Inhaltsverzeichnis
Dänemark Inselhopping 2023
Tag 1 Kiel - Haderslev
Tag 2 Haderslev - Samsø
Tag 3 Samsø Nordinsel
Tag 4 Samsø Südinsel
Tag 5+6 Samsø Der Rest
Tag 7 Samsø - Møn
Tage 8-11 Auf der Insel Møn
Tag 12 Møn - Ærø
Tag 13 Ærø
Tag 14-15 Ærø und Heimreise
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443 ohne Grönland

Im Grunde weiß ich nicht, ob man diesen Reisebericht wirklich guten Gewissens empfehlen kann. Dänemark? Noch langweiliger und unkurviger geht es wohl kaum. Dafür aber hat Dänemark etwas ganz anderes zu bieten: Sagenhafte 443 Inseln, von denen 74 bewohnt sind. Die Färöer und Grönland hab ich schon rausge­rech­net, sonst wären es noch 19 mehr.

Motorradtour Dänemark

Wenn wir die alle besuchen wollen, bietet das Reisestoff für die nächsten dreißig bis vierzig Jahre. Auf dieser Expedition wollen Pieps und ich zwei davon erforschen, die wir noch nicht kennen: Samsø und Ærø. Wir reisen mit Greeny, unserer Spezialistin für leise, klein und wendig.

Und noch etwas ganz anderes spricht für Dänemark: Es ist so erholsam wie Frankreich, nur ohne die elendig lange Anreise, zumindest aus Nord­deutschland. Dazu prima Camps für Zeltcamper, ein sehr entspannter Straßenverkehr und bestes Essen, zumindest wenn man jemand ist, der sorgfältig auf die Ernährung achtet.

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In Haithabu halte ich da an, wo ich immer anhalte, um ein Foto vom Schleswiger Dom zu machen, im Vordergrund malerisch die Schlei und etwas Grünzeug. Zum ersten Mal seit langem sieht man den Dom ohne Baugerüst drumrum.

Nächster Halt: Flensburg Schiffbrücke, Flensburgs älteste Einkaufs­straße, die direkt am Wasser verläuft. Der Begriff Einkaufsstraße ist mittlerweile etwas irreführend, weil lange Zeit dort hauptsächlich Bier, Rum und Liebe verkauft wurden. Und Frikadellen, in dieser einen alten Kneipe am Oluf-Samson-Gang.

Motorradtour Dänemark

Auf der letzten Frankreichreise habe ich eins gelernt: Kurze Tagesetappen! Den Rat gab mir eine Dame aus York, die ich in Moissac an der Mündung des Tarn getroffen habe: „A hundred Miles a Day. Not more!“, lautete ihre Empfehlung für lange Reisen ohne Stress.

Mit diesem Budget werden wir es über die Grenze schaffen und noch etwa 60 bis 70 Kilometer nach Dänemark hinein.

Motorradtour Dänemark

Ich pröttel mit Greeny an der Hafenküche vorbei, der Museumswerft und weiter nach Wassersleben. Kurz darauf sind wir schon an der Grenze. Obwohl Dänemark auch Schengenstaat ist, führen sie noch immer Grenz­kontrollen durch, zumindest von Zeit zu Zeit.

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Sie haben extra ein Zelt aufgebaut, es gibt Spiegel, um unter die Autos zu gucken und sogar ein Streifenwagen steht bereit, um notfalls sofort die Verfolgung aufzunehmen, jedenfalls wenn Ole-Pedder den Schlüssel gleich findet und nicht erst seine Frau anrufen muss, ob der vielleicht in der anderen Uniformjacke steckt.

Dänemark und seine Bewohner erledigen selbst ernste Angelegenheiten mit einer gewissen liebenswürdigen Leichtigkeit, die man nur mögen kann. Vieles funktioniert hier geschmeidiger als bei uns zu Hause.

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Auf der anderen Seite der Grenze liegt Kruså. Der kleine Ort ist vor allem für seine Sexshops bekannt. Mehr als ein Dutzend davon gibt es, was wohl auf eine unterschiedliche Rechtslage zurückzuführen ist. Übrigens: Wenn bei uns jemand von einem dänischen Western spricht, dann kommen darin weder Cowboys noch Indianer vor.

Wir aber halten aus einem anderen Grund, ich brauche dänische Kronen, und hier steht der erste Geldautomat hinter der Grenze. Ich stelle Greeny vor den Automaten ab und ziehe mit der VISA-Karte 500 DKK aus der Wand, etwa 76 Euro. In Skandinavien braucht man selten Bargeld, aber wenn, dann braucht man es.

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Kruså bietet nicht nur eine reiche Auswahl an dänischen Western, sondern auch mehrere Fast-Food Tempel, und ich habe Pieps versprochen, dass wir heute schick essen gehen. Das Grill-House im Sønderborgvej ist dafür die richtige Adresse. Grill House Kruså er byens bedste grillbar, behauptet die Website, die beste Grillbar der Stadt.

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Für alle, die sich mit Cuisine danoise, der dänischen Küche nicht so gut auskennen, ist die Speisekarte mit Fotos hinterlegt. Neben HotDogs mit Rødpølse, roten Pölser­würstchen, stehen weitere Klassiker der dänischen Küche auf der Karte, darunter Ribbenssandwich. Ein Burger mit gegrilltem Schweinebauch, Remoulade, Rotkohl und Gurken. Auf Speisekarten lässt sich viel über ein Land lernen.

Für Pieps bestelle ich Ribbenssandwich und für mich zwei Pølse i Svöb, gewickelte Bratwürste. Das Rezept dürfte nicht allzu schwierig sein, man nimmt eine Wurst, wickelt sie liebevoll in Speck und legt sie auf den Grill. Dazu teilen wir uns eine Schale mit Sauce Béarnaise.

