Nach Langeland
Mit dem ersten Kaffee des Morgens sitze ich im offenen Zelt und blicke auf die sonnenverbrannte Wiese. Kleine Spinnentiere krabbeln durchs Gras und ein paar davon haben es bis ins Zelt geschafft. Putzige kleine Biester, denke ich, bis ich genauer hinsehe: Das sind Zecken!

In Rekordzeit packe ich unsere Sachen zusammen, breche das Lager ab und mache Greeny startklar. Nur schnell weg hier!

In Kerteminde halte ich gleich an der ersten Tankstelle. Greeny, Pieps und ich brauchen Frühstück: Super für die Kawasaki, Bratwurst für die Maus und Kaffee für mich, jede nach ihrer Fasson.

Viele Tankstellen im Norden haben einen kleinen Grill am Tresen, und eine Spezialität vom Grillrost sind Pølse i svøb, Bratwürste im Speckmantel. Die Pølser drehen sich langsam überm Feuer, bis der Speck außenrum knusprig braun ist. Speckmäntel stehen bei Pieps hoch im Kurs.

Satt, zufrieden und vollgetankt starten wir in den Tag. In Birkende fahren wir an einer der hübschen weißen Kirchen vorbei, die für Dänemark so typisch sind. Ich halte an, um ein paar Fotos zu machen, als ich Musik und Gesang höre. Ich bleibe eine Weile unterm Fenster stehen und lausche, bevor wir weiterfahren.

Ein guter Teil unserer Strecke führt über die Margeritenroute, die auf schmalen Wegen durch die malerische Landschaft verläuft, vorbei an einem Gutshof.

Der Seerosenteich könnte das Titelbild auf dem Karton eines 1000 Teile Puzzles sein – wobei die Bäume mich wahnsinnig machen würden. Zuerst würde ich die Puzzleteile fürs Geländer und das Ruderboot zusammensuchen. Die sind einfach.

Als ich an einer Baustelle vorbeifahre, entdecke ich auf einem Lieferwagen ein famoses Beispiel für selbsterklärende Berufsbezeichnungen. Die Beschriftung auf dem Sprinter gibt keine Rätsel auf. Was ein Kloakmester ist, kann ich mir vorstellen auch ohne dänisch zu sprechen. Autoriseret!

Bevor wir die Insel Fünen verlassen und hinüber nach Langeland fahren, habe ich für Pieps und mich ein Highlight des Tages eingebaut: Wir wollen Schloss Egeskov besichtigen, das nicht nur ein Schloss und eine riesige Freizeitanlage ist, sondern die haben auch ein Motorradmuseum.
Bereits die Größe des Besucherparkplatzes lässt erahnen, welch riesige Freizeitmaschine uns hinter dem Kassenhäuschen erwartet, aber heute schreckt mich das nicht.

Ich löse ein Billet und wir strömen mit den Insassen mehrerer Reisebusse auf das Gelände. Die großen Rasenflächen sind manikürt wie ein 18-Loch Golfplatz, die Beregnungsanlage läuft und Gärtner in grünen Elektrokarren surren emsig über die Kieswege.

Ich biege um eine Oleanderhecke und sehe zum ersten Mal das Schloss. Es sieht sagenhaft aus. Meine Güte! Slot Egeskov ist eine Wasserburg aus Ziegelsteinen, die mitten in einem See steht. Für das Fundament soll um das Jahr 1550 ein ganzer Eichenwald draufgegangen sein, wodurch sich der Name Egeskov, Eichenwald erlärt.

Pieps ist hingerissen und überschlägt sich schier vor Begeisterung. Diese Burg müssen wir auch von innen ansehen. Ich löse ein Zusatzticket für den Eintritt ins Schloss und wandere mit Pieps durch die Säle.

Es gibt keinen Führer, keinen Guide und keine Wachen. Völlig unbeaufsichtigt wandern wir durchs Haus. Wer je mit einem abenteuerlustigen Kleinkind in einem Porzellanladen war, weiß, welche Ängste ich ausstehe, denn alles ist mit altem Zeug vollgestellt.

Sämtliche Räume sind komplett eingerichtet und eine Zentillion wertvoller und zerbrechlicher Dinge warten bloß darauf, umgestoßen und beschädigt zu werden. Jeden Moment rechne ich mit einer Katastrophe, doch am Ende ... kann man Pieps nichts nachweisen. Wie so oft...

Schloss Egeskov bietet verschiedene andere Ausstellungen, aber auf eine freue ich mich besonders: Die große Motorradausstellung mit Exponaten aus den 1920er bis in die 80er Jahre. Mehr als 50 Motorräder von über 30 Herstellern werden gezeigt.

