Inhaltsverzeichnis
Frankreich 2025
Tag 1-3 Kiel - Wingen-sur-Moder (F)
Tag 4 Wingen-sur-Moder - Bannes
Tag 5-6 Hautoreille - Le Paroy
Tag 7-8 Morvan - Auvergne
Tag 9 Gorges de la Dordogne
Tag 10 Gorges de la Dordogne II
Tag 11 In den Gärten von Limeuil
Tag 12 Lotmündung in die Garonne
Tag 13 Vallée du Lot
Tag 14 Am Lot bis Saint-Côme-d'Olt
Tag 15 Saint-Côme-d'Olt
Tag 16 Die Quelle des Lot
Tag 17/18 Gorges de la Truyère
Tag 19 Gorges de la Truyère II
Tag 20 Zurück in der Auvergne
Tag 21 Auvergne - Camp Le Paroy
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Tag 21: Auvergne - Le Paroy

Mitten in tiefrabenschwarzer Nacht. Alles schläft. Plötzlich: RUMMS, KRACH, SCHEPPER! Puls 160. „WER IST DA?“ Ich schnappe mir eine Lampe und öffne die Tür. Es regnet in Strömen. Irgendjemand hat die Mülltonne auf der Terrasse umgeschmissen. Ich leuchte in die Dunkelheit, aber da ist keiner mehr.

Blick über die Landschaft der Auvergne

Am nächsten Morgen ist der Regen verschwunden, bloß die schwarzen Wolken sind noch da. Es ist trotzdem ungemütlich, nass, kalt, düster und überhaupt rundherum örkeslig. Missmutig ziehe ich die Regensachen an und starte in den Tag.

Es ist mir noch immer ein Rätsel, weshalb Regentage auf Motorradreisen so sehr auf die Stimmung schlagen, und das völlig grundlos: Es ist kalt, aber mir nicht, weil ich warme Sachen trage. Es ist nass, aber ich bleibe trocken, weil die Regenkombi das Wasser von mir fernhält, es ist düster, aber bei weitem hell genug, um alles zu sehen. Im Grunde alles Pimpinelle und erklärt in keiner Weise, wie Regenwetter mir spätestens am dritten Tag so die Laune trüben kann.

Oder geht das nur mir so? Claudia hat das nicht. Sie denkt auf Reisen nicht in Kategorien von mieses Wetter und schönes Wetter. Das Wetter ist ihr piepenhagen, was mich jedesmal mächtig aufregt. Notfalls spannt sie beim Wandern ihren kleinen Regenschirm auf.

Einmal hatte ich versucht, das Elixier der perfekten Reise zu beschreiben, aber zu einem überzeugenden Ergebnis bin ich - sind wir - damals auch nicht gekommen.

Enge Gasse in französischem Dorf

Unser Tagesziel lautet Camping Le Paroy. Damit schließt sich der Kreis aus Reise und Rückreise und ich freu mich schon auf unseren Zeltplatz am Waldrand, und auf Ray und Danjella, das junge Pärchen aus Holland, das in dieser Saison den Platz führt.

Die Auvergne ist so verlassen, dass ich später Mühe haben werde, Claudia überhaupt ein paar Ortschaften zu nennen, die sie in die Tagesskizze auf dem Seitenrand einzeichnen kann. Die meiste Zeit ist es schlicht Pampa, verlassene Landschaft, die wunderschön wäre, wenn das Licht heute nicht so trübe wäre.

Gegen Mittag rolle ich nach Mayet-de-Montagne ein, mit 1.400 Einwohnern bereits eine kleine Stadt mit Infrastruktur, vor allem mit einer Pâtisserie. Im Grunde kann ich mit süß nichts anfangen, wenn ich Hunger habe, aber mal sehen, ob es dort noch etwas anderes gibt als Kuchen.

Tatsächlich sind am Tresen hinter Glas die leckersten Jambon Frommage ausgestellt, Blätterteig mit Käse und Schinken. „Une Jambon Fromage s'il vous plait“, gebe ich selbstbewusst meine Bestellung auf.

Motorrad steht abgestellt vor einer Patisserie

Die Vortäuschung nicht vorhandener Französischkenntnisse geht nach hinten los, denn die Verkäuferin lässt sogleich ein Stakkato französischer Sätze auf mich los, von denen ich kein Wort verstehe. Am Ende des letzten Satzes hebt sie die Stimme und blickt mich erwartungsvoll an.

Eine Frage?
Offensichtlich.
Bloß welche?

Ich gucke sie an wie ein Bus ohne Licht und gestehe kleinlaut, dass ich kein Französisch spreche. Verlegenes Lächeln, beidseitige Ratslosigkeit, bis ihre Teenage Tochter hinzutritt, die bereits eines dieser neuen Telefone mit Über­setzungs­funktion besitzt: Ob das Essen erhitzt werden soll und ob ich es hier essen will? Oh ja, bitte. Beides.

Die Beiden sind von solch herzlicher Freundlichkeit, dass ich beinahe ein wenig beschämt bin. Der Käsetoast, oder wie immer man das übersetzen soll, schmeckt vorzüglich, knusprig, heiß, käsig, lecker.

