Von Møn über Seeland nach Fünen
Morgennebel wabert durchs Camp, als ich im Gras vorm Zelt den ersten Kaffee koche. Es ist der letzte Tag im August. Wie ich es liebe, jetzt draußen zu sein. Die Schlehen sind bereits tief dunkelblau und warten auf den ersten Frost. Der Herbst naht.

Heute reisen wir weiter nach Fünen. Fyn, wie sie im Dänischen heißt, ist die drittgrößte Insel Dänemarks. Ihre größte Stadt ist Odense, der höchste Berg heißt Frøbjerg Bavnehøj. Mit seinen 131 Metern kein Großglockner, aber in einem Land, dessen höchster Berg Møllehøj mit 170,86 Metern angegeben ist, durchaus eine Macht.

Während ich die Rokstraps über die Ortlieb-Rolle spanne, spricht mich ein Fahrradfahrer an. Er ist auf großer Dänemarktour. Sein Zelt steht ein Stück weiter und trocknet in der Morgensonne:
„Wann muss man denn hier weg sein?“
„So gegen Mittag, glaub ich.“
„Ja, nee. Nicht, dass ich fünf Minuten zu spät bin und den ganzen Tag nachzahlen muss.“
„Da brauchst du dir keine Sorgen zu machen, so sind die hier nicht.“
Überzeugt sieht er nicht aus, gibt sich aber mit meiner Erklärung zufrieden. Dänemark ist anders. Selbst wenn es irgendwo 'draußen nur Kännchen' gäbe, könnte man jederzeit auch bloß eine Tasse bekommen.

Ich erinnere mich, wie ich letztes Jahr im Camp die Zeche geprellt habe, weil ich einfach losgefahren bin, ohne zu bezahlen. Hochnotpeinlich habe ich von der Fähre aus angerufen und mich entschuldigt. Meine Güte, haben die gelacht am Telefon: „It happens all the times.“
Erst Wochen später und auf Nachfrage haben sie mir schließlich eine Rechnung gemailt, die ich online bezahlt habe.

Die Morgensonne hat den Nebel aufgelöst. Ein strahlend schöner Tag liegt über Møn. Bevor wir die Insel verlassen, möchte ich mir Stege Camping ansehen, das Innenstadtcamp mitten in der Inselhauptstadt.
Wie alle Stadtcampingplätze, die ich bisher gesehen habe, ist er nicht gut bewertet und gleicht sämtliche Defizite lediglich durch seine Lage zur Innenstadt aus. So schlecht sieht er allerdings gar nicht aus. Es ist bloß alles etwas eng.
Während ich gegenüber des Citycamps stehe und überlege, ob ich dort jemals zelten wollte, biegt plötzlich seelenruhig, so als sei das nichts, ein Google Steet View Auto in die Staße ein.

Ich ziehe den Bauch ein und versuche lässig auszusehen. Nicht wie die Fans auf den Rängen im Fußballstadion, die, wenn sie merken, dass sie gefilmt werden, sich schlagartig gebärden wie Idioten, woraufhin die Regie entsetzt fluchtartig wegschaltet.

Nach unserer Heimkehr sehe ich mir diese Stelle täglich auf Google Maps an, nur um zu checken, ob Greeny und ich bereits dort auftauchen. Nach sechs Wochen ist es endlich soweit. Möge das Google Auto in Stege nie wieder neue Aufnahmen machen, damit ich meinen Enkeln zeigen kann, wie ihre Omi einmal von einem Opel fotografiert wurde und dabei total lässig geblieben ist.

Zufrieden mit uns und der Welt verlassen wir Møn über die Dronning Alexandrines Bro, wahlweise auch Mønbroen oder Ulvsundbroen genannt. Entweder konnte man sich nicht für einen einzelnen Namen entscheiden oder sie wollten angeben, weil Mønbrücke allein ihnen zu lumpig erschien. Typen wie diese nennen ihre Kinder auch Lysander Ginko.

Die Straße führt direkt durch Vordingborg. Bisher bin ich jedesmal achtlos durchgefahren, aber heute möchte ich mir die Burgruine ansehen, der die Stadt ihren Namen verdankt. Immerhin ist die Vordingborg die Ruine der größten mittelalterlichen Burg Dänemarks.

Tatsächlich aber ist von der Burg, die einmal als Festung gegen die Hanse ausgebaut worden war, nicht mehr viel übrig. Lediglich der Gänseturm steht noch, ein einzelner Turm mit einer goldenen Gans auf dem Dach. Kurzum: Jede Menge nichts zu sehen.
Seeland und Fünen, die größte und die drittgrößte Insel Dänemarks sind durch die Storebæltsbroen verbunden, die Großer-Belt-Brücke. Sie führt fast sieben Kilometer weit über die Ostsee.
Die Brücke kostet Maut und bereits einen Kilometer vorher wird auf der Autobahn die Mautstation angekündigt, auf dass jeder sich sortieren möge. Wir müssen in die blaue Spur, weil ich mit Kort zahlen will.

Wie immer, wenn ich mich unter Zeitdruck und Beobachtung wähne, bin ich furchtbar nervös: Hoffentlich mache ich alles richtig, fällt mir nichts runter, kriege ich die Handschuhe schnell genug wieder an, die Jacke zu, das Handy eingesteckt.

Claudia dagegen bleibt in solchen Situationen total cool. Hinter ihr könnten sie hupen und gestikulieren, sie würde trotzdem noch ganz ruhig nach dem Kühlwasser sehen, wenn sie das Gefühl hätte, dass es getan werden müsse – während ich mit offen flatternder Jacke und dem Handschuh zwischen den Zähnen zum Standstreifen der Autobahn heize, um mich dort zu sortieren.
Die Fahrt über die Brücke selbst ist unspektakulär. Es ist windig, das Meer weit weg und der Verkehr eher dünn.

Auf der anderen Seite der Brücke liegt Fünen. In Kerteminde geht es über den Fjord weiter Richtung Campingplatz. Der Ort erscheint malerisch, aber die Besichtigung lasse ich für morgen, wenn wir unsere Tagestour über die Insel machen.

Fyns Hoved Camping liegt an der Nordspitze Fünens, wo sich der Große Belt und das Kattegat treffen. Ich parke Greeny vor der Rezeption und melde uns an. Meinen Stellplatz darf ich frei wählen, denn das Camp ist fast leer. Die Frau am Tresen weist mir dennoch eine Platznummer zu, Nr. 146, aber die ist bloß wichtig für den Buchungscomputer. Hinstellen darf ich unser Zelt, wo ich möchte.

Pieps hat eigene Wünsche, wo sie unser Zelt sehen möchte, aber da darf man nicht zelten und zweitens ist der Imbiss ab morgen geschlossen. Der Grill ist nur im Sommer geöffnet. Damit war heute leider der letzte Tag für Risted Pølser, Softice und Ribbensandwich.

Man kann sich niemals – mit Ausnahme von Camp Hautoreille – darauf verlassen, dass die Gastronomie eines Campingplatzes tatsächlich offen ist. Wir wurden so oft enttäuscht, dass wir immer selbst etwas Gutes an Bord haben.

Heute Abend gibt es Schweinekoteletts! Das Fleisch brate ich auf dem Gasherd der Camperküche, wo ich nach Herzenslust mit Schweinefett herumspritzen kann, während ich sorglos eine Melodie summe.
Meine Güte, sehen die gut aus, braun, knusprig und mit einer schönen Schwarte. Leider haben wir nur zwei und deshalb müsst ihr jetzt leider nach Hause gehen.
„Gute Nacht, Welt. Bis morgen...“
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