Motorradreisen mit Zelt und Schlafsack
Am Viaduc de Garabit
Welch ein Luxus, morgens aus dem Bett aufzustehen und aufrecht in die Küche zu gehen. Kein Kriechen, kein Krabbeln, nicht mal Ohrenkneifer.

Nach dem zweiten Becher Kaffee lade ich das Gepäck auf und starte den Motor der Honda. Solange er noch kalt ist, brummt er im Stand mit leicht erhöhter Drehzahl und der coole Sound des 350er Einzylinders kommt noch nicht voll zur Geltung, aber das geht allen Einspritzern so.

Heute geht es an die Truyère und ich will versuchen, die Quelle zu finden. Irgendwann in der Pampa gebe ich auf, mache ein Foto und behaupte später im Reisebericht, da irgendwo läge die Quelle. Nicht gelogen, denn irgendwo ist ein weiter Begriff. Näher komme ich mit der Honda nicht heran, aber Quellen wie diese lohnen ohnehin selten: Irgendwo sickert Wasser aus einer nassen Wiese. Mehr ist nicht zu sehen.

Man kann über die Franzosen sagen, was man will, aber wenn sie ihre Sachen verwittern lassen, dann auf stilvolle Weise: Die Garagentore des Pirelli-Händlers in St.-Denis-en-Margeride sind ein Foto wert.

Als ich im Dritten durch Saint Alban tuckere, entdecke ich eine SB-Waschanlage. Ungewöhnlich, in so einem kleinen Dorf, aber hoch willkommen. Ich bin die einzige Kundin. Zur selben Zeit in Kiel stünde vor allen fünf Boxen eine Riesenschlange. Meine Güte, hab ich da schon Wartezeit verbracht, nur um zuzusehen, wie einer seinen tiefergelegten 3er BMW in Schaum massiert.
Ich rolle mit Bleue auf das Ablaufgitter und lasse sie vorsichtig auf den Seitenständer sinken, nicht dass der Ständer durchs Gitter rutscht. Minuten später glänzt und strahlt die Honda wieder wie neu und die Spuren des Holzwegs zur Lotquelle rinnen in den Ablauf.

In Saint-Alban-sur-Limagnole stelle ich das Motorrad ab und sehe mich um. Der Ort liegt am französischen Jakobsweg Via Podiensis und es gibt mehrere Pilgerherbergen, französisch: Gîte d'étape.
Die Pilgerherberge Auberge Saint Jaques hat geöffnet. Die Gaststube ist völlig leer. Das Frühstück ist beendet, die Pilger haben ausgecheckt und frische kommen erst wieder am Nachmittag.
Für 1,40 € bekomme ich einen Grand Café au Lait. Für einen Euro und vierzig Cent! Das ist unglaublich günstig. In Kiel liegt solch ein Milchkaffee irgendwo zwischen drei und knapp sechs Euro.
Man kann nur hoffen, dass die Wirtsleute am Jakobsweg niemals darauf kommen, dass sie mit ihren günstigen Preisen überwiegend Akademiker, Pauker und Bessergestellte unterstützen, die mühelos marktübliche Preise zahlen könnten. (Laut einer Studie ist das Pilgern ein Hobby der mittleren bis oberen Mittelschicht. Quelle: Gamper, Markus / Reuter, Julia (2012): Pilgern als spirituelle Selbstfindung oder religiöse Pflicht? Empirische Befunde zur Pilgerpraxis auf dem Jakobsweg.)
Tatsächlich gibt es in Frankreich bereits eine angeregte Diskussion über das Thema Tourisme spirituel subventionné, die Subvention einer Klientel, die sich am Abend bei der Vesper über ETFs, Sabbaticals und Sinnkrisen austauscht. Ich unterstütze diese Quersubventionierung einer privilegierten Freizeitpraxis ausdrücklich. So etwas kann ich mir für Motorradreisende ebenfalls gut vorstellen.
Eines Jahres werden Pieps und ich auch pilgern gehen, aber mit Motorrad: Endurowandern auf dem Jakobsweg. Tagsüber rumschottern und abends unser Zelt neben einem der kostenlosen Rotweinbrunnen aufstellen. Auf diese Story freu' ich mich jetzt schon.

In Malzieu-Ville wird es selbst für die sparsame Honda Zeit für frisches Benzin, Verbrauch: 2,7 l / 100 km. Für 21,89 EUR tanke ich sie randvoll. Dafür werden 200 Euro auf der Kreditkarte reserviert. Man gibt die Karte ein und der Automat hat keinen Schimmer, wieviel gleich in den Tank geht. Im Grunde unwichtig, nur dass es mitunter zwei Wochen dauert, bis die Tankstelle abrechnet und die restlichen 178,11 Euro wieder frei werden.
Auf einer Frankreichreise mit Greeny bin ich so einmal virtuell bankrott gegangen, weil die ganze Kohle reserviert war, obwohl ich erst 100 Euro vertankt hatte.
Ich lasse Bleue - vollgetankt - an der Stadtmauer von Malzieu-Ville stehen und schlendere mit Pieps auf Kopfsteinpflaster durch enge Gassen.

