Reise nach Italien
Tag 1+2: Kiel - Verona - Gajole
Tag 3: Am Lago di Corlo
Tag 4: Arsiè - Camp Valle Verde
Tag 5: Bozen - Meran
Tag 6: Meran - Stelvio - Gaviapass
Tag 7: Edolo - Zambla Alta
Tag 8: Zambla - Lago di Lugano
Tag 9: Lago Maggiore
Tag 10: Markt in Cannobio
Tag 11: L. Maggiore, Lugano, Como
Tag 12: Morbegno - Lago d'Iseo
Tag 13: Lago d'Iseo - Gardasee
Tag 14: Gardasee - Sega Di Ala
Platzhalter Motorradreise Italien
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An den drei Seen

Das darf nicht wahr sein! Ich träume selig sabbernd in mein Kissen, als eine wehklagende, aber deshalb nicht weniger lautstarke Stimme mich weckt: "Ich muss maah! Ganz dring!" "Groß oder klein?" "Klein." Wenigstens das. Es ist eine Stunde vor Sonnenaufgang, als wir durch die kühle Nachtluft zum Klohaus wandern. Lohnt es sich, danach noch einmal ins Bett zu gehen? Nein, ich werde jetzt abbauen und dann starten, sowie die automatische Schranke das zulässt.

Herbstreise nach Italien 2017

In packe unsere Sachen zusammen und baue, so leise es eben geht, das Zelt ab. Nur das Ausklopfen der Heringe von der schweren roten Erde macht ein bisschen Krach, aber das ist die Rache des Kanalarbeiters für gestern Nacht, als im Wohnwagen nebenan Helene Fischer mal wieder "Atemlos durch die Nacht" getanzt ist.

Um Punkt sieben Uhr ist die Nachtruhe offiziell beendet und die Schranke an der Ausfahrt geht nach oben. Ich lege den Gang ein und lasse die Kupplung kommen. Heute morgen will ich mit der einzigen Autofähre des Lago Maggiore übersetzen nach Laveno, wo ich auf dem Markt vorgestern die Wildschweinsalami gekauft habe.

Herbstreise nach Italien 2017

Im dichten Berufsverkehr geht es nach Verbania. Die Fähre legt gerade an, als ich vor dem Ticketschalter halte. An Bord sind überwiegend Schulkinder, eine Handvoll Autos und zwei Lieferwagen. Während das Schiff entladen wird, bleibt genügend Zeit, ein Ticket zu lösen.

Der Kondukteur lacht, als er sieht, wer da gerade drei Tickets bestellt hat und macht das Spiel gut gelaunt mit. Kinder haben tatsächlich Narrenfreiheit in Italien.

Herbstreise nach Italien 2017

Zehn Minuten nachdem wir unsere Tickets in der Tasche haben, legt der Dampfer fröhlich tutend ab und wir fahren raus auf den See. Es ist windig und ein bisschen kühl, aber das stört mich nicht, weil ich in absoluter Hochstimmung bin.

Herbstreise nach Italien 2017

Die Fahrt über den See dauert nicht lange. Nach zwanzig Minuten rolle ich in Laveno schon wieder von Bord. Mein erster Halt heute Morgen ist Luino, eine Stadt von fünfzehntausend Einwohnern am Ufer des Lago Maggiore.

Im Grunde ist es noch zu früh zum Einkaufen, aber als ich den riesigen Carrefour Hyper 24/7 sehe, kann ich nicht widerstehen und biege auf den nicht minder riesigen Parkplatz ein. Der Laden hat tatsächlich sieben Tagen die Woche vierundzwanzig Stunden geöffnet. Ich kann es kaum fassen. Wer geht denn, sagen wir, am Montag Morgen um Null Drei Uhr einkaufen?

Mehr als an den Öffnungszeiten bin ich an dem fast unüberschaubar reichhaltigen Angebot interessiert. Die Rumpsteaks sehen verführerisch aus, tiefdunkelrotes Rindfleisch mit einem ansehnlichen Fettrand, aber auch das Cordon Bleu ist lecker angerichtet. Oder nehme ich Lammkoteletts? Die sind sogar im Angebot. Wie immer, wenn ich mich nicht entscheiden kann, mache ich mir einen bunten Teller: zwei Rumpsteaks, vier Lammkoteletts und ein Cordon Bleu auf die Hand für Pieps. Das wird ein Festessen heute Abend.

