver­hältnis wie ein Hub­schrau­ber.

Die Zeit für ein kleines "Unter dem Helm Make Up" nehme ich mir aber trotz­dem. Etwas Foundation, ein kleiner Lidstrich und dra­ma­tisch dicke Wimpern­tusche. Richtig dramatisch wird die allerdings erst später, als ich mir im Nebel gedanken­ver­loren mit nassen Hand­schuhen die Augen reibe. :-)

Bevor ich losfahre, bestelle ich mir im Hotel du Tunnel das petit déjeuner, ein kleines Früh­stück. Es gibt ein Baguette, etwas Butter und dazu ein gelbes Gelee, das so flüssig ist, dass es sofort wieder vom Brot herunter läuft. 6,50 Euro. Ein tapferer Preis für eine Tasse Kaffee und ein trockenes Brötchen mit Blubberlutsch. Kein Wunder, dass die Frauen hier alle so schlank sind.

Es ist kurz nach neun, als ich die Kawa starte und durch St. Marie aux Mines langsam zum Beginn der 75 Km langen Route des Crêtes rolle. Zuerst muss der Motor richtig warm sein, bevor ich die green cow scheuchen darf. Große Schilder warnen Motorrad­fahrer am Beginn der Route davor, zuviel zu riskieren, denn die Strecke hat es wirklich in sich.

Svendura auf der Route des Cretes Ein schmales, vielfach ausgebessertes Asphaltband mit unglaublichen Kurven. Die Spezialität der Route des Crêtes scheinen Haarnadelkurven zu sein, die ohne Ankündigung am Ende langer Geraden lauern, wo ich in Sekunden vom sechsten bis in den zweiten Gang zurück­schalte, nur um auf der folgenden Geraden die Gänge blitzschnell erneut durchzu­laden. Dazu nasser Asphalt, Bitumenflickerei und kleine Schlag­löcher. Oh, ich liebe es und lasse die cow so richtig fliegen.

Die Route des Crêtes ist das perfekte Spaßgebiet für meine schlanke 250er Enduro. Mit 70 bis 80 km/h bin ich schon fett im Grenzbereich des Machbaren. Bloß nicht unaufmerksam werden, sonst brauche ich mir um das Wetter keine Gedanken mehr zu machen.

Im vierten Gang fliege ich in eine Rechtskurve ein und merke reichlich spät, dass es eine sehr enge Hundekurve ist. Brutal trete ich das Getriebe zwei Gänge runter, fast ohne die Kupplung zu benutzen. Das Hinterrad stempelt zweimal kurz auf den Asphalt und ich kann die cow gerade noch wieder einfangen. Was mache ich hier eigentlich? Nein, so geht das nicht. Ich möchte doch auch etwas von der Landschaft sehen und vor allem wieder heil nach Hause kommen. Von jetzt an nehme ich mich deutlich zurück, genieße die schöne Strecke und habe auch viel mehr Freude am Fahren.

Nach einer knappen Stunde Fahrspaß durch die rauen Vogesen lege ich auf dem Col du Bonhomme meine erste Pause ein. Dort stelle ich die Kawa ab und mache ein paar Fotos von der Umgebung. Als ich zurück zum Motorrad komme, steht ein riesiger gelber Reisebus direkt neben meiner Enduro.

Svendura auf dem Col du Bonhomme an der Route des Cretes „Madame, Madame.“, ruft plötzlich eine unbe­kannte Stimme hinter mir. Es dauert eine Idee zu lange, bis mir endlich klar wird, dass nur ich gemeint sein kann. Sonst ist hier nämlich niemand.

Mit einem strahlenden 1000 Watt Lächeln drehe ich mich um und stehe dem Reise­leiter der fröhlichen Kaffeefahrer gegen­über. Er strahlt colgateweiß zurück und ich lege noch einmal 500W oben drauf. „Soll isch eine Photo machen von Sie?“, fragt er mit breitem, französischem Akzent.

„Oh, ja. Sehr gerne. Danke schön.“, brabbele ich debil zurück und stelle mich schon in Pose, wie ich das immer tue, wenn ich eine Kamera nur aus der Ferne sehe. Der unbe­kannte Franzose macht ein Foto, strahlt mich ein letztes Mal an und verschwindet mit einem charmanten „Salut, Madame.“ wieder im Bus, der sich kurz darauf in Bewegung setzt.

Minuten später düse ich auf der kleinen Kawa wieder über die Route des Crêtes und schwebe dabei auf Wolke 7. Für eine Weile stört es mich nicht einmal, dass mir die Wolken eins bis sechs jetzt wieder langsam in die Stiefel regnen.

Svenja auf dem Col de la SchluchtDer nächste Höhepunkt ist der Col de la Schlucht, eine Passstraße, die in einer Höhe von 1139 m die Route des Cretes kreuzt. Auf dem Parkplatz vor der Brasserie de la Schlucht stehen schon andere Biker, die ebenfalls Pause machen.

Eine Gruppe von Schweizern ist sogar mit fast 20 Maschinen unterwegs. Alles Racer und Naked Bikes. Nein, ich glaube, das wäre nichts für mich. Ich fahre viel lieber alleine.

Das Wetter ist besser geworden und nach langer Zeit kann ich die Regenkombi endlich einmal wieder auf die Gepäckrolle schnallen. Nur kalt ist es geworden. Mein Halt auf dem Col de la Schlucht dauert nur wenige Minuten, denn zu sehen gibt es hier sonst nichts. Mein nächstes Ziel ist der Grand Ballon (Großer Belchen), mit 1424 m der höchste Berg der Vogesen. Die Strecke dorthin ist wunderschön und etwas weitläufiger mit einigen schnelleren Kurven.

