Inhaltsverzeichnis
Frankreich 2025
Tag 1-3 Kiel - Wingen-sur-Moder (F)
Tag 4 Wingen-sur-Moder - Bannes
Tag 5-6 Hautoreille - Le Paroy
Tag 7-8 Morvan - Auvergne
Tag 9 Gorges de la Dordogne
Tag 10 Gorges de la Dordogne II
Tag 11 In den Gärten von Limeuil
Tag 12 Lotmündung in die Garonne
Tag 13 Vallée du Lot
Tag 14 Am Lot bis Saint-Côme-d'Olt
Tag 15 Saint-Côme-d'Olt
Tag 16 Die Quelle des Lot
Tag 17/18 Gorges de la Truyère
Tag 19 Gorges de la Truyère II
Tag 20 Zurück in der Auvergne
Tag 21 Auvergne - Camp Le Paroy
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Durch die Auvergne

Ein ungewöhnlicher Morgen. Es ist so ruhig im Zelt. Niemand krabbelt, schwirrt, summt oder brummt. Nicht der kleinste Ohrenkneifer im Zelt, keine Mücke und keine Spinne. Wo sind die alle? Vermutlich ist es den Krabblern heute Morgen schlicht zu kalt.

Bildbeschreibung fehlt

Das Thermometer im Vorzelt zeigt früh erst 9 °C an und der Himmel sieht entschieden nach Regenkombi aus. Lieber ziehe ich das Regenzeug jetzt an, solange es noch trocken ist und ich mich hinsetzen kann, als mich später am Straßenrand in die Regenhose zu würgen, während die Tropfen mir auf den Rücken prasseln. Das hasse ich dann erst richtig.

Bildbeschreibung fehlt

Man mag von diesem Wetter halten was man will – es gibt eindeutig die dramatischeren Fotos. Wir sind zurück in der Auvergne, einer Lieblings­gegend von Pieps und mir in Frankreich. Die Auvergne ist dünn besiedelt und kein bisschen touristisch. Da ist nur dieser Berg mit der Zahnradbahn, der Puy de Dôme, aber dann kommt ganz lange nichts, nur authentische französische Dörfer und jede Menge schöner Gegend. Die Auvergne ist in Frankreich, was die Eifel in Deutschland ist, inklusive der Vulkane.

Bildbeschreibung fehlt

Das Motorradfahren macht mir heute wieder großen Spaß. Ab und zu gebe ich der Honda einen kurzen Gasstoß extra, nur um einen dieser coolen Zündpüpse zu hören, den sie dann in ihr guffel, guffel einstreut. Der Sound der GB350 ist durch und durch cool. Single Cylinder at it's Best.

Le Claux: Ein Gebirgsdorf mit bloß 160 Einwohnern, aber sie haben ein Café. Es ist zugleich Stützpunkt der Gleitschirmflieger, die vom Puy Mary starten, einem Gipfel der Monts du Cantal.

Ich parke die Honda gegenüber, gerade so, dass man sehen kann, welch eine coole Maschine diese Else fährt, aber weit genug entfernt, dass man die 350 auf dem Seitendeckel nicht lesen kann.

Ein Motorrad mit Reisegepäck steht vor einem Café

Heute will ich cool rüberkommen, wenn ich in den Laden stiefele, da kann ich den Nimbus von Frauenmotorrad, Einsteigermaschine, Anfängerbike nicht gebrauchen. Allein der quietschgelbe Plastikanzug stört das Bild.

Ich stoße die Tür zum Café auf – oder ist es eine Bar? – und stiefele zum Tresen. Drei Männer sitzen an einem Tisch und unterhalten sich, hinterm Tresen steht der Wirt. Er ist einen halben Kopf größer als ich, trägt einen Rübezahlbart und ein kariertes Holzfällerhemd. Ein Berghipster.

„Bonjour Monsieur. Un grand café au lait, s'il vous plaît“, eröffne ich das Gespräch. Wie immer nehme ich den großen Milchkaffee, nicht weil ich den am liebsten mag, sondern weil da am meisten drin ist. Es irritiert mich immer noch, dass man in Frankreich und Italien einen Café bestellt und bloß einen Eierbecher voll Batteriesäure bekommt.

Svenja steht in Regenkombi am Tresen eines Cafés

Ich bringe den Wirt dazu, ein Erinnerungsfoto zu machen. Natürlich ist es verwackelt, denn gerade als ich hingehen will, um zu zeigen, wie man den Auslöser drückt, findet er ihn selbst und es macht bereits klick. Ich trinke den Kaffee aus, sage lässig: „Au revoir“ und breche wieder auf.

Kleines Chateaux an einer kurvigen Landstraße

Blick auf ein Dorf in der Auvergne

In Égliseneuve-d’Entraigues trifft mich der Gedanke wie der Blitz: Heute ist der Tag vor Pfingsten, langes Wochenende und wir haben keine Vorräte an Bord. Wir müssen dringend einkaufen.

Eine aufgegebene Drogerie mit verhängten Fenstern

Die Öffnungszeiten französischer Supermärkte sind mir nach wie vor ein Rätsel. Die meisten sind an Sonn- und Feiertagen geöffnet, aber das hängt auch vom jeweiligen Arrondissement ab. In einigen Verwaltungsbezirken sind sonntags sämtliche Läden dicht.

