Inhaltsverzeichnis Frankreich 2025 Tag 1-3 Kiel - Wingen-sur-Moder (F) Tag 4 Wingen-sur-Moder - Bannes Tag 5-6 Hautoreille - Le Paroy Tag 7-8 Morvan - Auvergne Tag 9 Gorge de la Dordogne
In die Auvergne
Am achten Tag der Reise fahren wir in die Auvergne.
Ich freu mich auf Camp Serrette.
Während ich in aller Ruhe unsere Sachen packe und gerade die Luft aus der Isomatte quetsche, macht es draußen plötzlichPlumps!
Was war das denn?
Misstrauisch stecke ich den Kopf aus dem Zelt und linse um die Ecke.
Shice! Die dicke Berta ist umgefallen.
Einfach so vom Stängel gekippt.
Der Boden am Waldrand ist wunderbar weich und eben, aber eben auch weich.
Das ist aufgefüllter Mutterboden.
Ich steige aus dem Zelt und versuche hektisch, das Motorrad aufzuheben, um alles möglichst rasch ungeschehen zu machen, denn dann ist es im Grunde nie passiert.
Keine Chance. Die GB350S ist ein richtiges Eisenschwein! Allein krieg ich die nicht wieder hingestellt. Natürlich hab ich die Youtube Videos gesehen, in denen 45 kg Mädchen reihenweise 300 Kilo Harleys aufheben. Einfach mit dem Dubs an die Sitzbank schieben und aus den Knien heraus aufrichten. Ganz einfach.
Nur: Unter Gefechtsbedingungen funktoniert das nicht.
Zumindest nicht bei mir.
Die Honda liegt satt im Gras und das Lenkerende steckt tief im Boden.
Da, wo ich hocken müsste, steht das Zelt.
Das ist eben nicht Influencer World, sondern die Wirklichkeit.
Aufgeregt renne ich über den Platz hinauf zur Rezeption und bitte Ray um Hilfe. Der ist stark, der kann sowas. Tatsächlich stellen wir gemeinsam die Honda mühelos wieder auf die Beine.
„You need a piece of wood for the stand. I'll make you one.“
Während Ray in Richtung seiner Werkstatt verschwindet, inspiziere ich das Motorrad.
Hoffentlich ist nichts kaputt gegangen.
„Oh no!“
Auch das noch: Der Rückspiegel ist verstellt. Na bravo! Jetzt kann ich den wieder ganz neu einstellen. Dabei hatte ich gerade einen prima Ausschnitt gefunden, in perfekter Balance zwischen Landstraße und Ellenbogen.
Sonst ist alles in Ordnung.
Am Lenkerende klebt ein wenig braune Erde, aber nichts ist kaputt und nichts verbogen.
Ich baue das Zelt ab, packe alles zusammen und tuckere mit der Honda, die noch immer keine Enduro ist, vorsichtig zur Rezeption. Nasses Gras ist der Endgegner für die dickwulstigen Straßenreifen der Maschine. Sollte ich sie behalten, kommen da Mitas Enduro Trail drauf.
Mit hochrotem Kopf stolpere ich in die Rezeption und berichte Danjella was passiert ist und wie Ray uns gerettet hat: „Der ist wirklich stark!“ Sie macht mir einen Kaffee und ich setze mich damit an „unseren" Platz.
Pieps ist ganz hingerissen, dass einmal etwas Schlimmes passiert ist, an dem sie völlig unschuldig war. Zumindest lässt sich ihr nichts nachweisen. Nach Vernehmung entlassen
Ray kommt mit einem Stück Holz zurück aus der Werkstatt.
Er hat mir eine perfekte Unterlage für den Seitenständer gesägt.
Woher kam dieser spontane Ausruf: „Die dicke Berta ist umgefallen?“
Den hab ich mir vorher nicht ausgedacht. Der kam spontan, als ich die Honda im Gras liegen sah.
Dabei hatte ich mir längst einen hübschen Namen ausgedacht, 'La Bleue', die Blaue.
Und dann passiert sowas Doofes, und das Unterbewusstsein sagt ganz was anderes.
Das mit dem Namen klären wir, wenn ich weiß, ob ich sie behalten werde. Bis jetzt eher nicht.
Am Boden der Kaffeetasse verabschiede ich mich von Ray und Danjella: „Tschüss, bis Pfingsten“, denn in zwei Wochen wollen wir zurück sein und uns während der Pfingsttage hier in Le Paroy eingraben.
Heute liegt eine lange Etappe vor uns: 220 km. Das klingt nicht nach viel, aber wenn man sich die schmale Nebenstraße ansieht, ohne Leitpfähle, Seitenlinien und Mittelstrich, ahnt man, wie lange das dauern kann.
An die erlaubten 80 km/h ist kaum zu denken, schon mit 60 ist man flott unterwegs. Ich mag das, so, wie ich leichte, wendige Motorräder mag, die auf solchen Straßen schon fast übermotorisiert sind.
Der Weg vom Morvan in die Auvergne führt durch Clermont-Ferrand, die Hauptstadt der Auvergne und Heimatstadt von Michelin. In meinem Kopf heißt es Michelin, so wie in Michelinmännchen. Geli macht es jedesmal wahnsinnig, wenn einer Micheliiien sagt und nicht Meschlöh'n.