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In der Zwischenzeit ist ein Wohnmobil mit deutschen Kennzeichen einge­troffen. Eine Familie in bunten Crocs, Papa braun, Mama pink, die Kinder lila und grün, studiert ratlos die Speisekarte vorm Grill House.

„Was ist denn ein R I P P E N Sandwich?“, will die Else wissen und betont das Wort übertrieben deutlich, was ich sowieso schon nicht leiden kann.
Und ihr Macker: „Das sind Speck Bauchlappen. Viel zu fett.“

„Du Spacken“, denke ich im Stillen. „Da ist Rotkohl drin, Gurke und sogar Remoulade! Was Gesünderes gibts ja wohl gar nicht auf diesem Planeten als Ribbenssandwich.“   Welch ein Banause.

Die Familie setzt sich an den Nebentisch, aber wir sind zum Glück gerade fertig und brechen auf. Ich könnte es nicht ertragen zuzuhören, wie sie dem Nachwuchs jedes einzelne Salatblatt erläutern, was auf welche Weise gesund oder ungesund ist, und was man besser liegen lässt. Und wenn Pieps erst die Kinder fragt: „Wollt ihr ma' 'n Trick seh'n?“, steht die Story vermutlich morgen im Jyllands-Posten. Wir brechen besser auf!

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Hinter Aabenraa ziehen dunkle Wolken auf. Wir sollten uns beeilen, wenn wir noch trocken aufbauen wollen, denke ich und ziehe die KLX gnadenlos hoch auf 86 km/h.

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Unser Camp für die erste Nacht liegt kurz hinter Haderslev. Was ich nicht weiß ist, dass heute die fünfte und letzte Etappe der Tour of Scandinavia stattfindet, ein internationales Radrennen, das durch Norwegen, Schweden und Dänemark führt. Und durch Hadersleben.

Mein Vorwärtsdrang endet vor einer Straßensperre auf dem Weg zum Campingplatz. POLITI, Warnwesten, Blinklichter, Vollsperrung. Hier gehts nicht weiter.

„Is there another way to Anslet Camping?“, frage ich die Warnweste.
„No. This is the only street.“

Nach zwei weiteren Warnwesten wird klar, dass wir woanders schlafen müssen. Die Jugendherberge Haderslev bietet auch einen Campingplatz, Haderslev vandrerhjem og Camping. Da werden wir den ersten Zelthering der Reise in die Erde drücken.

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Die Campingwiese bietet einen Rasen in 9-Loch-Qualität. Die Heringe lassen sich mit dem Stiefel mühelos in den Boden drücken. Im letzten Augenblick, bevor das Unwetter losbricht, hechte ich ins Zelt und ziehe den Reißverschluss hinter mir zu. Geschafft. Gerade so.

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Donner grollt, Regen prasselt, Blitze zucken. Es gibt kaum etwas Gemütlicheres, als bei Regen und Gewitter im Zelt zu liegen und es trocken zu haben. Pieps hat von ihrer Tante Silvia ein neues Pixi-Buch bekommen, Dr. Brumm steckt fest, und ich lese etwas Politisches, das im komplexen Machtgefüge internationaler Beziehungen im mittleren Osten angesiedelt ist, Dalton Fury, Black Site.

Das Gewitter ist heftig, aber kurz und schon nach einer knappen Stunde verlegen wir unseren Lesezirkel ins Vorzelt. Wäre die Hecke niedriger, könnten wir sogar den Haderslev Fjord sehen, aber so außer­gewöhnlich wäre das auch wieder nicht, weil man in Dänemark an keinem Punkt weiter als 55 km von der Küste entfernt ist.

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Als wir zuende studiert haben, gehen Pieps und ich rüber ins Vandrerhjem. Ich möchte einmal eine Jugendherberge von innen sehen. Seit Jahren kaufe ich jede Saison wieder einen Herbergsausweis, aber benutzt hab ich den noch nie.

Die Jugendherberge Haderslev wohnt in einem alten Backsteinhaus mit weißen Sprossenfenstern. Neugierig gehe ich hinein. Hier ist kein Mensch. Ich komme in einen verlassenen Saal mit Zeitungen, Büchern und einigen Sesseln. OPHOLTSSTUE stand draußen an der Tür. Aufenthaltsraum. Ich setze mich und schlage mein Reisetagebuch auf.

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„Haben Sie etwas gebucht?“
Ich sehe erstaunt hoch. Vor mir steht ein junger Mann mit Dutt und sieht mich freundlich an. „Nein. Ich bin draußen auf dem Campingplatz und zelte. Ist es ok, wenn ich hier sitze?“

„Ja. Und Sie können sich einen Kaffee nehmen“, erwidert er und deutet durch eine Doppeltür hinüber in den Speisesaal. „Wirklich? Einfach so?“
„Ja, weil ich es gesagt habe. Ich bin der Herbergsvater. Ich schließe jetzt die Rezeption auf, wenn Sie sich später anmelden wollen.“

Etwas später, am Boden des freien Bechers Kaffee, wandere ich hinüber zur Rezeption: „Danke für den Kaffee. Ich bleibe eine Nacht mit Motorrad und Zelt.“
„Das macht 140 Kronen“, etwa 18,80 Euro. „Möchten Sie morgen an unserem Frühstücksbuffet teilnehmen? Ab 7.30 Uhr. Es kostet 85 Kronen.“
„Oh ja, sehr gerne.“

Ich zahle die Übernachtungsgebühr und buche für Pieps und mich zwei Plätze am Buffet. Erste Reihe! Möge es nicht vegan sein …

zum nächsten Tag...

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Svenja Svendura EndurowandernMade by Svenja Svendura on Apple iMac with Panic Coda and Photoshop Elements.