TET Germany 2020
Tag 1 Kiel - Flessenow
Tag 2 Wismar
Tag 3 TET Flessenow-Malchow
Tag 4 Plau - Röbel - Waren
Tag 5 TET Dobbin bis Penzlin
Tag 6 Burg Stargard
Tag 7 TET Penzlin bis Templin
Tag 8 Gramzow-Boitzenburg
Tag 9 TET-Oder-Niederfinow
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Tagsausflug

Dieser Morgen hat alles, was ich an Camping gut finde. Einen Zeltplatz mit Aussicht, strahlenden Sonnen­schein, heißen Kaffee und knusprige Brötchen. Dazu ist Sonntag und wir durften ausschlafen.

Reise nach Mecklenburg-Vorpommern

Heute haben wir nichts auf dem Zettel, außer einer kleinen Besichtigung, ein paar Kilometer durch die Uckermark zu gondeln, und irgendwann ein leckeres Stück Fleisch in der Zeltküche zu atomisieren.

Reise nach Mecklenburg-Vorpommern

So hell die Sonne auch strahlt, sie schafft es kaum durch das Blätterdach der Allee bis runter auf den Asphalt. Sonntagmorgen, wenig Verkehr, vor uns liegt ein herrlicher Tag.

Auf dem Weg zu unserer ersten Besichtigung rollen wir mit 50 km/h durch Gerswalde. Auf einmal ein Hinweisschild: Wasserburg Gerswalde. Die war überhaupt nicht eingeplant. Klasse: Zwei Besichtigungen zum Preis von einer. Ich setze den Blinker und biege ab zur Burg.

Reise nach Mecklenburg-Vorpommern

Die Wasserburg ist nicht allzu sensationell, aber an diesem herrlichen Morgen bin ich in der Stimmung, einfach alles großartig zu finden. Selbst eine Wasserburg, die auf dem Trockenen sitzt und nur noch aus ein paar Mauern besteht. Sehr hübschen Mauern, allerdings.

Kurz hinter Gerswalde verkündet eine Tafel am Rand eines Ackers:
Biosphärenreservat Schorfheide Chorin. Herzlich willkommen!

Inzwischen habe ich übrigens herausgefunden, was eine Schorfheide ist. Eine Schorfheide - auch Große Heide - ist ein überwiegend geschlossenes Waldgebiet im Norden des Landes Brandenburg. Typisch sind die Waldwege mit Kopfsteinpflaster. Gut, dann wissen wir das.

Die Straße nach Meichow ist solch ein Waldweg mit Kopfsteinpflaster, aber so hübsch das Pflaster als Fotomotiv auch ist, beim Drüberfahren klappern einem die Zähne und ohne Urlaubsgepäck ist das ohnehin harte Fahrwerk noch härter. Ich stelle mich in die Rasten und gebe Gas. So oft es geht fahre ich rechts neben der Straße.

Reise nach Mecklenburg-Vorpommern

Schließlich biege ich in die Straße zu unserem Besichtigungsziel ein. Wir wollen uns das Eisenbahnmuseum in Gramzow ansehen. Natürlich heißt es in Wirklichkeit komplizierter und allein der erste Satz dazu auf Wikipedia treibt mir die Tränen ins Gesicht:

„Das Brandenburgische Museum für Klein- und Privatbahnen und Gramzower Museumsbahn ist ein Eisenbahnmuseum, Eisenbahnverkehrsunternehmen und Eisenbahninfrastrukturunternehmen in der Gemeinde Gramzow […] im Norden Brandenburgs und wird als Zweckverband betrieben.“

Wer schreibt solche Sätze? Ich sehe ihn förmlich vor mir: männlich, blass, dünnes Haar, hohe Stirn, Cordhose, Oberhemd, ein karierter Pullunder, Brille mit Kassen­gestell und ist erst mit 42 bei Mama ausgezogen. So stelle ich mir den typischen Wikipedia Autoren vor.

Reise nach Mecklenburg-Vorpommern

Mit breitem Grinsen stiefele ich zum Kassenhäuschen. Meine Befürchtung, dass es sonntags voll sein würde und ich endlos an der Kasse anstehen müsste, ist unbegründet. Außer uns interessiert sich kein Mensch für irgendwelche alten Lokomotiven und rostigen Waggons.

Reise nach Mecklenburg-Vorpommern

Reise nach Mecklenburg-Vorpommern

Pieps und ich sind die einzigen Besucher und stiefeln ein wenig verloren zwischen den Ausstellungsstücken umher, gucken hier, gucken da, aber so recht fesseln kann uns nichts. Man darf in keinen Waggon und auf keine Lok klettern. Es ist ein kleines bisschen langweilig. Vielleicht fehlen auch die anderen Besucher.

Reise nach Mecklenburg-Vorpommern

Das Eisenbahnmuseum von Mariefred in Schweden hat uns besser gefallen, auch wenn da shice Wetter war. Da war Betrieb, da war was los, der alte Zug ist gefahren, der Schaffner in historischer Uniform, viele Menschen, viel zu sehen. Trotzdem ist auch Gramzow einen Besuch wert. Einige Loks und Wagen wurden liebevoll restauriert.

