Inhaltsverzeichnis Frankreich 2025 Tag 1-3 Kiel - Wingen-sur-Moder (F) Tag 4 Wingen-sur-Moder - Bannes Tag 5-6 Hautoreille - Le Paroy Tag 7-8 Morvan - Auvergne Tag 9 Gorge de la Dordogne
Auf der Autobahn
Pieps und ich sind auf dem Weg nach Frankreich.
Die erste große Reise auf der nagelneuen Honda GB350S!
Meine Güte, wie sehr ich mich auf diese Reise freue.
Ruhig und kraftvoll bollert der Einzylinder vor sich hin.
Ich halte ihn konstant bei 110 km/h im fünften Gang.
Der Motor läuft ruhig und wirkt kein bisschen angestrengt.
Vom Gefühl her sind locker auch 200 km/h drin.
Ich müsste bloß endlich richtig Gas geben.
Sind es aber nicht.
Die Höchstgeschwindigkeit ist mit 114 km/h angegeben und ich fahre schon fast Vollgas.
Es fühlt sich aber nicht so an.
Bei 110 km/h liegen im 5. Gang und letzten Gang bloß 4.500 U/min an.
Dieser Motor ist ein Langhuber, ein Stoiker, ein wahres Kraftpaket.
Simpler kann ein Viertaktmotor nicht aufgebaut sein: Ein Zylinder, eine Nockenwelle, zwei Ventile, 70 mm Bohrung, aber 91 mm Hub, luftgekühlt, die Verdichtung bloß läppische 9,5:1.
Die Motorcharakteristik eines Krabbenkutters.
Solange er genügend Öl hat, sollte er ewig laufen.
Für eine wie mich, die Einzylinder liebt, ist diese Maschine eine Ikone.
Wer sie allein auf ihre Leistung von 21 PS reduziert, hat sie nicht verstanden.
Heute Morgen standen erst 1.000 km auf dem Tacho, als ich zuhause in Kiel losgefahren bin.
Das Einfahren und die erste Inspektion liegen nur ein paar Tage zurück.
Vielleicht ist es aber trotzdem die letzte Reise mit der GB350S, denn ich habe sie aus einer Laune heraus gekauft, in der Winterpause, ohne lange zu überlegen. Weil sie so schön aussieht
„Wieso? Was stimmt denn nicht mit der neuen Honda?“ „Sie ist keine Enduro. Punkt. Überhaupt, meine erste Straßenmaschine, und allein das fühlt sich total fremd an.“ „Dann habt ihr jetzt doch 4.000 km, um euch aneinander zu gewöhnen.“ „Oder ich verkauf sie danach sofort wieder.“ „Oder das. Aber gib dir genügend Zeit und dem Motorrad auch. Vielleicht entdeckst du was.“
Wenn man eine lange Strecke vor sich hat, kann man entweder heizen, um möglichst schnell möglichst viele Kilometer zu fressen, oder man spielt Ich bin ein LKW und ziehe mit konstanter Geschwindigkeit unaufhaltsam meine Bahn.
Für Raserei ist die GB350S zu langsam, aber als LKW-im-Fernverkehr ist sie nahezu perfekt: Ich sitze super bequem, der Motor läuft stoisch ruhig, und die Reichweite ist dem Fernverkehr angemessen. Und welcher LKW rollt schon legal mit 110 km/h dahin?
Ich bin so in Gedanken vertieft, dass ich um ein Haar die Abfahrt verpasse.
An der Anschlussstelle Rade fahre ich von der A1 runter auf die B75 weiter nach Süden.
Irgendwann wird es Zeit fürs Mittagessen. In Marklohe, einem Ort, von dem ich nie zuvor gehört habe, halte ich vor dem SnickSnack, einem Imbiss mit großer Speisekarte.
Ich stehe vorm Tresen und studiere die Tafel an der Wand. Die Bedienung sieht mich erwartungsvoll an.
„Was darfs denn sein?“ „Ich überleg noch. Irgendwas Leckeres, das richtig satt macht.“ „Wir haben heute Gulasch mit Nudeln.“ „Nein, ich glaub, ich nehm, was die haben,“ und zeige auf zwei Arbeiter.