Herbstreise nach Italien 2017

Wir sind kaum richtig in Fahrt, als ich an der Piazza Garibaldi die Bar Centrale entdecke. Der Laden sieht total lässig aus. Fast wie eine Filmkulisse. Ich stelle Greeny ab und gehe in die halbdunkle Bar: "Un americano con latte e un ...", hier verlassen mich die Worte und ich zeige mit dem Finger auf ein Stück Gebäck, ein fetter Donut mit Schokocreme. Ich kann das Zeug kaum ansehen, aber Pieps ist verrückt danach.

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Wir setzen uns draußen an einen Tisch zu einem älteren Herrn mit Klapphelm. Er fährt eine nagelneue Suzuki V-Strom und als er kurz darauf losfährt, wirkt es durchaus geschmeidig.

Als ich mich später verabschiede und mein allerbestes "Arrivederci!" in Richtung Tresen trompete, ernte ich ein bezauberndes "Ciao Cara." Ich bin hingerissen.

Herbstreise nach Italien 2017

Ganz erstaunlich ist mitunter die Streckenführung durch italienische Städte. Einige Gassen sind so schmal, dass man beinahe ein schlechtes Gewissen hat, durchzufahren. Das kann doch unmöglich richtig sein. Aber es scheint niemanden zu stören.

Herbstreise nach Italien 2017

Einmal überquere ich die Schweizer Grenze, bloß um kurze Zeit später wieder nach Italien einzureisen. Als Motorradfahrerin bin ich überhaupt nur einmal an der Grenze soweit kontrolliert worden, dass ich beinahe den Helm abnehmen sollte, aber dann doch nicht. Das war bei der Einreise nach England.

Herbstreise nach Italien 2017

Herbstreise nach Italien 2017

Wenn es eine Sache gibt, die Italien ausmacht, dann sind es seine Farben. Ocker, gelb, terracotta, alles Naturtöne und Erdfarben, die sorgsam aufeinander abgestimmt sind. Selbst die Häuser, die ziemlich im Eimer sind, verwittern stilvoll in der Sonne.

Herbstreise nach Italien 2017

Herbstreise nach Italien 2017

Herbstreise nach Italien 2017

Herbstreise nach Italien 2017

Der Campingplatz, den ich mir für heute aus einer Vielzahl anderer herausgepickt habe, heißt Campeggio Acquafraggia. Er liegt abgeschieden, hat eine erstklassige Bewertung und gleich daneben gibt es einen Wasserfall.

Herbstreise nach Italien 2017

Heute ist der 25. September und mit jedem weiteren Reisetag wird der Herbst intensiver. Das Laub der Bäume hat sich gelb verfärbt, überall liegen Blätter und der Boden ist bedeckt mit stacheligen Kastanien. Rasen gibt es am Ende der Campingsaison nur noch wenig, aber ich finde einen Platz mit einem Rest von von schütterem Grün. Doch bevor ich das Zelt aufbaue, sammele ich zuerst sorgfältig sämtliche Kastanien ab.

Herbstreise nach Italien 2017

An der Rezeption steht ein Kaffeeautomat. Ein Becher kostet nur 50 Cent. Ich ziehe einen Babycchino für Pieps und aktualisiere mein Reisetagebuch, bevor wir uns auf dem Weg zum nahgelegenen Wasserfall machen.

Herbstreise nach Italien 2017

Mit Wasserfällen ist es so eine Sache. Anfangs ist man total begeistert und stellt sein Zelt möglichst dicht daneben auf. Später, wenn man schlafen möchte, bereut man es, denn die Biester machen einen Höllenlärm. Ein handelsüblicher Wasserfall mittlerer Größe produziert ungefähr soviel Krach, wie der LKW-Verkehr am Kamener Kreuz. Ich brauche bloß an den mörderisch lauten Wasserfall in Geiranger zu denken.