Mit dem Motorrad am Grand Ballon
Pause am Grand Ballon

Am Grand Ballon mache ich Halt und esse ein wenig von dem Speck, den ich noch im Tank­rucksack habe. Jetzt muss ich über­legen, wie meine Reise weitergehen soll. Die Regen­tage fressen allmählich meine Reise­kasse auf.

Die letzten Kilometer Route des Cretes vor Cernay In Frankreich finde ich nur schwer ein Zimmer mit Frühstück unter 50 Euro und die Restaurants sind ungefähr ein Drittel teurer als bei uns. Ich fürchte, dass ich mir den Regen UND Frankreich auf Dauer nicht leisten kann, denn ich hatte mit 10 Euro Camping­gebühren pro Nacht gerechnet und nicht mit einem Hotel­urlaub.

Schweren Herzens entscheide ich mich dazu, die Route des Cretes noch in Ruhe bis zu ihrem Ende zu fahren und von dort zurück nach Deutschland und mir den Schwarzwald anzusehen.

Die letzten Kilometer bis Cernay, dort wo die Route des Cretes endet, zeigen sich die Vogesen von ihrer besten Seite. Blauer Himmel, strahlender Sonnen­schein und angenehme Temperatur um 20° C.

Inzwischen blinkt es im Cockpit der kleinen Kawasaki wieder ganz hektisch FUEL FUEL und ich brauche bald eine Tankstelle und vor allem auch einen Geldautomaten und zwar in der Reihenfolge.

Endurowandern mit Svenja
Das Foyer St. Erasme in Cernay am Ende der Route des Cretes

Mit der KLX250 auf der Autobahn in Frankreich Zum zweiten Mal in diesem Urlaub fahre ich ein kurzes Stück Autobahn, denn auf der Landkarte kann ich keinen anderen sinnvollen Weg nach Colmar entdecken. Aber vielleicht halte ich die blöde Karte auch wieder falsch herum, wer weiß das schon?

Auf der Autobahn bin ich mit der kleinen Enduro nicht so gut aufgehoben. Weil ich den Einzylinder­motor nicht zu Tode drehen will, hänge ich mich die letzten Kilometer bis nach Colmar in den Windschatten eines französischen LKW und bleibe unter 7ooo U/min.

Um ein Haar verpasse ich die Ausfahrt nach Colmar, weil ich so dicht hinter dem Laster hänge und das Schild erst viel zu spät sehe.

Die gelbe Fuel Warnlampe ist sogar im Sonnenschein gut zu erkennen und erinnert mich fortwährend daran, bald eine Tankstelle anzulaufen. Noch vor Colmar fülle ich den Tank der Kawa an einer TOTAL-Tankstelle nach. Satte 5,2 l gehen diesmal rein. Wow!




Tag 6 - Nachmittag

Breisach und Hochschwarzwald


Endurowandern mit Svenja

Von Colmar geht es weiter in Richtung Breisach, wo die Rheinbrücke das französische Neuf-Brisach vom deutschen Breisach am Rhein trennt. Die Landschaft ist hier ganz anders, als die rauen Vogesen, durch die ich noch vor einer Stunde gefahren bin. Sie ist lieblicher und birgt bereits eine Ahnung von Almen und Kuhglocken.

Das Wetter sieht gut aus und meine Klamotten sind trocken. Heute will ich endlich zelten und auch den kleinen Einweggrill beschäftigen, den ich schon seit Kiel mit mir herumschleppe. "Heute bist du dran, Freundchen.", denke ich. Ich muss nur Grillfleisch besorgen und einen Campingplatz finden.

Blick auf ein Tal im Breisgau
Blick hinunter in ein Tal im Breisgau

In St. Blasien im Südschwarzwald lege ich einen Stopp ein, um mich mit Vorräten einzudecken. An diesem Nachmittag ist in dem malerischen Kurort die Hölle los. Es findet das 15. Internationale Holzbildhauer Symposium statt. Überall im Ort stehen Typen herum, die mit Kettensägen unter irrsinnigem Lärm riesige Stämme bearbeiten. Welch ein unglaublicher Krach. Ich gucke eine Weile zu, aber das ist mir zu laut. Außerdem sägen diese Landeier einfach alles weg, was nicht irgendwie nach Heiligenfigur aussieht. Wie schwierig kann das schon sein?
St. Blasien Mich zieht es stattdessen zu EDEKA, wo ich mir zwei große fette 350 g Entrecotes und ein Nackensteak besorge. Dazu meine Beilagen­klassiker, Kräuterbutter und Blanchet. Ich verstaue den Einkauf im Tankrucksack und breche zügig auf in Richtung Schluchsee. Dort soll es einen sehr schönen Campingplatz direkt am Seeufer geben. Den Tipp bekomme ich von einer Schweizer Bikerin, die in St.Blasien ihre Honda Transalp direkt neben meiner KLX abstellt.

Einige Kilometer vor Schluchsee folge ich der Beschilderung zu einem Campingplatz. Als ich endlich merke, dass es hier gar nicht zum Schluchsee geht, sondern in ein Seitental in den Bergen, habe ich keine Lust mehr, noch einmal umzukehren. Stattdessen lenke ich die green cow schließlich auf den Campingplatz Speckhüsli und beschließe, hier zu zelten.

Der Empfang an der Rezeption des Campingplatzes ist sehr freundlich, aber das Anmelde­formular haut mich fast um. Ein mehrfach Durchschreibesatz mit einer Informations­fülle, wie ich sie erwarte, wenn ich mit dem Direktflug von Damaskus in den USA landen will. Holy Moly, denke ich und mache mich an die Arbeit.