„Gyros mit Pommes, Mayo und Ketchup?!“ „Ketchup nicht, das wird mir zuviel.“
Das Gyros ist klasse. Fett und knusprig mit Pommes und Mayo.
Ich bin so froh, den vielen Dönerbuden unterwegs widerstanden zu haben.
Endlich gute Deutsche Küche.
Ereignislos ziehen sich die Kilometer dahin. Eine reine Überstellungsfahrt, wie Didi, mein Freund aus Österreich sagen würde, doch zumindest bleibt es trocken.
Die ersten beiden Anreisetage werden wir noch nicht zelten. Stattdessen habe ich Hotelzimmer gebucht in Stolzenau und Bad Laasphe. Komische Namen, die ich beide noch nie gehört habe.
Am Nachmittag erreiche ich Stolzenau und halte vor dem Hotel zur Post.
Bei der Buchung wollten sie wissen, wann wir ungefähr eintreffen würden, und ich hatte uns für cirka 15 Uhr angekündigt. Es ist 15 Uhr, als ich den Tankrucksack auf den Teppich vor der Rezeption plumpsen lasse.
„Was?! Sie sind schon da?“
Nicht gerade die Reaktion, die ich erwartet hatte: „Ja.“ „Wie spät ist es denn überhaupt?“
Ich sehe auf meine Armbanduhr: 15:03 Uhr. Kieler sind pünktlich“, schiebe ich den lahmen Spruch hinterher, weil ich ein wenig überrumpelt bin.
Wenn ich das Hotel beschreiben soll, reichten drei Worte: Hotel. Zur. Post. Schon älter, ein wenig in die Jahre gekommen, aber gepflegt und sauber. Wie ich selbst.
Solche Hotels mag ich, weil sie mir angemessen erscheinen. In Läden, wo schon der Portier ein Pinguin ist, fühle ich mich stets fremd. Pieps nicht. Die Maus kennt keine Dünkel, weder nach unten, noch nach oben. Jeder Ohrenkneifer ist ihr Froind, jeder Portier im Frack ebenso, und mit dem Concierge ist sie sofort per Du. Mäuse
Nächster Tag
Für gewöhnlich sind wir die Ersten im Frühstücksraum, aber nicht heute.
Ein Bauarbeiter in Arbeitsklamotten sitzt vor seinem halb gegessenen Frühstück und telefoniert am Handy. Zu welcher Baustelle er heute den Bagger bringen soll?
Ich grüße im Vorbeigehen mit einem Nicken und gehe ans Buffet.
Das Zimmer ist günstig und das Frühstück offensichtlich auch.
Während ich sinniere, was mir schmecken könnte, hat der Baggerführer aufgelegt und stellt sich neben mich ans Buffet: „Oh, das ist aber reichhaltig“, sagt er und begutachtet hocherfreut die magere Auswahl.
Er rettet mein Frühstück.
Eben gerade noch fand ich es etwas zu dürftig, aber nun auf einmal sieht es recht appetitlich aus.
„Da ist sogar Rührei“, pflichte ich ihm bei.
Es ist alles eine Frage der Perspektive. Ich denke an das Buffet an unserem ersten Morgen in Island: "Hering und Lebertran, das Frühstück der Champions!"
Nachdem der Baggerfahrer, Pieps und ich das komplette Rührei unter aus aufgeteilt haben, steige ich satt und zufrieden auf die Honda.
Das Wetter ist prima, kühl und sonnig mit leichtem Rückenwind aus Nordost.
Nichts hilft einem etwas zu lang übersetzten Motorrad so wie günstiger Wind.
An der Anschlussstelle Porta Westfalica fädele ich mich auf die BAB 2 ein.
Ab jetzt sind wir wieder ein LKW, der mit 110 km/h seine Bahn zieht.
Mit dem bulligen Motor kommt Truckerfeeling auf, auch wenn die GB350S wirklich eine lahme Ente ist: Sie fühlt sich nicht so.
Der Wegstreckenzähler ist verblüffend genau, während die Anzeige der Restreichweite, RANGE, zu Scherzen aufgelegt ist. Eben noch bei 115 km, zeigt sie kurz darauf 55, dann 33 km Rest, nur um dann abzuschalten und mit drei blinkenden Punkten zu signalisieren: Der Tank ist leer.
