Inhaltsverzeichnis
Frankreich 2025
Tag 1-3 Kiel - Wingen-sur-Moder (F)
Tag 4 Wingen-sur-Moder - Bannes
Tag 5-6 Hautoreille - Le Paroy
Tag 7-8 Morvan - Auvergne
Tag 9 Gorge de la Dordogne
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In den Nordvogesen

Nach dem dritten Becher Kaffee hört der Regen auf. Ich packe zusammen, schnalle das Zelt auf die Honda und starte den Einzylindermotor. Klack, erster Gang, Kupplung kommen lassen, und los. Das Ziel heute ist Camp Hautoreille bei Langres. Das gehört im Grunde noch zur Anreise, aber wir sind schon in Frankreich und damit automatisch auch in Ferienstimmung.

Motorradtour Frankreich

Der Himmel zeigt ein optimistisches Steingrau, als ich die Honda in die ruhige Landschaft der Nordvogesen lenke. Gleich hinter Wingen steht ein verwitterter Runenstein La Moder, den ich jedesmal fotografiere, wenn ich hier vorbeikomme. Wie alt mag der wohl sein?
Absatzhalter Der erste Ort ist Phalsbourg. Auf dem Place d'Armes ist freitags Wochen­markt. Ich liebe französische Märkte. Das Ambiente ist anders als auf dem Kieler Wochenmarkt auf dem Exerzierplatz und Blücherplatz. Die Namen allein sagen schon eine Menge darüber aus.
Absatzhalter Leider ist heute Dienstag und der Platz liegt verlassen. Lediglich General Georges Mouton schaut betrübt von seinem Sockel über den leeren Platz. Vermutlich nerven ihn die Tauben.

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Kurz vor Walscheid steht die Statue eines Glasbläsers am Straßenrand. Hier in den nördlichen Vogesen gibt es einige Kristallfabriken. Die Statue dürfte zur Cristallerie Vallérysthal gehören, einer Kristallfabrik, die seit über 300 Jahren hier schöne Gläser produziert, es aber nicht geschafft hat, sich in dieser Zeit eine funktionierende Website einrichten zu lassen.

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Als ich Wochen später die Bilder der Cristallerie auf Google Maps ansehe, ärgere ich mich, sie nicht besucht zu haben. Ich bin immer noch auf der Suche nach kleinen Weingläsern von 0,1l und sie haben schöne Gläser. Andererseits ist Kristallglas das am wenigsten geeignete Mitbringsel von allen, wenn man mit dem Motorrad unterwegs ist.

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Kurz vor Walscheid fahre ich an einem Gehege voller Rehe vorbei. Rehe auf der Weide? Als ich näherkomme, rennen sie weg den Hügel hinauf. Vermutlich wird Claudia schimpfen, weil ich Rehe gesagt habe, aber das mit dem Damwild hab ich nie kapiert, einerlei, wie oft Claudia doziert hat. Pieps und ich sind uns einig: „Guck ma'! Rehe!“

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In Padoux komme ich an einer Bäckerei vorbei, Le Chant du Pain, das Lied vom Brot? Keine Ahnung, so gut ist mein Französisch nicht, aber ich erkenne einen heruntergekommenen Laden, wenn ich ihn sehe, und das hier ist einer. Draußen sitzt eine Gruppe Männer und Frauen, sie rauchen, trinken und sind mir unangenehm. Eine Versammlung am flacheren Ende des Genpools, aber wir haben Hunger und ich muss da rein.

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Der Eindruck setzt sich im Laden fort, überall stehen halbvolle Kartons mit irgendwelchem Bäckerei Gedönsrat an Stellen, wo er nichts zu suchen hat. Hier müsste dringend aufgeräumt werden, aber das Gebäck sieht gut aus. Ich kaufe zwei Käsecroissants und fahre gleich weiter.
Absatzhalter Ein paar Kilometer weiter führt eine Brücke über den Canal de l'Est, der neuerdings Canal des Vosges heißt. Das Umtaufen von Gewässern kommt allmählich in Mode, aber ich bleibe bei dem ursprünglichen Namen, selbst wenn ich nie wieder eine Einladung in den Élysée-Palast bekommen sollte. Manchmal muss man Haltung zeigen!