In einem Schaufenster sind Helme ausgestellt, Schilde, Schwerter und sogar ein Hermelinmantel. Ein Fachgeschäft für „Monarchen und Ritter, Ober- und Unterbekleidung?"

Wenn es etwas gibt, das die Maus sogar noch mehr liebt als ihre Barbies, dann sind es Ritter und Piraten. Keine Ahnung, woher sie das hat.

Am Ortsausgang von Malzieu-Ville sehen wir zum ersten Mal die Truyère, den Nebenfluss des Lot, wegen dem wir überhaupt hier sind.
Eine Stunde später erscheinen die ersten Wegweiser Viaduc de Garabit am Straßenrand. Ich weiß, dass es eine besondere Sehenswürdigkeit hier an der Tryère ist, aber nichts hat mich auf diesen Anblick vorbereit, als ich aus der letzten Kehre komme: Vor mir, quer über der Schlucht der Truyère: Liegt der Eiffelturm!

Zumindest ähnelt das Bauwerk ihm sehr, was kein Wunder ist, denn beide wurden von Gustave Eiffel erdacht, dem Mann, der auch den Turm in Paris konstruiert hat, und der seinen Namen trägt: Der Eiffelturm.

Das Viadukt und die Fahrt um den Stausee Barrage du Grandval sind die Highlights an der Truyère. Ich tuckere von einer staunenden Aussichtspause zur nächsten.

Unser Camp für die nächsten beiden Nächte soll Camping Belvedere sein, ein 4-Sterne Trailerpark. Schon die Auffahrt sieht nobel aus, vor dem Check-in ist alles frisch asphaltiert mit schneeweißen Linien und einer Rezeption wie im Hotel. Die Dame am Empfang spricht sogar Englisch.
„Bonjour Madame. We'd like to rent a cabin. For two nights, please.“
„Bonjour Madame. There are only some comfort chalets left free. Let me see, what the Price is for two Nights.“

Comfort Chalets klingt teuer. Während sie auf dem Buchungscomputer herumklickt, setze ich mir stumm ein Limit: Bis 250 € für beide Nächte alles inklusive gehe ich mit, sonst fahren wir weiter.
„That would be 74 Euros for two nights.“
„Ok. I'll take it.“
Für einen winzigen Augenblick wirkt die Dame erstaunt als ich zusage, bevor sie ihr professionelles Gesicht wieder aufsetzt und beginnt, die Daten von meiner Camping Key Karte in den Computer zu tippen.
Wieso halten einen Leute für arm, bloß weil man auf einem kleinen Motorrad unterwegs ist und eine mehrfach geflickte, sichtlich gealterte Motorradjacke trägt?
Das Geld wurde eben noch nicht umgewandelt in ein Wohnmobil (65k €), Birkenstocks (150 €) und Blasentee (5 €). Es ist noch alles da und kann jederzeit eingesetzt werden für Fährtickets, Chalets und Entrecôte.
„Un' Körsch Eis, näh?!“ Ja, dafür auch.
Camping Belvedere liegt mit all seinen vier Sternen an einem Steilhang hoch über der Truyère. Im ersten Gang tuckere ich mit Bleue hinauf zu unserem Chalet. Die Nummer 73 ist unseres. Es wirkt nagelneu.

Ich schließe die Tür auf und stehe in einer großen Wohnküche. Um den Küchentisch rankt sich eine bequeme Rundsitzbank. Mitten auf dem Tisch steht eine mysteriöse Schachtel, Kit d'accueil, ein Willkommenspaket!? Was mag da drin sein? Konfekt und ein Stadtplan?


Klopapier und Putzlappen! Das Zeug hätten diese Senfnasen auch einfach nebens Klo stellen können, ganz ohne Kit-d'accueil-Enttäuschung.
Ich drehe die Heizung auf Full-Power und wir werfen uns beide in unser Nachtzeug. Ein Strauß Bratwürste und ein gut durchgerittener Camembert später ist die miese Laune schon wieder vergessen.

Ich lege das Garmin Oregon auf den Tisch und sehe mir die Daten an: Heute haben wir insgesamt 138 km zurückgelegt und waren dafür sechs Stunden unterwegs. Das ist ein rechnerischer Schnitt von 23 km/h. Die echte Durchschnittsgeschwindigkeit in Bewegung betrug 40 km/h und die Höchstgeschwindigkeit 82 km/h – alles gps gemessen.
Schon an diesen Daten lässt sich ablesen, wie grandios die Tour durch die Gorges de la Truyère ist. Die Strecke vom Kamener Kreuz nach Bielefeld ist zwar schneller, aber auch weniger malerisch.
Das passt zu meiner Theorie, dass unsere Art zu reisen auch ganz easy mit einer 125er funktionieren würde, vielleicht sogar mit der brandneuen Yamaha WR125R, die ab 2026 wieder neu im Yamaha Programm ist.
Noch sind wir so verdammt jung und können jeden Traum träumen, der uns in den Sinn kommt. Besonders solche mit Motorrädern
zum nächsten Tag...
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