Mit einem Gemisch aus Schleichfahrt, Hoffnung und Benzindämpfen schaffen wir es gerade noch unter das Dach der SHELL-Tankstelle am Ortsrand von Brilon.
Ich wuchte das Motorrad auf den Hauptständer - die GB hat serienmäßig beide, Haupt- und Seitenständer - und lasse das gute V-Power 100 in den 15-Liter-Tank gurgeln. Bei 15,19 Litern schaltet die Pistole ab. Meine Güte
Bei knapp Vollgas auf der Autobahn hat sich die Honda 3,27 l genommen.
Damit kenne ich den Maximalverbrauch und bin gespannt, wie wenig sie auf den kleinen Nebenstraßen in Frankreich nehmen wird.
Als ich um 13.30 Uhr am Hotel in Bad Laasphe ankomme, wird mir klar, dass ich die Tagesetappen der Anreise viel zu kurz geplant habe. Mit einem Langstreckenbomber wie diesem sind deutlich längere Sitzungen möglich als mit Greeny oder der Africa Single.
Die Reise war ursprünglich mit Greeny im Autozug geplant, aber dann kam Post vom Urlaubsexpress:
„Wir müssen Ihnen deshalb heute mitteilen, dass Ihr gebuchter Urlaubs-Express Hamburg – Lörrach am 21.05.2025 wegen Baumaßnahmen und erheblicher Einschränkungen an der Infrastruktur leider nicht durchgeführt werden kann.“
Die lange Anreise auf der Autobahn mochte ich Greeny nicht zumuten. Mir auch nicht. Da kam die schicke, neue Honda gerade recht, bloß dass ich noch nicht wusste, wie ungleich bequemer es sich auf einer solchen Straßenmaschine reisen lässt.
Pieps und ich steigen ab im familiengeführten „Hotel Wittgensteiner Hof. Unser Haus liegt zentral im Herzen der schönen Stadt Bad Laasphe.“
Die Rezeption ist nicht besetzt, aber auf dem Tresen steht ein Telefon mit einer Nummer, die man anrufen soll. Kurz darauf erscheint ein junger Mann, der so freundlich ist, dass ich mich auf Anhieb wohl fühle in Bad Laasphe. Er trägt sogar mein Gepäck aufs Zimmer, die rote Ortlieb Rolle und den Zeltsack. Das hatte ich noch nie: „Danke schön, toller Service.“
Unser Zimmer hat sogar ein Boxspringbett, wie ich sie bisher nur aus der Werbung kenne.
Das Hotel hat ein eigenes Restaurant, in dem wir zu Abend essen wollen.
Wittgensteiner Hof. Klingt vornehm.
Sollte ich mir Sorgen gemacht haben, ob Motorradklamotten dem noblen Haus wohl angemessen sind, und ob Pieps wie gewohnt auf dem Tisch sitzen darf, so wären die unbegründet gewesen.
An der Wand hinterm Tesen hängt eine Riesenglotze, auf der eine Quizsendung läuft. Das Saalpublikum schaut gebannt zu, von uns nimmt niemand Notiz.
Während wir aufs Essen warten, unterstützt Pieps die Fernsehgucker bei der Lösung der Quizfragen, und ich schreibe ins Reisetagebuch. Die Anreise ist im Grunde langweilig, und ich weiß noch nicht, wie
„Ich muss Schluss machen. Das Essen kommt. “
Dritter Tag
Die ersten beiden Tagesetappen waren zu kurz geplant.
Mir fehlte schlicht die Erfahrung mit Autobahnetappen und der Bequemlichkeit einer Straßenmaschine. Selbst bei 110 km/h, nur einen Klick über LKW-Tempo kommt man verblüffend schnell voran.
Deshalb will ich die beiden letzten Anreisetage in einem zusammenfassen.
Den Rhein überqueren wir heute auf der Autobahnbrücke der A643 und nicht wie beim letzten Mal, klein, klein über die Rheinfähre und Uferstraße. Das hat ewig gedauert.
Im Westerwald führt die Bundesstraße 54 mitten durch Rennerod.