Landschaft im Park Morvan

Als wir weiterfahren, hat sich der Himmel aufgehellt, weiße Wolken, etwas blauer Himmel, und sofort bin ich wieder in Hochstimmung. Jetzt fahren wir in einem Rutsch durch nach Le Paroy.

Wir halten ein letztes Mal in Digoin vor einem Hypermarché und besorgen Entrecôtes, einen Camembert für die Pfanne, Schokolade für Pieps und einen englischen Früchtekuchen. Davon gibt es vier verschiedene Sorten. Versteht man nicht. Was ist das überhaupt, Früchtekuchen?

Eingang eines Supermarkts mit Motorrad

Bei unserer Ankunft im Camp liegt die Rezeption noch im Mittags­schlaf. Die stehen erst um 16 Uhr wieder auf, aber ich weiß auch so, was zu tun ist. Ohne abzusteigen rolle ich durch die schmale Tür im Zaun raus auf den schmalen Grasstreifen, der das Camp umgibt.

Es beginnt leicht zu niesen und im Rekordtempo stelle ich das Zelt hin und richte es ein: Isomatte aufpusten, Daunendecke ausbreiten, Tankrucksack als Nachttisch ans Kopfende stellen, Gepäck im Vorzelt verstauen, Schuhe aus, reinkrabbeln, Reißverschluss zu.

Es gibt kaum etwas gemütlicheres, als bei Nieselregen im Zelt zu liegen, wenn alles trocken verstaut ist und man nicht wieder los muss. Pieps und ich legen uns auf die Isomatte, ich breite die Daunendecke über uns … und … plö… bzzZzz, crrRrr, bzzZzz

Zelt und Motorrad stehen auf der Wiese

Gegen Abend sitze ich im Zelt, trinke dunklen Wein aus der Blechtasse und lese in meinem Lieblingsbuch: Jack London, Der Seewolf. Bei jedem erneuten Lesen entdecke ich irgendetwas Neues: Jetzt gerade unterhält sich Wolf Larsen, der Seewolf mit Humphrey van Weyden über Spencers Die Prinzipien der Ethik. Sowas interessiert mich, aber am Ende bin ich doch meist zu bequem, mich auf einen so schwierigen Stoff einzulassen. Letztlich merke ich nämlich recht schnell, dass dafür mein Grips doch nicht ganz reicht. Außerdem hat mich die Stelle mit der rohen Kartoffel ohnehin viel mehr fasziniert.

Wie ich im Zelt sitze, meinen Gedanken nachhänge und Notizen in mein Tagebuch schreibe, bin ich ganz in meinem eigenen Mikrokosmos und rundherum glücklich, dabei ist hier nichts, außer „too much Nature“, wie eine Camperin neulich feststellte, bevor sie empört abreiste.

Was ist es eigentlich, das ich wirklich will auf meinen Motorradreisen?
Das muss ich unbedingt aufschreiben, damit ich es bei der Planung berücksichtigen kann. Ich brauche eine Art Lastenheft für Motorradreisen mit den Dingen, die mir am wichtigsten sind.

Die offizielle Antwort – fürs Publikum – ist einfach: "Svendura möchte gern fremde Länder und Kulturen kennenlernen, Menschen treffen, Kontakte knüpfen, etwas Neues lernen und ihren Horizont erweitern."

So ein Blödsinn!

Die Wahrheit ist viel einfacher. Wenn ich alles weglasse, was im Zweifel verzichtbar ist, dann bleibt am Ende genau das: Svenja möchte gern Motorradfahren, zelten, fotografieren, lesen und Bier trinken.

Ich muss nur daran denken, wie alles begonnen hat. Die erste Reise 1978 mit der Puch Cobra 4T nach Rømø: Zelt und Schlafsack hinten drauf und die Hosentasche voll Zündkerzen in verschiedenen Stufen der Verwesung. Schon damals wollte ich in erster Linie Motorradfahren, zelten, lesen und Lagerfeuer machen. Bier trinken war noch nicht.

Wenn ich das etwas genauer aufschlüssele, was mir heute am meisten Freude macht, dann ist es im Grunde genommen erschütternd simpel und oberflächlich.

Besichtigungen, Kultur und Anspruch spielen für mich offenbar keine Rolle. Ich bin selbst erschrocken, aber das ist es – blutend ehrlich – was ich auf Reisen am meisten mag. Und dennoch gelten Motorradfahrer mitunter als oberflächlich. Versteht man nicht.

Svenja sitzt am Lagerfeuer mit SchwenkgrillAuf dem Weg zum Nordkap (2013), oberhalb von Geiranger

Was mich brennend interessiert ist, wie eure Punkte aussehen? Was ist es, das euch auf Reisen am wichtigsten ist? Man muss mitunter etwas grübeln, bis man auf den wahren Kern trifft, aber dann ist man vielleicht selbst überrascht, was da steht. Los! Aber nicht mogeln!

Nun...?



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Svenja Svendura EndurowandernMade by Svenja Svendura on Apple Mac Mini with Panic Nova and Photoshop Elements.