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Ich parke die Honda im hohen Gras neben dem Kanal und falle mit Pieps über das Gebäck her. Meine Güte, die Croissants sind sogar noch besser als die vom Mühlenbäcker in Rennerod. Ich fahr trotzdem nicht zurück, um da Bescheid zu sagen. Eine E-Mail muss reichen.
Absatzhalter Bevor wir nach Camp Hautoreille kommen, will ich noch ein paar Vorräte für uns besorgen. Besonders Fleisch und Bier. Der Carrefour Market in Bourbonne-Les-Bains öffnet in der Minute, als ich auf den Parkplatz fahre. Es ist 14 Uhr. In dieser Gegend haben selbst große Supermärkte über Mittag geschlossen, was mich schon mehr als einmal in Verzweifelung gestürzt hat.
Absatzhalter Am Fleischtresen besorge ich vier Cippolas à la maison, Würstchen nach Art des Hauses, und wandere weiter zu den Erfrischungen. Das Bier, das ich möchte, gibt es nur als Sechserpack. Darf man die Folie aufreißen und sich zwei rausnehmen?
Absatzhalter Die Kassiererin nimmt die Bierdosen vom Laufband und stellt sie wortlos beiseite, wo ich nicht rankomme. Darf man also nicht. Ich entschuldige mich wortreich auf Deutsch, Englisch und mit einigen Worten, die ich für Französisch halte, bezahle die Würstchen und gehe eiligen Schrittes zurück in die Bierabteilung. Dann eben eine andere Sorte.
Absatzhalter Als ich im Camp Hautoreille ankomme, ist Monsieur Benjamin, es spricht sich Börschamö'n, gerade dabei den Rasen vor der Rezeption zu mähen: „You've got a new motorbike“, begrüßt er mich mit seiner charmanten Art und dem strahlenden Lächeln.
Absatzhalter An dieser Stelle trifft jeden Autor dasselbe Dilemma: Muss man jedesmal wieder erklären, wer Old Shatterhand ist, wie die Silberbüchse zu ihrem Namen kam und warum Camping Hautoreille so schön ist?
Absatzhalter In der Buchreihe Madame le Commissaire, die ich auf dieser Reise geradezu verschlinge, nervt es mich total, dass der Autor in jedem neuen Band erst wieder weit ausholt, um zu erklären, wie es zu dem Trauma der Kommissarin kam und weshalb Commandant Richeloin, der Polizeichef des Département Var solch eine Arschgeige ist.
Absatzhalter Um es kurz zu machen für diejenigen, die ihren Karl May nicht gründlich gelesen haben, ohne die zu quälen, die textsicher sind: Camp Hautoreille ist ein Campingplatz mit großzügigen Stellflächen in einem parkähnlichen Gelände mit uraltem Baumbestand, zahlreichen bunt blühenden Pflanzen und einem wunderbaren Restaurant.“
Absatzhalter Und es ist eines unserer fünf Lieblingscamps in Frankreich.
Absatzhalter Monsieur Ben, der Inhaber des Camps öffnet die Schranke und nennt mir den Code, damit ich selbst raus- und wieder reinfahren kann und auch den Motorrad-Kulturreisenden öffnen kann, die morgen hier erwartet werden.
Absatzhalter Wir sind tatsächlich einen ganzen Tag zu früh in Hautoreille! Und das nur dank dieser grandiosen, neuen Honda, die noch immer keine Enduro ist, aber dafür so bequem, dass ich zwei Tagesetappen an einem geschafft habe, immerhin 350 km. Ich weiß, ich weiß, andere fahren das an einem Vormittag offroad auf dem Hinterrad oder als schnelle Feierabend­runde nach der Arbeit, aber nicht ich.
Absatzhalter Die Autobahnfahrt mit 110 von 114 möglichen km/h hat dem Motor nichts ausgemacht. Dabei dreht er nur 4.500 U/min, und außerdem bietet Honda auf die GB350S sagenhafte sechs Jahre Garantie. Sechs Jahre Garantie!
Absatzhalter Ich war nie ein großer Honda Fan, weil der Platz im Herzen für Kawasaki reserviert war und ich eher ein Kawa-Girl bin, aber inzwischen hält Honda, was Kawasaki verspricht. Kawasaki bietet in Europa keine Enduros mehr an, was ich ziemlich erbärmlich finde. Shame on you, Kawa!

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Mit dem letzten Zelthering fällt der erste Regentropfen und wir verkriechen uns ins Zelt. Draußen geht ein Gewitter nieder, während Pieps und ich gemütlich auf dem Bett liegen und lesen.
Absatzhalter Am frühen Abend mache ich mich ausgehfein, soweit das mit Bordmitteln möglich ist, und schlendere mit Pieps hinüber ins Campingrestaurant. Es ist zu kalt für draußen, und so lerne ich zum ersten Mal das Restaurant von Innen kennen.
Absatzhalter Die Speisekarte kenne ich schon in- und auswendig, und deshalb möchte ich heute etwas Neues probieren: „Le poulet au citron, s'il vous plaît“, das Zitronenhuhn bitte. In Wahrheit zeige ich natürlich bloß stumm auf das Foto in der Speisekarte, aber ich tue das mit einem sehr französischen Lächeln.
Absatzhalter Es gibt diese beharrlichen Vorurteile über die Französische Küche, wonach die Portionen winzig und das Personal unfreundlich ist, aber das muss ja nicht falsch sein. Tatsächlich ist die Kellnerin, eine hagere, ältere Dame, der man das Französische schon an der Nasenspitze ansieht, von einer solch kühlen Nicht-Freundlichkeit, dass es mein Herz erwärmt und eher eine Freude ist, weil es so gut ins Klischee passt.

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Das Zitronenhuhn schmeckt großartig und die Portion ist nicht zu groß. Kleiner als der Hut meiner Tante, aber größer als Pieps Piratenmütze. Die Pommes Frites dagegen sind jedesmal eine Offenbarung, dünn, knusprig und mit einer ungefragten Familienflasche Mayonnaise dazu.
Absatzhalter Ich bin just beim zweiten Bissen, als eine Familie reinkommt. Engländer. Mann und Frau in den Dreißigern, ein quengelndes Kleinkind und ein Schreibaby. Sie nehmen am Nebentisch Platz.
Absatzhalter Es ist schier unerträglich. Pieps registriert mit Interesse, wie schlecht man sich benehmen kann, ohne rausgeschmissen oder adhoc zur Adoption freigegeben zu werden. Wir schlingen unser Essen hinunter und ich exe den guten Weißwein in fünf großen Schlucken. Bloß raus hier!
Absatzhalter Das war ein nicht erzählenswerter Reisetag, aber er muss dennoch erlebt, erzählt und gelesen werden. Ich hoffe bloß, dass mein Plan aufgeht und die Reise irgendwann interessanter wird.

zum nächsten Tag...

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Svenja Svendura EndurowandernMade by Svenja Svendura on Apple iMac with Panic Coda and Photoshop Elements.