Wenn man dann vorm Wochenende bloß noch eine halbe Flasche Wasser, vier Kaugummis und einen angebissenen Schokoriegel im Tankrucksack hat, ist man gekniffen.

Da kommt mir der VIVAL Supermarkt in Égliseneuve gerade recht, auch wenn er von außen reichlich abgewohnt wirkt, und nicht gerade wie ein Konsumtempel der feinen Küche. Besonders nicht von Entrecôte.

VIVAL ist ein typischer Nahversorger auf dem Land, ein Supermarkt für die Übriggebliebenen, für die Alten, die kein Auto haben, und für Svenja auf Reisen, die vergessen hat, rechtzeitig einzukaufen.

Der kleine Supermarkt ist überraschend gut sortiert und die Inhaberin, eine junge Frau, nicht halb so alt wie ich, lächelt mich zur Begrüßung freundlich an. Ich lächele zurück und schnappe mir einen Einkaufskorb. Mal sehen, was es hier für uns gibt.

VIVAL Supermarkt im Erdgeschoss eines heruntergekommenen Hauses

Nacheinander landen eine Packung dicker, grober Bratwürste im Korb, ein kalter Schweinebraten, ein Ziegenkäse und eine nicht näher genannte Zahl Dosen Leffe Blonde. Stolz auf meine Umsicht, rechtzeitig an die Feiertage gedacht zu haben, trage ich unsere Beute zur Kasse. Die Kassiererin schenkt mir sogar eine Plastiktüte zum Einkauf.

Blick auf den Tuilière, einen Berggipfel in der Auvergne

Auf der Fahrt durch den Parc des Volcans d'Auvergne begegnen uns immer wieder Absperrgitter und Schilder, die neben der Fahrbahn im Gras stehen. Pfingsten ist die Zeit der Radrennen, und damit der Route barrée, der gefürchteten gelben Sperrschilder, die einem dank meines unflexiblen Stick-to-the-Plan Codex den ganzen Tag ruinieren können.

Morgen werden viele Straßen rund um Mont Dore und den Puy Mary für Stunden voll gesperrt sein. Was habe ich schon geflucht, während dürre Menschen in buntem Spandex an mir vorbeigestrampelt sind, während es für alle anderen kein Durchkommen gab.

Diesmal aber habe ich vorgesorgt und den Reiseplan schon vor Monaten auf das Rennwochenende abgestimmt: Einen Tag vor Pfingsten sind Pieps und ich bereits durch. Dann können sie hier meinetwegen so viele Route barrée und deviation Schilder aufstellen, wie sie lustig sind.

Nehmt das, Freigeister und Planungsverweigerer!

Was ich aber nicht eingeplant habe, ist das ungewöhnlich nasskalte Wetter in diesem Juni, und so kann ich nur hoffen, auch ohne Buchung noch eine Hütte abzukriegen, auch wenn das beinahe naiv ist: Am Tag vor Pfingsten bei Regenwetter.

Vielleicht kommt es uns zupass, dass ich die Honda schon um 14 Uhr vor der Rezeption im Camp Les Volcans abstelle. Das Camp liegt in 1.050 m Höhe, ein probates Mittel, um der Hitze der Auvergne zu entkommen.

Ein Motorrad steht vor der Rezeption eines Campingplatzes

Am Empfang erwartet mich ein junger Mann, der Manager. Er hat etwas vom Gründer eines Start-ups und er spricht Englisch, so dass meine Sprachkärtchen in der Jacke bleiben können.

Auf meine Frage: „Is there a cabin left for the night“, klickt er sich in den Buchungscomputer und wirkt selbst erstaunt, dass noch etwas frei ist: Die Trapperhütte, die kleinste von allen, eine Unterkunft für Wanderer und Radfahrer. Ich bin froh, ein festes Dach zu haben, denn die Wiesen sind durchweicht und von oben regnet es pausenlos nach.

Ein Motorrad steht vor einem Glamping Zelt

Die Hütte ist ein Zelt mit Holzvertäfelung, oder eine Hütte mit Zeltdach. Auf jeden Fall ist sie winzig, aber urgemütlich. Das Foto zeigt den gesamten Innenraum. Mehr ist nicht. Dafür gibt es eine überdachte Terrasse mit Tisch und zwei Stühlen.

Blick in einen beengten Schlafraum in einer Hütte

Unsere Frankreichreise neigt sich allmählich dem Ende zu, und insgeheim frage ich mich, ob meine Reisen nicht überhaupt zu lang sind. Nach einer gewissen Anzahl von Wochen und Reisetagen ergibt sich nichts Neues mehr und im Grunde ist auch nichts mehr zu erzählen.

Oder ist das lediglich ein Problem des Reiseberichts, der langweilig wird, weil er gefangen ist in seiner Chronologie aus Aufstehen, Zelt abbauen, Motorradfahren, Besichtigen, Zelt aufbauen und Entrecôte braten?

Liegt die Kunst eventuell im Weglassen? Im Auslassen der immer gleichen Routinen? Oder ist es die Reisedauer selbst, die die Erzählung langweilig macht? Der Gedanke, kürzere Reisen zu machen, dafür einige mehr pro Jahr, könnte frischen Wind hereinbringen.

Ergänzungen, Meinungen, Kommentare?



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