Kawasaki KLX250 mit Zelt und Grill Schon wenige Minuten darauf darf ich jedoch mein Zelt aufstellen. Dabei ist mir jede Bewegung so angenehm vertraut, als wenn ich einen alten Handschuh anziehe.

Zuerst bestimme ich die Himmelsrichtung, damit das Zelt morgen früh gleich in der Sonne steht und schnell abtrocknet. Dann suche ich den Boden gründlich nach Steinen und kleinen Unebenheiten ab und überlege, wo der Eingang sein soll.

Als nächstes breite ich das Innenzelt aus, clippe die Alustangen ein, spanne das Außen­zelt darüber und innerhalb weniger Minuten steht das bewährte VauDe Campo. Ich habe mein Zelt direkt neben einen Tisch und eine Bank gestellt. Hier kann ich nachher bequem sitzen, essen und Tagebuch schreiben.

Svendura fettet die Kette an ihrer KLX250 Als nächstes checke ich, wie jeden Abend, das Motorrad durch. Motoröl und Reifen sind ok und auch sonst finde ich keinerlei Auffällig­keiten. Lediglich die Kette muss mal wieder geschmiert werden.
Mit viel Geduld bearbeite ich jedes einzelne Ketten­glied und schiebe die KLX Stück für Stück weiter, bis alles gut gefettet ist. Danach fahre ich eine Runde langsam ums Camp, um das Fett zu verteilen, ohne dass es abschleudert.

Svendura auf dem Campingplatz Als die cow versorgt ist, kann ich mich endlich um das Wichtigste kümmern, um meinen Grill. Aus Erfahrung bohre ich zusätzlich ein paar große Luftlöcher in die Aluschale bevor ich die Holzkohle anzünde.

Es dauert trotzdem fast 40 Minuten, bis die Kohle endlich durchgeglüht ist und ich das Fleisch auf den Grill legen kann. In der Zwischen­zeit schreibe ich mein Reisetagebuch fort und trinke dabei Blanchet aus dem kleinen Metall­becher, der sonst mit einem Karabiner­haken außen am Gepäck hängt.

Während ich genussvoll die knusprigen Entrecotes esse, spüre ich, wie es langsam kälter wird. Kein Wunder, denn der Camping­platz liegt in 940 m Höhe am Berg.

Dennoch freue ich mich schon auf die Nacht, denn meine Freundin Claudia hat mir einen ihrer Polarschlafsäcke geliehen, die sie für ihre Expeditionen nach Spitzbergen gekauft hat. "Bis -30° wirst du damit super schlafen, aber bei -40° würde ich die Unterwäsche anlassen.", beruhigt Claudia mich, als sie mir am Abend vor meiner Abreise aus Kiel den dicken Daunen­schlafsack bringt.

Svenduras Reisetagebuch mit Pieps und Blanchet Kurz nachdem die Sonne untergegangen ist, senkt sich schon der Tau auf die Erde und es wird sehr schnell unangenehm feucht und kalt.

Gegen 21 Uhr verschwinde ich in mein Zelt, mache alle Reiß­ver­schlüsse dicht und krieche glücklich, satt und zufrieden in den dicken, kuscheligen Daunen­schlaf­sack.

Eine Weile lese ich noch im Licht meiner Stirnlampe, aber dann werde ich plötzlich müde, mache das Licht aus und bin innerhalb weniger Augenblicke fest eingeschlafen.










Tag 7 - Schwarzwaldhochstraße
Bikerfrühstück im Speckhüsli im Schwarzwald

Perfekt ausgeruht und in den Knien federnd hüpfe ich am nächsten Morgen um sieben aus dem Zelt und gehe mit Pieps auf ein großes Biker­früh­stück in die Campingklause.

Während mein Zelt bereits in der Sonne trocknet, vertilgen wir beide eine Riesen­portion Rührei mit Speck und ich trinke zwei Kännchen Kaffee dazu. Das war ein erstklassiges Frühstück und jetzt kann der Tag beginnen.

Das Wetter sieht prima aus, aber obwohl es eine klare Nacht war, ist das Zelt von Kondens­wasser und Tau ziemlich nass geworden. Das Außenzelt meiner kleinen Tropfsteinhöhle hänge ich zum Trocknen übers Motorrad.

Das Zelt trocknet in der Morgensonne

Im Waschhaus jammern mir die Dauer­camper munter die Ohren voll, weil wir den ersten Nachtfrost hatten, worauf sie natürlich nicht eingestellt waren und heftig gefroren haben. Ich denke, das ist der passende Zeitpunkt, um ein wenig mit Claudias Schlafsack anzugeben und zu zu jammern, dass ich ihn auflassen musste, weil er für die lumpigen -1° C viel zu warm ist?

Bis ich meine ganze Ausrüstung trocken verstaut habe und endlich losfahren kann, ist es schon 11 Uhr. Am Schluchsee halte ich nur kurz an, um dieses Foto zu machen, dann geht es weiter nach Titisee.

Svenja mit dem Motorrad am Schluchsee
Ein amerikanischer Tourist macht am Schluchsee dieses Foto von mir

In Titisee angekommen, fahre ich ganz langsam durch den Ort. Hunderte anderer Touristen bevölkern schon die Innenstadt. Ich bin ganz erstaunt darüber, dass ich nirgends mein Motorrad loswerden kann. Sonst stelle ich mein Bike einfach irgendwo auf dem Bürgersteig ab, aber nicht in Titisee. Alles verboten, gesperrt, reglementiert.

Svendura in Titisee mit dem MotorradZur Ehrenrettung der kleinen Schwarzwald­gemeinde mit dem lustigen Namen muss ich allerdings sagen, dass es einen großen Parkplatz am Bahnhof gibt, der für Motorräder sogar kostenfrei ist. Dort parke ich die Kawa auf dem letzten freien Platz und latsche (ich hasse gehen) die 250 m zurück ins Dorf.

