Inhaltsverzeichnis Frankreich 2025 Tag 1-3 Kiel - Wingen-sur-Moder (F) Tag 4 Wingen-sur-Moder - Bannes Tag 5-6 Hautoreille - Le Paroy Tag 7-8 Morvan - Auvergne Tag 9 Gorge de la Dordogne
In den Parc du Morvan
„Ich kratz ab!“ Oder, wie Geli sagen würde: „I stirb!“ Der Abend im Restaurant war episch schön, aber ich hätte etwas weniger trinken sollen. Oder viel länger schlafen, doch ausgerechnet Dornröschen hat für 8 Uhr Frühstück im Restaurant gebucht. Hoffentlich haben sie wenigstens die Weinflaschen schon weggeräumt.
„Heute Abend geh ich ganz früh schlafen und trinke keinen Tropfen Wein“, jammere ich selbstmitleidig in meinen Helm, während ich auf Langres zufahre. „Nie wieder!“
Dabei frage ich mich, wieso ich Langres bisher nie groß beachtet habe? Vielleicht, weil es so nahe liegt und damit nichts Besonderes ist, sondern bloß eine Landmarke auf dem Weg nach Süden?
Das ist auch so eine Sache: Man steckt seine Ziele ständig etwas weiter ab, um wieder das Neue und Besondere zu erleben, und übersieht dabei all die schönen Dinge, über die man mit derben Reifen hinwegtrampelt, ohne sie überhaupt zu beachten. Und wenn man erst ein- oder zweimal achtlos an etwas vorbeigefahren ist, dann ist es für alle Zeiten unsichtbar.
Ich muss unbedingt einmal mit dem Läusekamm durch meine Routen gehen, wer weiß, was da alles schlummert, das eine zweite Chance verdient hätte, die im Grunde eine erste wäre.
Langres ist so ein Ort.
Das, was ich an Frankreich mag, gibt es schon hier oben bei den Sch’tis, die Menschen und ihre Art zu sein, die Sprache, die ich nicht spreche, die guten Camps und das wertvolle Essen, das nicht bloß auf den Preis guckt.
Ich muss nicht jedesmal bis tief ins Land hineinfahren.
Die Anreise von Kiel ist weit genug.
Monsieur Ben hat uns heute Morgen ein liebevoll angerichtetes Frühstück serviert und dabei fröhlich zu Bob Marley geswingt. Das Petit Déjeuner in Hautoreille war klasse. Geli war entzückt, Didi hat sich mit Begeisterung über den Aufschnitt geworfen und ich war ganz verliebt in Kaffee, Urlaub und buttrige Croissants. Und Pieps war eben Pieps.
In Saint-Seine-l'Abbaye, ein Name, den ich mit Copy & Paste aus Google Maps übertrage, ist endlich eine Bäckerei.
Ich bin total durchgefroren. Es sind bloß 11° und ich hab nicht ein einziges warmes Teil an Bord.
Genug leichte Fummel, um das Frühlingsfest der Nymphen auszustatten, aber nicht einen warmen Pullover übern Dubs zu ziehen.
Bei Super-U in Sombernon kaufe ich ein Bündel französischer Bratwürste, Chipolatas á la Maison und ein paar Scheiben Bauchspeck zum Braten. An den Fleischtheken hat sich etwas verändert: Schon zweimal habe ich kein Entrecôte entdeckt, zumindest keines der Premiumklasse.
Die letzte Stadt auf unserem Weg heute ist Autun.
Augustodunum, wie es die Römer genannt haben, gilt als Tor zum Morvan.
Autun ist auch so ein bedauernswertes Opfer meiner Durchfahrblindheit, die auf dem Weg nach Süden vieles übersieht. Augustodunum kommt auch auf die Liste bislang ignorierter Ziele, wie überhaupt der ganze Morvan.
Die Wikipedia Einträge zum Morvan und gerade zum Parc naturel régional du Morvan sind erschütternd kurz.
Der Morvan ist ein Mittelgebirge in Burgund und der Parc du Morvan gilt als größter Naturpark Frankreichs.