Dass ich Prenzlau nicht mögen würde ahne ich allerdings schon, als ich vor der Stadt an einer Tafel vorbeifahre McDonald’s 5 min. Ich habe nichts gegen McDonald's, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass Städte mit einem Speckgürtel aus Baumärkten, Kreisverkehren und Schnellrestaurants mich anöden. Da ist vieles, was ich nicht mag, inklusive zu vieler Menschen, Autos, Baumärkten und Kreisverkehre.

Reise nach Mecklenburg-Vorpommern

Tatsächlich bleibe ich in Prenzlau nur ein einziges Mal freiwillig stehen. Vor der Marienkirche. Der rote Ziegelbau leuchtet prachtvoll in der Sonne. Mit dem 50 mm Objektiv bekomme ich ihn knapp ins Format, aber nur weil ich den Rücken an eine Hauswand presse. Das ist meine neueste Macke: One journey, one lens. Nur eine Festbrennweite pro Reise. Ein Zoomobjektiv habe ich gar nicht.

Boitzenburg ist zwar nur ein Dorf in der Uckermark, aber hier steht eines der größten Schlösser Brandenburgs. Ich parke gegenüber beim Marstall Boitzenburg, einem rustikalen Brauhaus mit Kaffeerösterei. In der Grillhütte davor lodert ein offenes Feuer und aus einem unsichtbaren Lautsprecher ertönt Rhinestone Cowboy von Glen Campbell.

Reise nach Mecklenburg-Vorpommern

Das Schloss ist vergessen, das hier ist wichtiger. Ich liebe Country Music, meine heimliche Geliebte neben der Klassik. Allerdings der Typ Geliebte, die man bei offiziellen Anlässen verschweigt und lieber von Pachelbel und Bach fabuliert, als von Cowboys, die in ihr Bier heulen, weil sie von ihrer Frau – vermutlich aus gutem Grund – verlassen wurden.

Pieps und ich sitzen draußen, mampfen Bratwürste und hören Country. Gerade läuft Good Hearted Woman von Waylon Jennings & Willie Nelson. Ich erinnere mich an alte Zeiten, den fetten Pickup mit der Konföderierten­flagge auf dem Dach. Beides Dinge, die in den Achtzigern cool waren, aber heute nicht mehr gehen, weder der fette V8 noch die Flagge. Ich bin wirklich einen verdammt weiten Weg gekommen bis hierher.

Reise nach Mecklenburg-Vorpommern

Bevor mich die Melancholie übermannt und Pieps die gesamte Urlaubs­kasse am Wurststand verballert, brechen wir auf. Um ein Haar hätte ich vergessen, wenigstens ein Foto von Schloss Boitzenburg zu machen, das heute ein nobles Hotel jenseits meiner Klasse ist. Nicht der finanziellen, sondern der sozialen.

Reise nach Mecklenburg-Vorpommern

Von Boitzenburg fahren wir auf direktem Weg nach Hause ins Camp. Gegen Abend decke ich den Tisch. Es gibt Bratwurst und zum Nachtisch etwas Käse. Was viele nicht wissen: Ziegenkäse ist eines der wenigen Lebensmittel – neben Entrecôte und Hackfleisch – denen zwei Tage im Zelt in der Sonne nichts ausmachen. Sie gewinnen sogar an Charakter.

Reise nach Mecklenburg-Vorpommern

Später sitze ich im Zelt und schaue versonnen auf den See. Pieps ist unterwegs zum Spielplatz. Völlig mit mir im Reinen denke ich an nichts, als zwei der Dauercamper zu mir herüberkommen. Der Erste ein großer, fleischiger Lautsprecher und etwas im Hintergrund sein hagerer Kumpel mit einer Bierdose in der Hand. Beide in Tarnfleckhosen und T-Shirts von irgendeinem Berliner Sportverein.

Reise nach Mecklenburg-Vorpommern

Der Große beginnt einen Smalltalk, Belanglosigkeiten übers Wetter, aber ich merke, er hat etwas anderes auf dem Herzen und weiß wohl bloß noch nicht, wie er anfangen soll. Wer weiß, wie vertrauenswürdig ich bin?

„Ik beschäftige mir ja ooch mit alternative Meinungen, wah?“
„Aha“, denke ich. Jetzt kommts.
„Kennse een, auch nur een, der det hat? Nur een Einzjen?“
„Was hat?“
„Na Corona. Kennse auch nur een?“
„Nicht persönlich, nein.“
„Sehn se! Ik haa jeden jefraacht. Keener kennt een. Keener. Merkste wat?“

Sein Kumpel, ganz offensichtlich vom flacheren Ende des Genpools, nickt zustimmend und nimmt wie zur Bekräftigung einen Schluck aus seiner Bierdose.

„Ik frage mir, ob det nich allet so jewollt is. Von oben jesteuert. Die sind ja ooch alle nich an Corona jestorben, sondern MIT Corona.“

Ich bin sprachlos. Diese Querdenker Typen kannte ich bislang nur aus der Tagesschau. Wenn man sie aber in Freiheit dressiert erlebt, ist es ein klein wenig gruselig. Nirgendwo habe ich schrägere Typen gesehen als in Templin. Außer vielleicht noch in dieser einen Bar auf Mos Eisely.

Die Beiden verzwiebeln sich, als der Eine merkt, dass ich keine Lust habe über Corona zu diskutieren, und der andere, dass sein Bier leer ist.



Es wird Zeit, dass wir weiterkommen. Morgen gehen wir auf den letzten Abschnitt des TET. Ich freu mich schon.

„Gute Nacht, Welt.“

zum nächsten Tag...

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