Besonders ursprünglich ist der Ortskern aber nicht mehr. Überall werden Andenken und Kuckucksuhren angeboten. Dabei unterbieten sich die Läden mit dem aller­größten Kitsch, der sicher nicht aus dem Schwarzwald stammt, sondern mächtig nach Taiwan aussieht.

Dennoch kann ich mich der zuckersüßen Atmosphäre von Schwarzwälder Kuckucksuhr und Kirschtorte nicht ganz entziehen und finde es trotz Kitsch und Kommerz insgeheim sogar wunderschön.

Ich bestaune alles und kaufe dann wenigstens eine Ansichtskarte für Claudia, "Schöne Grüße aus Titisee.", die ich am Bahnhof gleich einwerfe. (Die Karte, nicht Claudia)

Svenja als Schwarzwaldmadel in Titisee
Schwarzwaldmädel in Titisee

Mein nächstes Ziel ist die Schwarzwaldhochstraße, die ich 2007 schon einmal gefahren bin. Damals habe ich aber vor lauter Regen fast überhaupt nichts gesehen, so sehr hat es damals gegossen. Heute hingegen sieht das Wetter richtig klasse aus. Strahlender Sonnenschein um 20° C.

Schwarzwaldhochstrasse mit dem Motorrad
Entschuldigung, können Sie mir vielleicht sagen, wo es nach Baden-Baden geht?


Mit dem Motorrad im Schwarzwald Die Schwarzwaldhochstraße beginnt bei Freudenstadt und endet nach 60 Km in Baden-Baden. Sie ist wirklich wunderbar zu fahren.

Die Strecke ist sehr gut ausgebaut und hat einen perfekten Straßenbelag. Leider lockt sie aber auch die größten Spinner aus dem In- und Ausland an. Ein paarmal werde ich überholt, dass Pieps und ich vor Schreck fast von der Cow herunterfallen. Üble Knieschleifer in buntem Leder, die uns wie die Geistesgestörten überholen. Ich fahre jetzt 30 Jahre Motorrad, aber mit denen habe ich absolut nichts gemein. Schnaub...

Mitten im Hochschwarzwald bekomme ich plötzlich Appetit auf Schwarzwälder Kirschtorte. Heute lasse ich den alten Doc Atkins mal zuhause und suche mir unterwegs ein schönes Gartencafé.

Kurz darauf sitze ich schon in der Sonne vor einem wirklich riesigen Stück Kirschtorte. Holy Moly, da hätten sie in Kiel leicht zwei Stücke draus geschnitten. Sie schmeckt göttlich und überhaupt nicht zu süß.

SchwarzwŠlder Kirschtorte essen

Völlig überfressen habe ich meine liebe Mühe, das Bein über die Sitzbank zu schwingen. Mein Magen drückt gegen die Lunge und ich kriege kaum Luft. Satt und zufrieden fahre ich auf der Hochstraße weiter nach Baden-Baden.

Als ich in Baden-Baden einlaufe, bin ich von dem hektischen Großstadtverkehr ziemlich überrascht und verfahre mich so heftig, dass es mich satte 20 Km kostet. Mist. Dafür ist aber das Wetter wunderbar mild, warm und sonnig. Ideales Wetter zum Zelten. Trotzdem kann ich mich einfach nicht überwinden, mir einen Campingplatz zu suchen und im Dreck zu schlafen. Ich bin selbst ein wenig erschrocken über diesen Gedanken und suche mir stattdessen ein Hotelzimmer. Wie teuer kann das in einer Stadt wie Baden-Baden schon sein...?

Etwas übermütig halte ich vor dem wunderschönen Hotel Wolfsschlucht in Baden-Baden und frage nach dem Preis für ein Zimmer mit Frühstück. Ich bin richtig überrascht, als ich erfahre, dass es nur 43 Euro inklusive großem Frühstücksbuffet kostet.

Mein Zimmer verfügt über ein großes, modernes Bad mit Wanne und eine Viertelstunde später sitze ich fröhlich planschend im heißen Schaumbad. In diesem Moment wird mir klar, dass ich vielleicht nie wieder zelten werde. Ausgerechnet ich, Svenja Svendura, die seit Jahrzenten mit Zelt und Schlafsack unterwegs ist. Ich kann noch immer auf jedem Boden schlafen, ohne Rückenschmerzen zu bekommen. Ich könnte mein Zelt im Dunkeln schnell und sicher aufstellen und ich weiß alles, was ich übers Zelten wissen muss und dennoch: Das ist over für mich. Diese Zeit ist vorbei, jetzt kommt etwas anderes.

Oder bin ich nur durch die vielen Regentage so zermürbt? Ich weiß es nicht, aber dieses Gefühl, im Dreck zu schlafen und alles ist schmutzig und unordentlich, das ertrage ich momentan nicht mehr. Das hat sich auf meinem Weg von Sven zu Svenja wirklich verändert. Andererseits: Nie wieder vorm Zelt grillen...?

Die Schwarzwälder Kirschtorte ist jetzt schon wieder einige Stunden her und längst Geschichte. Ich habe Hunger und erinnere die großen Schilder, die mit frischem Wild in der Wolfsschlucht geworben haben. Wenn schon stilvoll, dann aber richtig. Heute gibt's Wild.

