Inhaltsverzeichnis
Frankreich 2025
Tag 1-3 Kiel - Wingen-sur-Moder (F)
Tag 4 Wingen-sur-Moder - Bannes
Tag 5-6 Hautoreille - Le Paroy
Tag 7-8 Morvan - Auvergne
Tag 9 Gorges de la Dordogne
Tag 10 Gorges de la Dordogne II
Tag 11 In den Gärten von Limeuil
Tag 12 Lotmündung in die Garonne
Tag 13 Vallée du Lot
Tag 14 Am Lot bis Saint-Côme-d'Olt
Tag 15 Saint-Côme-d'Olt
Tag 16 Die Quelle des Lot
Tag 17/18 Gorges de la Truyère
Tag 19 Gorges de la Truyère II
Tag 20 Zurück in der Auvergne
Tag 21 Auvergne - Camp Le Paroy
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Sources du Lot

Bevor wir starten, will ich mich in der Rezeption noch einmal herzlich für die Hilfe in höchster Not bedanken: „Please take at least a few Euros for your daughters reading passion. She likes fantasy books“, aber keine Chance! Ihre Mama nimmt partout keinen Pfennig an. Jetzt schäme ich mich fast, es angeboten zu haben, so, als könne ich die Freundlichkeit nicht annehmen.

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Minuten später, als ich mit Bleue an der Rezeption vorbeituckere, steht die gesamte Familie draußen vorm Haus und winkt uns zum Abschied fröhlich zu. Tief gerührt winke ich zurück.

Ich sollte sowas im Reisebericht vielleicht nicht hinschreiben, weil ich dann als noch größerer Weichlappen rüberkomme als ohnehin schon, aber mir laufen im Helm Tränen der Rührung die Wangen runter. Meine Güte, wie kann man bloß so ein Weichkäse sein?

„Du has' bloß was in Auge, näh?!“ Auch wenn Pieps mitunter nervig ist wie ein Stein im Schuh – sie hält fest zu mir."

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In meinen quietschgelben Regensachen trocken verpackt, folge ich dem Lot in der ersten Stunde nach dem Campingplatz. In Saint-Geniez-d'Olt entdecke ich ein Café, Bar du Centre.

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Ich parke die Honda neben dem Brunnen, stiefele hinüber ins Café und stoße die Tür auf. Der Laden ist rappelvoll. Angeregte Unterhaltungen schwirren hin und her, Tassen klirren, ein aromatischer Duft von Kaffee. Jeder einzelne Stuhl, jeder Hocker und jeder Platz am Tresen ist besetzt.

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Mit entschuldigendem Lächeln dränge ich mich nach vorn an den Tresen. Man macht mir freundlich Platz, ein kurzes Lächeln, „Bonjour Madame“, die Gespräche gehen weiter. Hier kennt jeder jeden, es ist ein kleiner Ort.

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„Une Grand café au lait, s'il vous plaît“, gebe ich meine Bestellung auf, einen großen Milch­kaffee, bitte. Auch wenn ich kein Französisch spreche, die wirklich wichtigen Dinge kann ich sagen.

Ich lege 2 € für den Kaffee hin und setze mich raus zu den Rauchern. Aus der Boulangerie nebenan hole ich für uns Croissants und Pain chocolate. Während ich vorm Café sitze, Kaffee schlürfe und mißbilligend zusehe, wie sich Pieps das Schokobrötchen in den Mund stopft, denke ich, wie wohl ich mich in Frankreich fühle. Mal wieder …

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Die Regensachen behalte ich an als wir aus Saint-Geniez-d'Olt abfahren. Es regnet zwar gerade nicht, aber der Himmel ist undurchschaubar und die Straßen sind nass.

Wir nehmen weiterhin jede Lotbrücke unter die Räder und sehen runter auf den Fluss, der mehr und mehr zum Bächlein in der Wiese wird. Bald sind wir an der Quelle.

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In Le Bleymard, einem Gebirgsdorf am nördlichen Rand des Nationalparks Cevennen entdecke ich einen Supermarkt mit Tankstelle. Im Grunde habe ich den schon vor Monaten zuhause entdeckt: In meinem Reiseplan steht Le Bleymard (T+E), Tanken und Einkaufen.

Vor dem Supermarkt steht eine Rotte Hardenduros und sogar ein Trialer. Ich grüße eifrig rüber, aber keinerlei Reaktion. Kein Wunder, die wissen ja nicht, dass ich eigentlich auch Enduro bin.

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In Sachen Street Credibility ist mit der GB350 kein Blumentopf zu holen, zumindest nicht bei diesen Offroadtypen. Arschgeigen!

Der Carrefour Express in Le Bleymard ist ein Outpost, wie ich ihn liebe, ein Laden im Nirgendwo, der alles im Regal liegen hat, was jemals einer der 386 Einwohner des Dorfes brauchen könnte, oder einer der Pilger, die auf dem französischen Jakobsweg hier vorbeikommen.

Das Sortiment an Frischfleisch ist klein aber fein, mit einer wundervollen Auswahl von Schaffleisch. Ich suche ein paar Leckereien für uns aus und wir düsen weiter. Die Tanksäule vorm Laden benötigen wir nicht, dieses Motorrad muss nicht nachgetankt werden. Der Sprit hält ewig.

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Die Reise zur Quelle des Lot war im Original mit Greeny geplant, unserer KLX250S Super Enduro. Die hat zwar bloß 22 PS, aber mit Greeny kommt man buchstäblich überall hin. Ihr Geheimrezept lautet: Geringes Gewicht, einfache Fahrbar­keit, grobe Reifen und unbeirrbare Zuverlässigkeit.

