Inhaltsverzeichnis Frankreich 2025 Tag 1-3 Kiel - Wingen-sur-Moder (F) Tag 4 Wingen-sur-Moder - Bannes Tag 5-6 Hautoreille - Le Paroy Tag 7-8 Morvan - Auvergne Tag 9 Gorges de la Dordogne Tag 10 Gorges de la Dordogne II Tag 11 In den Gärten von Limeuil Tag 12 Lotmündung in die Garonne Tag 13 Vallée du Lot Tag 14 Am Lot bis Saint-Côme-d'Olt Tag 15 Saint-Côme-d'Olt Tag 16 Die Quelle des Lot Tag 17/18 Gorges de la Truyère Tag 19 Gorges de la Truyère II Tag 20 Zurück in der Auvergne Tag 21 Auvergne - Camp Le Paroy
Saint-Côme-d'Olt
Der kalte Rosé gestern hat mir gar nicht gut getan und irgendwie komme ich nur schwer in Fahrt.
Pieps kann sich die Schadenfreude kaum verkneifen, doch zwei Tassen Nescafé Gold später bin ich wieder startklar.
Pieps und ich wollen heute das Dorf besichtigen.
Wir brauchen noch Fotos für den Reisebericht und viel wichtiger: Wir brauchen was zu essen.
Wir können los. Ich schnappe mir den Fotoapparat und wir schreiten durchs Porte de la Barrieyre ins Dorf.
Vom Camp sind es bloß ein paar Schritte ins mittelalterliche Zentrum.
An den Mauern hängen Tafeln mit historischen Fotos aus der Geschichte von Saint-Côme-d'Olt. Das haben sie schön gemacht. Überhaupt ist das ganze Dorf prima in Schuss, ohne dass es sonst ein Touristenort wäre.
Man merkt an den Geschäften, dass im Ort noch richtige Leute wohnen, die hier auch hingehören, und nicht nur Touristen wie wir.
Heute ist Sonntag und am Place de la Porte Théron ist Wochenmarkt.
Solch ein Glück.
Der Markt ist gut besucht und mit Pieps an der Hand schlendere ich an den Verkaufständen entlang. Obst und Gemüse sind fotogen, aber kein Teil des Zielgebiets.
Plötzlich: „Da!“ „Was? Wo?“ „Na, da vorne! Da is'n Schlachter. Ich riech das.“
Tatsächlich: Da hat ein Metzger seinen Stand und Pieps hat den Braten gerochen.
Mäuse können sowas.
Hinter einer heißen Scheibe liegt ein frischer Wildschweinbraten. Sorgfältig eingewickelt in fettem Speck und liebevoll mit Garn verschnürt.
Es ist Liebe auf den ersten Blick.
Mit unserer Beute schlendern wir noch ein wenig über den Wochenmarkt und durch die malerischen Gassen, aber die Luft ist raus. Höchste Zeit, nach Hause zu gehen.
Selbst die Sonne ist hinter Wolken verschwunden
Von der Brücke über den Lot hat man einen guten Blick auf die malerische Silhouette von Saint-Côme-d'Olt und auf unseren Campingplatz.
Über allem thront erhaben die Kirche Église Saint-Côme et Saint-Damien. Namen können sie in Frankreich. Die ebenfalls katholische Kirche in Kiel heißt bloß schlicht St. Heinrich-Kirche.
Unterhalb der Straßenbrücke Pont de Saint Côme d'Olt liegt unser Camp. Auf dem schmalen Sandstrand am Fluss stehen Bänke und Liegen für die Campinggäste.
Pieps, eine Maus mit der Geduld eines Feldhasen, schafft es keine halbe Stunde, das Wildschwein zu ignorieren, und gibt es unser eigentlich Abendessen schon zum Mittag.
Plokk! „Pieps, was machst du da?“ „Nix. Wieso?“ Plokk! „Ich hör das doch. Mach kein' Unsinn!“ „Ich bin das diesma' werklich nich'!“ Plokk!
Plokk!
Plokk!