Ich ziehe das graue Minikleid an, dazu die schwarze Strumpfhose und Ballerinas und male mir sorgfältig ein schönes Abendgesicht. Wie gut, dass ich jeden Abend woanders bin, auf diese Weise bemerkt niemand, dass ich immer dasselbe Kleid trage :-)

In bester Laune schwebe ich ins Restaurant. An einem Tisch sitzen vier Männer, die alle etwas älter sind als ich. Sie sind in ausgelassener Stimmung und bestellen munter ein Bier nach dem anderen. Eigentlich ganz sympathische Typen, keine Proleten jedenfalls und wie ich heraushöre Mitglieder des Baden-Badener Tennisclubs, die wohl gerade von einem Turnier kommen. Keine Gefahr, denke ich, beachte die Jungs nicht weiter und bestelle mir einen Wildschweinbraten mit Preiselbeeren. Dazu nehme ich ein Bier.

Während ich auf mein Essen warte, schreibe ich fleißig in mein Reisetagebuch. Ich suche auf der Karte die Wolfsschlucht, kann sie aber nicht finden. Mit meiner Generalkarte in der Hand gehe ich zwei Tische weiter und bitte die Männer am Tisch höflich darum, mir die Wolfsschlucht auf der Karte zu zeigen. Einer der Männer zeigt mir die richtige Stelle auf der Karte, während die anderen vor sich hin witzeln. Sie laden mich ein, mich dazuzusetzen, aber ich lehne höflich ab mit dem Hinweis, dass ich auf mein Essen warte und kehre zurück an meinen Tisch.

Trotzdem scheine ich bei den Jungs in ein Wespennest gestochen zu haben, denn während ich weiter auf mein Essen warte, drehen die Typen jetzt richtig auf. Es werden reihum dreckige Witze zu erzählt, Marke: Der Pastor und das Äffchen. Oh Mann, denke ich. Darüber konnte ich auf dem Schulhof schon nicht mehr lachen.

Inzwischen ist mein Wildschweinbraten gekommen und das Essen sieht wirklich lecker aus. Die Jungs lassen sich davon nicht stören und werden langsam unangenehm. Ich merke, dass die Sprüche ziemlich in meine Richtung gehen und dass genügend Alkohol auch Baden-Badener Society zu Proleten macht. Zum Glück hält mein Passing, andernfalls würde ich das sofort merken, denn die im Schnitt 60-jährige Boygroup nimmt kein Blatt mehr vor den Mund.

Die Jungs fangen allmählich an, mich zu nerven und ein wenig ängstigen sie mich auch. Ich würde gerne in Ruhe essen und ich merke, dass ich langsam sauer werde. Was mache ich nur? Soll ich kurz rübergehen und einem von den Clowns den Arm auskugeln? Das geht schnell, macht nicht zuviel Mühe und hat für alle Beteiligten einen enormen Unterhaltungswert. Andererseits gibt es dann vermutlich ein Riesengeschrei und in der Zwischenzeit wird mein Wildschwein kalt. Ich stecke in einer Zwickmühle.

Schließlich wähle ich den klügsten Weg, indem ich zügig aufesse, mein Bier stehenlasse, und schnell auf mein Zimmer verschwinden will. Dummerweise muss ich ausgerechnet am Tisch der fröhlichen Geronten vorbei, wo die Stimmung unaufhaltsam ihrem traurigen Höhepunkt entgegensteuert.

Als einer der Knaben hinter meinem Rücken so laut flüstert, wie das nur Betrunkene können: "Wetten, die ist schon ganz feucht?", da ahnt er gar nicht, wie nahe wir alle in diesem Moment an einer kleinen Katastrophe vorbeischrammen.

Hinterher bin ich allerdings ziemlich stolz auf mein Passing, denn die Jungs hätten es mich wissen lassen, wenn sie irgendwelche Zweifel an meiner Weiblichkeit gehabt hätten. Insofern ist es doch nicht schade, dass ich vorzeitig aufs Zimmer verschwunden bin. Und dieses blöde Wildschwein war ohnehin zäh wie eine alte Satteldecke...




Tag 8 - Nagold - Neckar - Spessart
Ich werde morgens von der Sonne geweckt

Am nächsten Morgen werde ich schon um kurz nach sieben wach, weil mir ein strahlender Sonnen­aufgang durch die geschlossenen Lider in die Augen piekt.

Yippieh, welch ein schöner Morgen. Mit drei Sätzen hüpfe ich unter die Dusche und mache mich in absoluter Rekordzeit fertig. Sogar die Wimperntusche muss heute etwas dünner ausfallen, denn ich will endlich frühstücken und so schnell wie möglich in den neuen Tag starten.

Das Frühstück in der Wolfsschlucht ist wirklich mega lecker. Einzig der Kaffee ist ein bisschen dünn und als ich aus Versehen etwas auf die gelbe Tischdecke kleckere, gibt es nicht mal einen richtigen Fleck. Trotzdem stelle ich vorsichtshalber den Salzstreuer auf die Stelle.

Eine Stunde später habe ich mein Gepäck verstaut und starte die hochbeinige grüne Kawasaki. Ich bin jedes Mal aufs Neue begeistert davon, wie ruhig und gleichmäßig der kleine Motor läuft. Ohne Scheppern und Rasseln säuselt er im Standgas leise vor sich hin. Ganz behutsam fahre ich ihn die ersten 10 Kilometer mit kleiner Drehzahl warm und bleibe beständig unter 5.000 U/min. Das gibt auch mir die Gelegenheit, die letzte Bettwärme abzuschütteln und selbst auch ein wenig geschmeidiger zu werden.

Der nächste größere Ort ist Bad Herrenalb. Es ist ein strahlend schöner Tag und das Thermometer an der Volksbank zeigt schon 14° C an. In dieser Gegend sind die Kurorte aufgereiht, wie Perlen auf einer Schnur. Ich fahre abwechselnd über aufregende Kurvenstrecken und rolle danach wieder leise durch einen der kleinen Kurorte. Das macht einfach Spaß und ich fühle mich rundherum glücklich und zufrieden.