Herbstreise nach Italien 2017

Die Acquafraggia Wasserfälle liegen gerade weit genug entfernt, dass ihr Rauschen nicht mehr stört. Ein Wanderweg führt am Bach Acquafraggia entlang zum Wasserfall. Ich mache ein paar Fotos, lasse mich von der Gischt besprühen und wandere zurück nach Hause. Meine Norwegenreise hat mir die Begeisterung für Wasserfälle verdorben. Nach den ersten tausend sieht man nicht mehr so genau hin. Vermutlich werde ich meine Faszination erst in Island wieder entdecken, denn dort gibt es wahre Monsterwasserfälle auf Steroiden.

Herbstreise nach Italien 2017

Auf der Wiese neben unserem Zelt steht ein verlassener alter Glockenturm. Hier wurde schon lange keine Messe mehr gelesen, aber als hübsches Fotomotiv vor dramatischer Bergkulisse taugt er durchaus noch. Sogar die alten Glocken hängen noch im Turm.

Herbstreise nach Italien 2017

Es ist noch früh am Abend, aber ich bin erschöpft. Es war ein anstrengener Tag. Der Straßen­verkehr in Italien macht mich sauer und auch mürbe. Italiener sind rücksichtslose Fahrer. So freundlich sie im persönlichen Umgang sind, so rücksichtslos und dumm sind sie am Steuer. Heute sah ich mitten auf einem Zebrastreifen eine junge Frau in ihrem Blut liegen. Ein Rollerfahrer hatte sie angefahren. Sie lag auf dem Rücken und blickte mit weit aufgerissenen Augen angstvoll nach oben, während erste Autofahrer ausstiegen, um zu helfen.

Der Roller lag neben ihr, der Fahrer stand mit aufgeklapptem Helm teilnahmslos daneben. Er hatte nur getan, was alle, ausnahmslos alle Zweiradfahrer in Italien tun: Wenn der Verkehr stockt, heizen sie unvermindert auf dem Mittelstreifen weiter. Bloß dass dieser Rückstau entstanden war, um die junge Frau über den Zebrastreifen gehen zu lassen. Ich war so wütend, weil es solch ein sinnloser Unfall war. Bereits der Dritte auf dieser kurzen Reise. Am liebsten wäre ich abgestiegen und hätte dem Rollator den Stiel rausgezogen, aber ich ahne, dass das bloß eine Menge Ärger produzieren würde. Kurz darauf schwebte überm See der Rettungshubschrauber ein.

Wieviel entspannter ist es, durch Norwegen, Schweden, oder Finnland zu fahren. Dort sieht man vielleicht hundert Kilometer lang keinen Menschen, aber das Einzige, worauf man achten muss, sind die wirklich dämlichen Rentiere, Zentilliarden angriffslustiger Mücken und der allseits beliebte Regen. Doch sonst...

Ich verarbeite die düsteren Gedanken, indem ich sie über drei Seiten engagiert in mein Tagebuch kritzele, es zuklappe und für heute beiseite lege. Das war das. Jetzt ist Zeit fürs Abendessen: "Pieps, geh dir schon mal die Hände waschen, es gibt gleich Essen."

Ich brate zuerste das Lammfleisch in Olivenöl und lege einen Rosmarinzweig dazu in die Pfanne. Schon der Duft ist köstlich und das Fleisch angenehm durchwachsen, was Laien durchaus als fett bezeichnen würden. Während wir uns das erste Lammkotelett "hintern Knorpel schieben, näh?!", lege ich die beiden Rumpsteaks in die Pfanne. Das Fleisch schmeckt so vorzüglich, dass ich beinahe wieder versöhnt bin mit Italien.

Herbstreise nach Italien 2017

Es wird schon sehr früh dunkel und auf dem Rückweg vom Zähneputzen ist das Zelt in der Dunkelheit kaum zu sehen. Es ist stockfinster auf dem Platz. Heute habe ich keine Lust zu lesen und knipse früh die Stirnlampe aus.

Irgendwann in der Nacht schreckt mich Mörderlärm aus dem Schlaf: Die Russen kommen! Nein, es ist der Glockenturm auf der Wiese nebenan. Die Glocken sind also doch nicht nur Zierrat. Minutenlang läuten sie Sturm, bis auch garantiert der Letzte auf dem Campingplatz wach geworden ist.



Ich nehme mein Handy und sehe auf die Uhr: Es ist 20:01 Uhr. Mitten in der Nacht! Jedenfalls dann, wenn man mit Kindern reist.

zum nächsten Tag...

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