Plokk!
Plokk!
Plokk!
Plokk!
Plokk!
Ein Hagelschauer, wie ich noch keinen erlebt habe.
Hagelkörner, groß wie Golfbälle prasseln auf uns runter.
Wir rennen, retten, flüchten uns ins Waschhaus.
Einer von den Golfbällen fällt mir auf den Fuß: „Aua!“
Unser Zelt steht halbwegs geschützt unter der riesigen Baumkrone der alten Linde, aber andere haben weniger Glück: Mehrere Vorzelte werden durchlöchert und einem Wohnmobil aus Deutschland zertrümmert es das Dachfenster im Badezimmer.
Das Unwetter dauert nur Minuten, dann ist alles vorüber.
Glück gehabt, denke ich, bis zu dem Moment, als ich ins Zelt komme.
Wir stehen in einem Tümpel und unter dem Zeltboden schwappt das Wasser.
Wir schwimmen auf, und sowie ich mich ins Zelt knie, drückt Wasser von unten durch.
Selbst die 10.000 mm Wassersäule unseres Exped Orion ist im Nu überschritten. Ein kniender Mensch bringt schon 16.000 mm Wassersäule auf den Boden:
Wir saufen ab!
In meinem gesamten Camperleben bin ich erst zweimal derart abgesoffen: Jugoslawien 1988 und Schottland 2011. Frankreich 2025 ist Nummer Drei.
Bei der Hitze in Südfrankreich sind die Eiskristalle im Nu geschmolzen und ich muss mich beeilen, überhaupt noch ein paar Bilder zu machen, bevor die Golfbälle bloß noch Pfützen sind.
Mit unserem großen Mikrofasertuch feudele ich soviel Wasser unterm Zelt hervor, wie ich nur kann, aber es läuft immer wieder nach. Mehr und mehr Wasser drückt von unten durch den Zeltboden und unsere Luftmatratze wird zum Floß.
Die Wirtsleute des Camps, Mann, Frau und ihre erwachsene Tochter sind inzwischen dabei, den Schaden zu begutachten. Sie gehen von Platz zu Platz und sprechen mit jedem Camper, ob ihm etwas zugestoßen ist.
„No problem at all“, sage ich, „except everything is wet.“ Das stimmt nicht ganz, denn unser Bett ist trocken geblieben. Der Daunenschlafsack lag auf dem Floß und von oben kam kein Wasser.
Die Tochter, mit der ich mich gestern noch über unsere Lesevorlieben unterhalten habe, als ich gesehen habe, dass sie auch einen E-Book Reader hat, besteht darauf, dass wir in eine feste Unterkunft umziehen. Kostenfrei!
Die Zelthütte hinter uns ist heute mittag frei geworden.
Die Gäste sind just abgereist und die Hütte wurde noch nicht gereinigt.
Wenn mir das nichts ausmache, könne ich sofort einziehen.
Ich mag das nicht annehmen, aber sie besteht darauf und weigert sich beharrlich, auch nur einen Euro anzunehmen. Ich weiß kaum, was ich sagen soll und bedanke mich den Tränen nah.
Ganz spurlos ist das kleine Unglück doch nicht an mir vorübergegangen.
„C'est normal“, erwidert das Mädchen lakonisch und geht zum nächsten Camper, dem mit dem eingeschlagenen Dachfenster.
Ich raffe all unsere Sachen zusammen und trage sie hinüber in das große Zelt. Das hat einen Holzfußboden. Keine Ahnung, welche Wassersäule der hat, aber den drücke ich sicher nicht durch, einerlei wieviele Wildschweine ich gegessen habe, die übrigens ausgezeichnet schmecken.
Das große Zelt ist kalt und ungemütlich, aber dafür trocken, was in dieser Situation nicht zu schlagen ist. Die Bettwäsche der Vormieter liegt noch da, und wir - nicht pingelig und mit ohne jedem Sinn für Hygiene - legen uns hinein und sind schneller eingeschlafen, als man meinen sollte.
Meine Güte, welch ein Tag