Ich möchte heute noch bis in den bayrischen Spessart fahren, der mich auf meiner letzten Reise so beeindruckt hat. Leider habe ich dort 2007 keine einzige trockene Minute verbracht und war total nass und durchgefroren. Aber heute sieht es besser aus.

Über Bad Wildbad gelange ich auf die Schwarzwald Bäderstraße und folge auf ihr dem Lauf der Nagold. Ein wunderschöner kleiner Fluss, der sich viel von seiner Ursprünglichkeit bewahrt hat. Ich erreiche Pforzheim und sehe mir die Fischtreppe in Nagold Weissenstein an. Schließlich bin ich kein Banause und gucke mir unterwegs durchaus einige Sehens­würdigkeiten an. Jedenfalls solange ich dafür nicht extra absteigen muss...

Fischtreppe der Nagold in Pforzheim Weissenstein
Die Fischtreppe der Nagold in Pforzheim Weissenstein

Meine Route führt direkt durch Pforzheim hindurch und auf der Durchgangsstraße erlebe ich eine schmutzige, hässliche Stadt mit einem erschreckend hohen Ausländeranteil. Der Fairness halber muss ich aber sagen, dass mehrspurige Durchgangsstraßen nur selten durch die schönsten Ecken einer Stadt führen. Vielleicht kennt jemand Pforzheim und kann mir doch noch etwas Nettes über diese Stadt schreiben?

Bei Walheim erreiche ich den Neckar und folge seinem Lauf in Richtung Norden. Die Sonne ist mittlerweile wieder hinter dunklen Wolken verschwunden und ich sehe mißtrauisch nach oben, ob es schon wieder Zeit ist, die Regenkombi anzuziehen. Durch Heilbronn und Neckarsulm ziehe ich meine Bahn am Fluß entlang.

In Eberbach verlasse ich den Neckar und biege nach Nordosten ab in den Odenwald. Auf der Siegfriedstraße fahre ich mitten durch diese wunderschöne Kulturlandschaft. Zum Glück herrscht nur wenig Verkehr und ich kann die Fahrt so richtig genießen.

Zwingenberg am Neckar
Burg Zwingenberg am Neckar (danke Volker :-)

Inzwischen sitze ich schon wieder sieben Stunden im Sattel und kurz hinter Miltenberg fange ich an, mich nach einem Bett für die Nacht umzusehen. Heute brauche ich mir keine Gedanken ums Zelten zu machen, denn inzwischen hat es wieder angefangen zu regnen. Die Bettensuche gestaltet sich heute besonders frustrierend. Ich mache zweimal den Fehler, meine Route zu verlassen, weil ich der Beschilderung zu einem Hotel folge. Beide Male ist es ein Umweg von 5 Kilometern und beide Male sind die Läden geschlossen. Klingeln, klopfen, fluchen, aber da ist keiner. Mist. Weiterfahren.

Mitten im Bayrischen Spessart finde ich dann aber ein echtes Goldstück von einem Landgasthof, den Auerhahn in Hobbach. Schon beim Anblick der Speisenkarte läuft mir das Wasser im Mund zusammen und die Preise für Essen und Trinken sind so unglaublich günstig, dass ich schon kleine Portionen befürchte, aber nicht im Auerhahn! Die Übernachtung kostet 30 Euro mit Frühstück und mein Zimmer ist mit ganz neuen, blau gebeizten Bauernmöbeln sehr gemütlich eingerichtet. Ich bin richtig begeistert, diesen tollen Gasthof entdeckt zu haben.

Auerhahn in Eschau Hobbach Neuhammer
Der Auerhahn in Hobbach - Mein Top Tipp für Biker im Spessart

Ich darf die Enduro in die Garage hinterm Gasthaus stellen und trage das Gepäck die wenigen Schritte in mein Zimmer. Ohne mich umzuziehen gehe ich in meinen Motorradsachen hinunter in den großen Wintergarten und trinke erstmal in Ruhe ein Bier. Ich merke, dass die Tage anstrengender werden und ich die acht Stunden im Sattel der kleinen Enduro nicht mehr so mühelos wegstecke, wie noch zu Beginn meiner Reise. Wenn ich wieder zuhause bin, brauche ich sicher erst einmal Erholung vom Urlaub.

Eine gute Stunde später erscheine ich komplett gestylt wieder in der Gaststube. Unter dem Arm trage ich Pieps, die zu faul zum Laufen ist, mein Reisetagebuch, zwei Bleistifte, einen Anspitzer, verschiedene Landkarten, die Reisekasse und meine Digitalkamera. Eintrag ins Logbuch: Auf der nächsten Reise nehme ich eine kleine Handtasche mit und ein Paar höhere Schuhe. Zwei Tische weiter sitzt nämlich eine total süße Blondine gegen die ich mit meinen langweiligen Flachtreter Ballerinas mächtig abstinke, sie hat nämlich ein paar echt heiße Keilpumps an. Dafür ist mein Kleid aber deutlich kürzer, wodurch ich wieder ein wenig Boden gutmache.

Ich schenke der Schönen ein strahlendes Tausend Watt Lächeln, doch sie hat nur ein dürres Grinsen für mich übrig, bevor sie irritiert wegschaut. Irgendwie funktioniert diese Nummer in letzter Zeit nicht mehr so gut wie früher. Dabei habe ich damit in meinem ersten Leben einige tolle Kontakte geknüpft, indem ich nach einem freundlichen Gegenlächeln ein nettes Gespräch mit der Schönen angefangen habe. Diese ganze Passingsache hat entschieden auch ihre Nachteile. Mist, daran hab ich vorher nie gedacht. Ich muss mich erst noch daran gewöhnen, dass schöne Frauen jetzt out of reach für mich sind.