Sie hängen einzeln von Deckenbalken der Scheune, so dass man sie gut betrachten kann. Die uralten Maschinen interessieren mich weniger, ich möchte Maschinen aus der Zeit meiner Jugend, aus den 70er und 80er Jahren bewundern, an die ich mich so gut erinnern kann.
Bei einigen - für mich gar nicht so alten - Japanern laufen mir Tränen der Ergriffenheit die Wangen runter. Mit nassen Augen stehe ich vor den Helden und Legenden meiner Kindheit.

Viel Mechanik, tolle Technik, hohe Ingenieurskunst. Die Schönsten und Schnellsten, wahre Granaten ihrer Zeit. Heute würde die MOTORRAD, ein Magazin, dem ich in Hassliebe zugetan bin, über Maschinen dieser Klasse wohl nur schreiben, dass mehr Druck, mehr PS und NM, Leistung, Power und überhaupt Alles dringend nötig seien.

Eine ganze Weile schlendere ich zwischen den hängenden Motorrädern herum, bevor ich wieder ans Tageslicht muss. Das war mir beinahe zu intensiv, weil die Erinnerungen so tief reingehen.
Draußen erfahre ich, dass auf Slot Egeskov zu Beginn jeder Saison ein riesiges Motorradtreffen stattfindet. Jeder, der mit dem Motorrad anreist, hat freien Eintritt aufs Schlossgelände. Das Treffen mit tausenden von Motorrädern muss der Hammer sein.
Schloss Egeskov gehört sicherlich zu den schönsten Sehenswürdigkeiten, die ich mit dem Motorrad bereist habe, neben Mont Saint Michel in der Bretagne, dem Berg der Kreuze in Litauen und Carrières de Lumières in der Provence. Es gab andere, aber diese Drei kommen mir stets zuerst in den Sinn.

Auf Nebenstraßen lenke ich die KLX weiter in Richtung Langeland. Greeny rennt wie die Feuerwehr, alles bis 100 km/h ist ihr Revier. Ich liebe dieses Motorrad und wünsche mir so sehr, dass Kawasaki die KLX300 nach Europa bringen würde. Das wäre meine! Die KLE500 dagegen ...
Bei der Planung der Reise baue ich immer wieder Sehenswürdigkeiten ein, von denen ich Monate später, wenn sie vor dem Lenker stehen, bereits wieder vergessen habe, dass es sie gibt.

So fahre ich ganz unvermittelt durch das Torhaus eines großen Gutshofes. Wenn ich meine eigenen Reiseunterlagen gelesen hätte, wüsste ich, dass es zu Valdemars Slot gehört, dass ich heute auch noch besichtigen wollte. So aber wundere ich mich bloß über die umständliche Route, die Kurviger aufs Display des Garmin malt und fahre kopfschüttelnd weiter.
Über die Langelandsbroen geht es hinüber auf die Insel. Zuhause in Kiel ist Langeland ein großer Name, weil es bis 2003 eine Fährverbindung von Kiel nach Langeland gab. Die Fähre war nicht nur für zollfreien Einkauf beliebt, sondern ein bewährter Ausflugsdampfer für Weihnachtsfeiern mit Buffet und Tanz. Mit dem Ende der Butterfahrten ist die Linie eingestellt worden.

Vier Campingplätze gibt es auf Langeland, unser ist Færgegårdens Camping in Spodsbjerg, Camp Fährgarten, weil er in Rufweite der Fähre nach Lolland liegt. Spodsbjerg ist eine charmante Hafenstadt mit weniger als 200 Einwohnern. Charmant schreibt man immer dann, wenn etwas nix Besonderes ist, zugleich aber auch nicht so hässlich, dass man abraten müsste. Das gilt wohl für Kontakt- und Immobilienanzeigen ebenso wie für Reiseberichte.

Der Campingplatz bietet eine extra Bereich für Zeltcamper, komplett mit Schatten und Picknickbank. Als das Zelt steht und wohnlich eingerichtet ist, gehe ich mit Pieps auf unsere traditionelle Platzrunde.

Zum Abendessen gibt es panierte Schollenfilets mit Remoulade. Ich backe sie in Butterschmalz ein zweites Mal knusprig aus, bis sie richtig heiß und lecker sind.
Morgen fahren wir eine Inselrunde an die Südspitze von Langeland. Ich möchte Bagenkop besuchen, den ehemaligen Hafen der Langelandfähre von Kiel. Wie mag es da wohl heute aussehen? Morgen sehen wir uns das an.
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