In Gueugnon halte ich vor einem Super-U. Ein Riesenladen! Ich parke die Honda unter dem grotesk überhöhten U der Marke. Dabei ist dies noch nicht einmal ein Hyper-U. Die sind nochmal größer.
Heute bleibt die Küche kalt.
Ich besorge alle Zutaten für einen klassischen französischen Abend: Camembert, Rotwein und ein gutes Brot.
In der Nähe von Volvic tauchen in der Ferne die Berge der Auvergne auf.
Der bekannteste ist der Vulkankegel des Puy de Dôme mit dem Funkmast oben drauf.
Die Auvergne ist die Vulkaneifel Frankreichs, eine Gegend, die mir in Deutschland sehr gefällt. Die erste Tour mit der brandneuen XT350 ging 1985 in die Vulkaneifel. Ans Pulvermaar. Wie es da heute wohl ist?
Volvic, Volvic ? VOLVIC! So hieß doch das Mineralwasser, das ich nicht mochte, weil es so irre sprudelt, dass es im Hals weh tut.
Jährlich werden hier 2,7 Mio. Kubikmeter Wasser aus einer Quelle im Vulkangestein auf Flaschen gezogen.
Das Zeug wird europaweit in die Supermärkte gekarrt und von dort in die Haushalte geschleppt.
Warum nur?
Wissen die nicht, dass man bloß den Hahn aufdrehen muss, einen Moment laufen lassen, und schon kommt bestes Trinkwasser kühl und frisch aus der Leitung?
Schmeckt genauso nach Nix, wie Flaschenwasser auch.
Ich versteh den Sinn nicht.
Als die Straßen breiter und schneller werden, fahren wir die meiste Zeit mit 90 km/h geradeaus. Die 80 km/h Höchstgeschwindigkeit, die in Frankreich 2018 eingeführt wurde, haben viele Departements aus eigener Machtvollkommenheit wieder aufgehoben.
Nur, dass die Honda bei Gegenwind Schwierigkeiten hat, ihre Neunzig im 5. Gang zu halten. Ich schalte zurück in den Vierten und lasse es dabei. Der Fünfte ist derart lang übersetzt, dass er bei Gegenwind sinnlos wird.
Dort vorne ist schon Chambon-sur-Lac ausgeschildert. Da liegt Camping Serrette, einer meiner Lieblingsplätze in Frankreich. Minuten später öffnet sich die Automatenschranke und ich rolle vor der Rezeption aus.
Madame hat mich bereits gehört, und kommt herbei, um uns zu begrüßen.
Man kennt uns hier, welch ein schönes Wiedersehen.
Dennoch ist nicht zu übersehen, dass Madame betrübt ist.
„Ça va?“, frage ich, wie gehts?
Es läuft gerade nicht so gut, nur zwei Gäste auf dem Platz. Pieps und ich sind die Nummern Drei und Dreieinhalb.
Dagegen sind die Plätze unten am See gut besucht.
Dort unten liegen die Restaurants und Cafés, und Vielen ist es zu kalt am Berg in 1.000 m Höhe.
Dabei ist gerade das der Vorteil: Hier oben ist es in den heißen Sommern der Auvergne gut auszuhalten und man hat dazu einen super Ausblick auf die Schwitzecamper unten am See.
Ich erbitte unseren Lieblingsplatz #43 und tuckere mit dem Helm überm Arm in die letzte Reihe des Camps.
Vorne, in der ersten Reihe, wo ich niemals stehen wollte, weil Aussicht vergeht, Straßenlärm aber nicht, stehen zwei Zelte, sonst haben wir Camp Serrette für uns allein.
Am 14. Juli wird die Tour de France auf der Straße am Camp vorbeifahren.
Dann wird alles ausgebucht sein, und die Camper der ersten Reihe haben den perfekten Blick auf die Fahrer.
Man könnte von da oben Trinkflaschen werfen.
Nur gut, dass Pieps dann schon weit weg ist.
Ich hab keine Lust, in der Bild-Zeitung zu stehen.
Es ist ein herrlich sonniger Tag und mit 18° gerade warm genug.
Wir sind doch nicht ganz allein: Eine Familie Wühlmäuse ist im Untergeschoss der Parzelle 43 eingezogen. Die Laufgänge sind nicht zu übersehen.
Mich stören die kleinen Wühler nicht, vielleicht - im Sinne von hoffentlich - findet Pieps sogar einen neuen Spielkameraden und verbringt etwas weniger Zeit damit, mir auf die Nerven zu gehen.
Den Rest des Nachmittags sehen und hören wir nichts mehr voneinander. Ich lese, und Pieps macht irgendwelche Mäusesachen. Erst, als ich die Holzdose mit dem Camembert aufmache und den Käse auspacke, kommt die kleine Maus völlig verschwitzt, aber glücklich wieder angerannt.
Das war ein schöner Reisetag.
Das Schlimmste, das passiert ist, war, dass sich mein Rückspiegel verstellt hat und dass der dicke Karli um ein Haar auf Nimmerwiedersehen über dem Lac Chambon verschwunden wäre.
Hätte schlimmer kommen können
„Du wolltest nicht ernsthaft den dicken Karli runter zum See fliegen, oder?! „Pöh!“, und blättert ungerührt weiter in ihrem Pixi. „Der war wieso zu dick för uns're Drohne.“