Zum Abendessen bestelle ich eines meiner absoluten Lieblingsessen, Tafelspitz in Meerrettich­soße. Ich kann kaum glauben, dass die große Portion nur 5,60 Euro kostet und hätte am liebsten noch ein Schnitzel dazu gegessen, aber ich bin schon satt.

Jetzt kommt der Teil, den ich abends im Hotel so sehr liebe. Dick und kugelrund gefressen sitze ich zufrieden an meinem Tisch und schreibe mit Bleistift in das kleine Reisetagebuch, solange die Eindrücke noch ganz frisch sind.Der Auerhahn in Hobbach

Dazu bestelle ich mir von Zeit zu Zeit ein frisches Bier, oder ein Glas Wein. Den Bleistift muss ich an diesem Abend gleich mehrfach neu anspitzen, bevor ich gegen halb zehn richtig schön müde und bettschwer auf mein Zimmer verschwinde. Minuten später bin ich bereits fest eingeschlafen.




Tag 9 - Vom Spessart in den Harz
FrŸstŸck im Hotel Auerhahn

Als ich am nächsten Morgen in die Gaststube komme, warten dort schon ein großer Brötchenkorb und eine üppige Wurstplatte auf mich. Dazu gibt ein weich gekochtes Frühstücksei, leckeren Orangensaft und starken Kaffee, soviel ich nur mag.

Ich mampfe das Frühstück in bester Laune in mich hinein, ohne die Marmeladen und den Honig auch nur eines Blickes zu würdigen. Welch ein toller Start in den Tag, jetzt gehts aber los.

Für heute habe ich geplant, Schloß Mespelbrunn zu besichtigen, das berühmte Wirtshaus im Spessart. Leider liegt es aber nur lausige 7 Km vom Auerhahn entfernt und ist damit auch schon wieder aus dem Rennen. Denn sowie ich morgens auf meiner Enduro sitze und der Motor läuft, ist jeder Gedanke an irgendwelche Schloßbesichtigungen vergessen und ich will nur noch fahren. Darüber muss ich bei Gelegenheit wirklich mal mit einem guten Therapeuten reden.

Einige Kilometer weiter fahre ich bereits mitten durch den tiefen, dunklen Spessart. Die Septembersonne schafft es nur langsam, den Frühnebel aufzulösen. Hinter Weibersbrunn folge ich dem Bach Hafenlohr bis nach Rothenfels, wo er in den träge dahinströmenden Main fließt.

Brücke über den Main
Blick über den Main

Ich habe die wunderschöne Kurvenstrecke an diesem Morgen fast für mich allein, nur der überladene Kleinbus einer Heizungsbaufirma stört meine morgendlichen Kreise. Hinter einer Spitzkehre ziehe ich im dritten Gang bergauf mit hoher Drehzahl vorbei und während ich die Gänge vier, fünf und sechs nachlade, rauche ich die Heizungsjungs locker auf. Soo lahm ist die kleine Kawa dann doch nicht.

Endurowandern mit Svenja
Die Navigatorin bei der Arbeit...

Ich folge dem Lauf des Mains bis nach Gemünden, wo ich den Fluss verlasse und in die Bayerische Rhön abbiege. Entlang der Fränkischen Saale fahre ich bis nach Bad Kissingen, wo ich Pause mache und einen Becher heißen Kaffee trinke.

Am Rennsteig in ThŸringen mit dem Motorrad
Kurvenstrecke durch den Thüringer Wald

Über Bad Königshofen und Hildburghausen reise ich weiter in den Naturpark Thüringer Wald, wo eine dramatische Kurvenstrecke durch tiefen Nadelwald am Rennsteig entlang führt. Bei Ohrdruf lasse ich den Thüringer Wald hinter mir und folge der B247 bis nach Gotha, das ich als eine deprimierend hässliche Stadt erlebe.

Straßenszene in Gotha
Eine deprimierende Straßenszene in Gotha

Ich sehe viele verlassene Häuser, deren längst eingeschlagene Scheiben notdürftig mit Holz vernagelt wurden. Und es gibt in Thüringen eine Kultur des wilden Plakatierens, die ich aus Schleswig-Holstein nicht kenne. An jedem zweiten Laternenmast hängen grellbunte Plakate auf Neonkarton, die abwechselnd für irgendwelche Erotikshows, Pornomessen und Table Dance Shows werben.

Nein, hier gefällt es mir ganz und gar nicht und ich fahre ohne anzuhalten über Großenehrich zügig weiter in Richtung Norden. Kurz vor Sonderhausen beginnt es wieder zu regnen und ich suche mir ein Zimmer für die Nacht.

Am Ortsausgang von Nordhausen halte ich an einem Gasthof mit Restaurantbetrieb. Die tolle Schnitzelkarte hat es mir auf Anhieb angetan und ich gehe hinein, um nach einem Zimmer für die Nacht zu fragen. Die Gaststube ist leer und nachdem ich eine Weile mit meiner Regenkombi den Teppich vollgetropft habe, rufe ich laut "Hallo?!". Nach kurzer Zeit erscheint auch jemand, aber der ist schon ziemlich gallig: "Wer hat hier hallo gerufen?".