Den ganzen Reiseführersprech kann man getrost vergessen, schließlich ist alles von irgendwas immer das Größte und Schönste, zumindest im Reiseführer, aber in diesem Fall habe ich selbst festgestellt: Der Morvan ist sehr dünn besiedelt und touristisch wenig erschlossen. Im Grunde ist hier jede Menge Nix-los, außer einiger schöner Seen und Camps in malerischer Landschaft und den verlassenen Eichenwäldern, durch die sich ein Netz schmaler Kurvenstraßen schlängelt.
Als ich nach Etang-sur-Arroux hineinfahre, den größten Ort in der Nähe des Camps, da wo der Supermarkt und die Tankstelle wohnen, hängt das Ortsschild verkehrt herum.
Was ist denn nun schon wieder los?
In Frankreich sind Ortschilder nicht nur Ortschilder, sondern dienen auch dazu, politischen Unmut mit der Zentralregierung in Paris auszudrücken.
Auf einer der letzten Reisen hing schwarzer Trauerflor an den Ortstafeln. Ich meine, da ging es um die Rentenreform. Keine Ahnung, was diesmal ist.
Als ich in Etang volltanke, liefert die Honda GB350S einen neuen Minimalverbrauch: 2,65 l. Das liegt nur knapp über der Werksangabe von 2,5 l, aber vermutlich hat Honda den auch ohne Urlaubsgepäck und ohne Giraffe im Sattel ermittelt.
13 km hinter Etang rolle ich den steilen Schotterweg hoch zur Rezeption, Bar und Außenterrasse vom Camp Le Paroy. „Arrivé!“ Wir sind da.
Ich stelle den Motor ab, klappe den Seitenständer raus und nehme den Helm ab: Meine Güte, welch ein glückliches Gefühl. Ein wenig wie nach Hause kommen.
Le Paroy hat nur 40 Plätze, und sicherheitshalber habe ich schon vor Monaten unseren Lieblingsplatz reserviert, tent 34, den Platz am Waldrand außerhalb des Zauns. Hier draußen fühlt es sich an wie Wildcampen mit Familienanschluss an Klohaus und Brötchenservice. Nachts ist es so stockfinster, dass man die Hand vor Augen nicht sieht.
Ich stelle das Zelt hin, richte alles genauso ein, wie es immer war, und wie es sein soll, und wandere mit Pieps hoch zur Bar. Unser Lieblingsplatz ist der Tisch mit der Suppenterrine. Wir haben überall Lieblingsplätze.
Das Camp hat neue Betreiber: Ray und Danjella aus den Niederlanden.
Sie probieren sich zum ersten Mal als Campingwirte und verströmen den Enthusiasmus junger Menschen für eine neue Aufgabe. Beide sind sehr herzlich und ich fühle mich mit ihnen sogar noch wohler als zuvor.
Seit neuestem bietet das Camp wieder einen Brötchenservice an, was nicht selbstverständlich ist, weil der Bäcker viele Kilometer extra hier rausfahren muss, um ein wenig Gebäck zu verkaufen.
Ich trage uns in die Liste ein, die auf einem der Tische liegt, einmal Pain au chocolat für Pieps, und ein Baguette für mich.
Zum Abendessen gibt es Bratwurst mit Pilzen. Pieps Begeisterung für die Champignons hält sich in Grenzen, aber zumindest die Chipos finden ihre gnädige Zustimmung.
Später beim Abwaschen sehe ich, dass bald eine neue Pfanne fällig ist. Bei dieser fangen wir an, die Beschichtung mitzuessen.
Auf unserem Platz hinterm Außenzaun des Camps kriegen wir vom Leben innerhalb des Zauns kaum etwas mit. Dies ist der schönste Zeltplatz von allen, und wenn mir nach Gesellschaft ist, gehe ich zur Rezeption, bestelle ein Leffe Blonde und zwinge irgendjemandem ein Gespräch auf.
Ray und Danjella berichten von einer Frau, die eine volle Woche Le Paroy gebucht hatte und am zweiten Tag wieder abgereist ist.
„What's wrong?“, erkundigte Ray sich besorgt.
„Too much Nature!“, und verschwand.