Tagestour nach Kerteminde
Als die Sonne aufgeht sitze ich schon mit dem ersten Kaffee im offenen Zelt, während Pieps weiter selig sabbernd in ihrem Schlafsack liegt und schlummert. Heute machen wir eine Tagestour über Hinstholm, den Teil der Insel nördlich von Kerteminde.

Verwundert blicke ich auf die riesigen, leeren Campingwiesen mit über 300 Stellplätzen. Dabei hat mich die stille Angst nach Fyns Hoved Camping begleitet, keinen Platz mehr zu kriegen, weil ich auf gut Glück ohne zu reservieren angereist bin. In Wahrheit geschieht das nie, weil es für Bike und Zelt im Grunde immer einen Platz gibt.

Nach dem Frühstück düsen wir los. Unser Camp liegt ganz im Norden der schmalen Landzunge und zuerst geht es immer geradeaus nach Süden. Links und rechts wäre gar nicht genug Land, um irgendwohin abbiegen zu können, ohne ins Wasser zu fallen.
Auf der Landkarte habe ich eine Engstelle am Odense Fjord markiert. Am gegenüberliegenden Ufer ist auf der Karte ein Leuchtturm eingezeichnet. Da wollen wir hin. Vielleicht steht er nah genug, um ein hübsches Foto für meinen Reisebericht zu machen.

Die Naturpiste zum Wasser könnte man ohne Probleme auch mit einer Goldwing befahren, und Greeny hat vor der Reise sogar neue Hufeisen bekommen, Conti TKC 80, meinen absoluten Leib- und Magenreifen. Das grobe Blockprofil ist inzwischen alt wie die Menschheit, aber für mich ist dies noch immer der Inbegriff eines klassischen Enduroreifens, auch wenn der Nachfolger TKC 80² bereits announced ist.

Der TKC 80 funkioniert überall gut: Auf Straße, Schotter, im Gelände und sogar auf nassem Gras im Camp, dem Angstgänger vieler Biker, weil man nirgendwo sonst so rasch From-Hero-to-Zero werden kann, wie auf der feuchten Zeltwiese auf dem Campingplatz.

Die Piste endet am Meer und der Leuchtturm auf dem gegenüberliegenden Ufer ist gut zu erkennen. Der Odense Fjord hier nur 500 m breit und Enebærodde Fyr leuchtet strahlend weiß in der Morgensonne. Ich mache ein Foto, starte den Motor und fahre zurück zur Straße.

Es ist der erste September, und wenn es einen guten Boten für den nahenden Herbst gibt, dann sind es die vielen Spinnweben, die in der Sonne glitzern.

Kerteminde liegt auf beiden Seiten des Kerteminde Fjords und ist durch eine einzige Brücke verbunden. Die Straße in den Ort wird von bunten Strandhäusern gesäumt, dem Inbegriff dänischer Sommerfrische.

Wenn ein Hauptort wie Kerteminde nur 6.000 Bewohner hat, sagt das auch etwas über die Gegend aus, zum Beispiel, dass da sonst nicht viel los ist und man hier seine Ruhe haben kann. Mittlerweile hat dieser Trend nach Ruhe und Entschleunigung sogar einen Namen: Calmcation.
Die Abwesenheit von Stress und Trubel. Ich mag es, wenn irgendwo wenig los ist und man den Tourismus fast mit der Lupe suchen muss. Im Sommer ist sicher mehr los, aber zu Herbstbeginn ist es wunderbar leer.

Laut Wikipedia wurde Kerteminde bereits im elften Jahrhundert besiedelt. Ich muss das im Kopf erst umrechnen: 11. Jhd. bedeutet irgendwann nach dem Jahr 1000 zum Ende der Wikingerzeit.
Am Kerteminde-Fjord wurde das Ladbyschiff ausgegraben, in dem um das Jahr 925 ein Wikinger bestattet wurde. Wen immer sie dort beigesetzt haben, für seine letzte Reise wurden ihm elf Pferde und vier Jagdhunde mit ins Boot gelegt.
Ich fahre weiter zum Hafen. Kerteminde hat den größten Fischereihafen Fünens, komplett mit Auktionshalle und Fischfabrik. Den möchte ich mir ansehen. Mit Greeny rolle ich bis auf die Kaimauer und komme vor einem alten Fischkutter zum Stehen. Interessant sieht es aus, aber vom größten Fischereihafen ist sonst nur wenig zu erkennen.

Auf dem Rückweg ins Camp mache ich Halt beim örtlichen SuperBrugsen. In der Abteilung Fleisch, Fisch und Geflügel sehe ich mich nach Beute um. Wie in vielen Supermärkten Dänemarks gibt es auch bei SuperBrugsen in Kerteminde eine heiße Theke mit warmen Gerichten. Ein Hauptgericht ist Leberpastete, eine Art grober Leberwurst mit rustikaler Kruste, die in Aluminiumschalen verschiedener Größe angeboten wird. Ich frage mich schon ewig, was es damit auf sich hat. Mampft man die einfach so in sich hinein? Mit dem Löffel?
„Excuse me, please“, spreche ich einen älteren Herrn in meinem Alter an, der dezent gekleidet ist und nicht mit Schirmmütze und Camp David Hoody auf jugendliche Unterschicht macht: „Can you please explain to me what this hot Leverpostej is for? Why is it hot?“
Er sieht mich prüfend an und scheint erst zu überlegen, ob ich ihn wohl veräppeln will, bevor er in wohlgesetzten Worten eine Erklärung abgibt:
„In Denmark we believe, that Leverpostej is more tasty, when it is freshly baked and is still warm. You eat it with bread. Try it, it is delicious“, sagt er und sieht mich dabei ernst an.
Ich bin erstaunt über seine druckreife Antwort, so als müsse er das jede Woche einem anderen dummen Touristen erklären. Mit einer solch simplen Erklärung hatte ich nicht gerechnet: Dänen essen gerne warme Leberwurst mit Brot. Jetzt weiß ich das.

Auf dem Rückweg ins Camp folge ich einem Stück der Margeritenroute, die an einem malerischen Gutshof vorbeiführt.


Bei unserer Rückkehr am Nachmittag ist das Camp sogar verlassener als zuvor. Der große Wohnwagen am Ende der Wiese ist nun auch noch verschwunden und auch die ersten Dauercamper bereiten sich auf das Ende der Saison vor und bauen ihre Vorzelte ab.

Morgen brechen auch wir unser Lager auf Fünen ab und fahren weiter nach Langeland, dem eigentlichen Ziel unserer Reise.
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