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Nun steht Greeny vollgetankt, geputzt und reisefertig im Keller, während ich mit Bleue auf dem Holzweg zur Lotquelle bin. Schlingernd schlittern wir von Oh-oh-oh! zu Schlammloch zu Gerade-noch-mal-gutgegangen.

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Horsepower, Federwege und Bodenfreiheit kann man getrost vergessen. Die sind hier völlig egal. Das Einzige was zählt, sind grobe Reifen. Alles andere kann ich kaschieren, aber mangelnder Geradeauslauf und Vortrieb lassen sich nicht ausgleichen.

Dabei ist die GB350 serienmäßig schon mit dem Metzeler Tourance Next 2 ausgestattet, Unstoppable desire to discover - so die Werbung - ein Reifen für Reisenduros. Ja. Für Reiseenduros auf Asphalt. Nicht für die auf den matschigen Waldwegen.

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Falls ich die Honda behalten sollte, was ich im Wald in Frankreich noch nicht weiß, inzwischen aber ja, dann rüste ich sie mit knobby Tires aus, mit einem Motorschutz und einer Verlängerung für den vorderen Kotflügel. Auf dem Bild sieht man, warum die so heißen.

Plötzlich ist Endstation. Näher kommen wir nicht an die Quelle. Ein Schild sagt: SOURCES DU LOT GR 70 1,4 km und zeigt auf einen Pfad, der im Unterholz verschwindet. GR steht für Grande Randonnée, ein Fernwander­weg länger als 50 km, markiert in Rot und Weiß.

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Selbst mit Greeny hätte ich verweigert, nicht weil es mit der KLX nicht zu schaffen wäre, sondern schlicht, weil zu viele Erleuchtete durchs Gehölz stapfen. Seit wir vom Asphalt runter sind, wundere ich mich schon, warum so viele Leute mit Rucksack und Jakobsmuschel im Wald unterwegs sind: Das sind Pilger!

Als Außenstehende, die lediglich die Berichterstattung verfolgt, entfernt sich das Pilgern auf dem Jakobsweg mit jeder Saison weiter von einer Wanderung in Klausur mit Gott hin zu einer Mixtur aus Dschungel­camp und Mann mit Dutt sucht Frau mit Lastenrad.

Im Grunde habe ich, was ich wollte. Wir sind dem Lot von seiner Mündung bis zur Quelle gefolgt, auch wenn uns an beiden Enden ein paar hundert Meter fehlten. Uns persönlich, Pieps und mir hat die Fahrt am Lot entlang sehr viel Spaß gemacht. Das ist eine gute Flussreise mit Motorrad: Die Straßen verlaufen nah am Ufer, man hat häufig freien Blick aufs Wasser, es gibt malerische Orte, alte Brücken und erstklassige Camps direkt am Fluss. Fazit: Lohnt sich!

Doch damit ist unsere Reise noch nicht zu Ende: Morgen fahren zur Quelle der Truyere und folgen ihr durch die Gorges de la Truyère bis zur Mündung in den Lot, wo wir vor zwei Tagen vorbeigefahren sind.

An einer Stelle geht mein Reiseplan heute nicht auf: Das Camp, das ich geplant habe, ist geschlossen. Laut Internet müssten sie auf haben, haben sie aber nicht. Ich rüttele an der Tür der Rezeption, was absolut sinnlos ist, mir aber das Gefühl gibt, nichts unversucht gelassen zu haben.

Zwanzig Kilometer weiter ist ein Trailerpark ausgeschildert. Eines dieser Areale, wo sie Mobilheime vermieten. Das kommt uns gerade recht, denn laut Wettervorhersage wird heute Nacht der große Bruder des gestrigen Unwetters erwartet und unser Zelt ist noch nass vom letzten.

Auch dieses Camp ist noch nicht für die Saison geöffnet, aber der Camp­chef holt eines der Chalets für uns vorzeitig aus dem Winterschlaf. Wir müssen eine Stunde warten, aber dann dürfen wir einziehen.

Die Unterkunft ist erstklassig, wir haben zwei Schlafzimmer, ein Bad mit Dusche und eine Riesenküche mit Vollausstattung. Das sieht alles so neu aus, darin können wir unmöglich unseren Hammel braten. Anschließend können sie die Bude renovieren.

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Ich ziehe mit der Campingküche nach draußen auf die Terrasse und werfe das Fleisch in die Pfanne. Aus der Fußmatte baue ich einen Spritzschutz für die Holzwand und aus dem Zeltsack einen provisorischen Windschutz. Die Fußmatte ist danach ein wenig glitschig, aber das Fleisch ist prima fett und schmeckt intensiv nach Schaf.

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Während ich das Geschirr spüle - Pieps musste dringend noch mal weg - sinniere ich, ob ich die GB350S behalten soll, oder ob ich sie nach der Reise gleich wieder verkaufe.

Das ist ein richtig tolles Motorrad mit einem sehr simplen Motor, gebaut für die Ewigkeit. Die geringe Leistung von 22 PS stört mich nicht die Bohne. Kraft statt Leistung ist es, was diese Maschine auszeichnet.

Auf dem Gutshof Knebusch in Kellinghusen, wo ich aufgewachsen bin, hatten wir einen alten Fendt Favorit 3, der hatte bloß 52 PS, aber er hat alles weggerissen, was man ihm drangehängt hat. Ein wahres Kraftpaket. Wie meine Honda.

Das Einzige, was mich zögern lässt: Sie ist keine Enduro.



zum nächsten Tag...

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Svenja Svendura EndurowandernMade by Svenja Svendura on Apple iMac with Panic Coda and Photoshop Elements.