Für die Leute hier muss das echt ätzend sein, aber für uns ist es gut, denn wir fahren direkt am Schaufenster der Mühlenbäckerei vorbei.
Auf dem Parkstreifen davor stehen die üblichen weißen Lieferwagen regionaler Handwerker.
Wo die White-Van-Guys frühstücken, da lass dich nieder, denke ich und parke die Honda am Eingang.
Tatsächlich gibt es hier die besten Käsecroissants, die ich je gegessen habe. Beim Hinausgehen sage ich das der propperen, rotwangigen Verkäuferin, für die das Kompliment sichtlich überraschend kommt. Wohl nicht, weil die Croissants nichts taugen, sondern weil Pfälzer sind, wie Pfälzer eben sind. Sie werfen mit Lob nicht um sich.
Bei strahlendem Premiumwetter fahren wir weiter durch den Westerwald. Die Gegend ist einsam. Das ist eine gute Gelegenheit, unser neues Stativ auszupacken, damit ich selbst auch einmal mit aufs Bild komme.
Das Besondere an unserem neuen Stativ ist: Es kann fliegen!
Die DJI Neo habe ich als fliegendes Stativ gekauft. Die Fernsteuerung liegt zuhause, die brauche ich nicht. Das winzige Schwebestativ lässt sich auch allein mit den Programmknöpfen auf seiner Oberseite fliegen.
Die DJI Neo startet aus der Hand, fliegt die eingestellte Flugfigur ab, und landet wieder auf meiner Hand. Dazu muss ich nicht einmal vom Motorrad absteigen, außer, wenn die Wasserflasche hinten im Gepäck liegt.
Am Nachmittag rollen wir nach Wingen-sur-Moder hinein und ich fahre direkt durch zum Camp Municipal. Der kleine Campingplatz liegt hinter dem Schulhof der Mittelschule, aber das stört weder die noch mich.
Der Gemeindecampingplatz von Wingen-sur-Moder ist ein Geheimtipp für Zeltcamper. Er bietet wenig außer einer ebenen Wiese, einem Waschhaus und völliger Ruhe. Eine Rezeption gibt es nicht. Am Abend kommt jemand von der Gemeinde und sammelt von jedem Camper Geld ein.
Heute öle ich die Kette der Honda zum ersten Mal mit der neuen Spritze, die Joachim hier aus dem Forum mir geschenkt hat. Bisher habe ich das Getriebeöl aus einer Spritzflasche aufgetreufelt, aber das war immer etwas zu reichhaltig und unpräzise.
Mit Joachims Technik: „2,5 ml auf die Spritze ziehen reicht für einmal rundherum Kette ölen“, funktioniert es perfekt. „Danke, Joachim!“
Bei Intermarché in Bitche habe ich uns Chipolatas zum Abendessen besorgt, oder kurz Chipos, wie mir der Metzger bei Intermarché erklärt hat. Diese dünnen, mittelgroben Bratwürste mit Schweinefleisch und Kräutern der Provence sind neben Entrecôte eines unserer Lieblingsessen.
Bevor wir weitergefahren sind, habe ich bei Intermarché getankt. Diesmal hat die Honda nur 2,8 Liter genommen, obwohl wieder Autobahn und Schnellstraße dabei waren. Das schaffen nicht viele LKW im Fernverkehr.
Nach neun Monaten schlafen Pieps und ich zum ersten Mal wieder im Zelt.
So lange ist es schon her, dass wir auf Bornholm gewesen sind, und so lange lag das Zelt in unserer Ausrüstungskiste auf dem Balkon.
Gegen Abend kommt eine junge Frau mit ihrem Auto auf den Platz gefahren und fängt an zu kassieren. Wo ist die alte Dame mit ihrem ebenfalls nicht mehr ganz taufrischen Renault Clio, die das sonst gemacht hat und uns morgens auch das Baguette ans Zelt gebracht hat?
„Amélie? She has retired two years ago, and I don't do bread.“
Amélie hieß sie also. Dann haben Pieps und ich sie 2023 in ihrer letzten Saison erlebt, als sie uns mit ihrem freundlichen Lächeln das Baguette ans Zelt gebracht hat. Die junge Frau ist nett, aber es wird nicht mehr dasselbe Camping sein, hier in Wingen-sur-Moder.