Haus in GothaIch verkneife mir eine echte Svenja Erwiderung und frage nach dem Preis für das Zimmer. Als ich höre, dass es 45 Euro die Nacht kosten soll, falle ich ein wenig aus der Rolle: "Wieee bitte?! Nein, danke, das ist nicht meine Preislage." und beinahe hätte ich hinzugefügt: "Jedenfalls nicht in dieser Gegend." Ich war ganz erstaunt darüber, wie teuer manches in den neuen Bundesländern ist, obwohl die Leistung nicht dagegen steht. Der Wirt ist ein wenig ungehalten mit mir. Natürlich weiß er, dass es gerade in Strömen regnet und dass es schon spät ist. "Na dann viel Glück. Ich glaube nicht, dass Sie hier was Billigeres finden."
Oh doch, das denke ich schon und der Regen macht mir inzwischen schon nichts mehr aus, denn ich wohne in dieser Regenkombi und meine Haut hat eine Unterlage aus Goretex. Pöh...

Ich weiß nicht genau, ob Frauen einen Kavalierstart hinlegen können, aber mit einem leichten Wheely fahre ich den Bordstein hinunter auf die Straße und rausche in einer beeindruckenden Gischtwolke in Richtung Harz davon. Notfalls muss ich eben bis Braunlage, oder sogar bis Osterrode durchhalten. Dort finde ich ganz sicher etwas Gutes.

Als ich mitten im Harz in 640m Höhe durch den kleinen Ort Hohegeiß fahre, entdecke ich die Beschilderung zum Berghotel Hohegeiß und bekomme dort ein wunderbares Einzelzimmer mit Frühstücksbuffet für 33 Euro. In Gedanken rufe ich den verhinderten Wirt in Nordhausen: "Hallo?! Können Sie mich hören? 33 Euro mit Buffet. Und das Hotel war nicht so schraddelig wie Ihres." Ich bin kurz davor, die 25 Km zurückzufahren und in Nordhausen ein bisschen anzugeben, aber heute ist mir nicht nach Ärger. Mir ist kalt, hungrig und müde.

Das Zimmer im Berghotel ist ganz neu einge­richtet mit einem wunderschönen Panorama­blick in den Harz. Leider gibt es dort keinen Restaurantbetrieb, aber die nette Wirtin erklärt mir den Weg zur Silbertanne, einem tollen Berggasthof, der ganz in der Nähe liegt.

Eine Stunde später gehe ich noch in meinen Motorradsachen und nahezu ungeschminkt die 200 m runter zur Silber­tanne, wo eine supersüße Brünette mir sehr charmant die Speisenkarte überreicht. Ich bin von beidem total begeistert, denn das Essen klingt schon auf der Karte toll und ist überhaupt nicht teuer.

Als Vorspeise probiere ich eine Harzer Bratkartoffelsuppe. Die kostet nur 4 Euro, das kann nicht viel sein, denke ich und bestelle ein großes Holzfällersteak mit Zwiebeln, frischen Champignons und Bratkartoffeln dazu. Kurzum: Die Bratkartoffelsuppe ist ein Gedicht und wäre alleine schon einen Ausflug zur Silbertanne wert. Außerdem ist es eine große Portion, die in Kiel schon beinahe als Hauptgericht durchgegangen wäre. Wow, ist das lecker. Die muss ich unbedingt nachkochen.

Während ich noch überlege, ob ich wohl das Hauptgericht noch schaffen werde, kommt ein kleiner Gruß aus der Küche. Ein Teller mit Leberwurstbroten und Rotwurst aus eigener Herstellung. Jetzt wirds eng, denke ich und esse nur die Leberwurstbrote, denn inzwischen kommt mein Holzfällerschnitzel und es ist umwerfend lecker und eine Riesenportion. Das Essen in der Silbertanne ist so richtig für große Mädchen zum Sattwerden und eine weitere Empfehlung von mir nicht nur für Biker.




Tag 10 - Vom Harz nach Kiel
Svenja Svendura Sommerreise 2010

Der letzte Tag besteht aus der langweiligen Heimreise nach Kiel. Sowie ich aus dem Harz heraus bin, sind es endlose Kilometer auf geraden Straßen über plattes Land.

Allein ein paar starke Regen­güsse sorgen unterwegs für Abwechslung, aber was macht mir das schon aus? Ich bin schließlich das Bikergirl in der orangen Regenkombi :-)

Auf dem Foto links seht ihr nicht nur die neuen Stiefel, die ich mir beim ersten Shoppingtripp nach meinem Urlaub zugelegt habe, sondern auch meine Reiseroute der vergangenen zehn Tage. Es waren 3.013 Kilometer auf der KLX250. Toller Urlaub, tolles Motorrad.



Was hat gefehlt?
- Mein Jeansmini und die Leggings
- Wenigstens ein paar hohe Schuhe
- mein Halstuch (hab ich zuhause vergessen)
- ein Leinenbeutel für Schmutzwäsche
- eine Feuchtigkeitscreme als Foundation unters MakeUp
- ein Nachthemd
- eine kleine Handtasche fürs Lokal

Was war zuviel?
- mein großes Fahrtenmesser, das Buck Knife
- der Einweggrill, den hätte ich unterwegs kaufen sollen, wenn ich ihn brauche
- das Kochset. Ich koche nicht unterwegs. Entweder grillen oder essen gehen.

Sehr gut war:
- keinen Proviant mitzunehmen.
- 3 Paar Handschuhe mitgenommen zu haben
- die Regenkombi über die Goretex Sachen zu ziehen
- der neue Gepäckträger
- der Tankrucksack

Alles übrige war wie immer perfekt, denn mit Motorradsachen und Zelten kenne ich mich schon wesentlich länger und viel besser aus, als mit diesem ganzen Weiberkram (so hätte Sven das früher sicher genannt :-)














Svenja Svendura EndurowandernMade by Svenja Svendura on Apple iMac with Panic Coda and Photoshop Elements.