Frankreich 2019
Tag 1 Kiel - Hamburg-Altona
Tag 2 Lörrach - Camp Hautoreille
Tag 3 Langres - Parc du Morvan
Tag 4 Morvan - Auvergne
Tag 5 Parc Volcans d'Auvergne
Tag 6 Auvergne - Perigord
Tag 7 Jokertag in Beynac
Tag 8 Sarlat-la-Canéda
Tag 9 Souillac, Okzitanien
Tag 10 Le Rouget - Villefort
Tag 11 Thines
Tag 12 Villefort - Orgon, Provence
Tag 13 Carrières de Lumières
Tag 14 Gorges Verdon und Daluis
Tag 15 Nizza - Menton - St. Martin
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Das Tagesgericht

"Piep, piep-piep", SMS von Claudia. In der Dordogne ist heute mit Starkregen zu rechnen. Die Vorhersage zeigt drei Tropfen an der Wolke, die absolute Höchststrafe, die Wetteronline für unartige Biker zu vergeben hat.

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Ich glaube nicht an diesen Blödsinn. Wettervorhersagen sind was für Landwirte, Seefahrer und Hochzeitsplaner. Wie oft hat mir eine Vorhersage schon die Laune verdorben, ohne dass anschließend nennenswerter Regen gefallen wäre? Für Biker ist das reine Angstmacherei. Ich werde schon merken, wenn es regnet. Eine WetterApp bestimmt nicht über meine Route! Ich fahre dort, wo ich fahren will, auch wenn es einmal nass wird. Soweit die Theorie.

Ich starte früh vom Camp Serrette in der Auvergne. Ich will Kilometer machen und erst bei Regen eine Pause einlegen. Doch das Wetter hält sich. Nach hundertzehn Kilometern auf der Landstraße kann ich nicht länger auf das versprochene Wetter warten. Pieps und ich haben Hunger.

In Égletons halte ich vor der Bar Le Sulky, aber just als ich einkehren will, entdecke ich ein paar Häuser weiter ein Schild Boucherie. Eine Metzgerei. Auch für Entrecôte gilt: Zugriff bei günstiger Gelegenheit!

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Die Metzgerei ist außerdem ein prima Testgelände für Svenjas kleinen Sprachkurs 'Französisch II für Motorradreisende mit Bratpfanne'. Mal sehen, ob er funktioniert. Kein Sprachführer hat bisher funktioniert, die sind zu komplex. Das kann ich mir nicht alles merken und letztlich kommt es doch bloß auf die paar Sätze an, die ich im Urlaub sprechen will.

Ich stoße die Tür auf und werde vom Metzger hinterm Tresen freundlich begrüßt. Nach dem üblichen Vorgeplänkel mit "Bonjour Madame", "Bonjour Monsieur" und meinem entschuldigenden Eröffnungssatz: "Je ne parle pas français", ich spreche kein Französisch, zücke ich das Sprachkärtchen mit dem Symbol für Essen und Restaurant und werfe unverzagt meinen ersten Satz in den Raum: "Une grosse Entrecôte, sil vous plaît."

Beschreibung Ich spreche es "Sill vuh plääh", und komme mir dabei schon sehr französisch vor. Der Metzger lächelt und greift einen Strang Entrecôte aus dem Tresen.

Ich lege gleich noch einen drauf: "Avec beaucoup graisse, sil vous plaît", mit viel Fett, bitte. Sein Lächeln wird noch etwas breiter und er säbelt vom fetten Ende eine beachtliche Scheibe Steak herunter. Es funktioniert!

Mein Sprachkurs hat seine erste Feuerprobe bestanden. Die übrigen Sätze werde ich bei Gelegenheit auch noch testen. Mit der leicht überheblichen Attitüde des sprachgewandten Weltbürgers bezahle ich das Steak und stiefele zurück ins Le Sulky.

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Wer so fließend Französisch spricht, für den ist das Bestellen des Kaffees und zweier Schokobrötchen - mehr sind da leider nicht - geradezu ein Klacks: "Un grand café et deux petits pains au chocolat."

Wenn ich es jetzt noch hinkriege, dass meine Aussprache nicht mehr nach der Computerstimme von Google Translate klingt, dann ist es perfekt. Zufrieden mache ich mich wieder auf den Weg.

Hinter Égletons gerate ich in dichten Nebel und mache den Rest der Fahrt kein einziges Foto. Zum ersten Mal habe ich die wetterfeste Kamera zu Hause gelassen und nur Die Gute mitgenommen. Ein Fehler, wie sich herausstellt, denn was nützen tolle Objektive und ein großer Chip, wenn ich dafür auf die schönen Lenkerauf­nahmen aus der Svendura-Perspektive und auf Schlechtwetterfotos verzichten muss?

Dunkle Wolken, Nebel und Wind, aber kein einziger Tropfen Regen. Der Himmel sieht bedrohlich aus und man muss kein Smartphone haben, um zu ahnen, dass da noch etwas kommt.

Gegen Mittag wird Pieps quengelig. Die Maus hat Hunger, und wenn ich ehrlich bin, könnte ich selbst ein Mittagessen gebrauchen. "Wir machen gleich Pause, Mäuschen. Beim nächsten Restaurant halte ich an."

Der nächste Ort heißt Beynat. Ich parke das Motorrad gegenüber vom Chez Helene und stiefele quer über die Dorfstraße zum Eingang.

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Es ist jedes Mal ein etwas unangenehmer Moment, wenn ich auf dem Dorf in eine Bar, ein Café, oder ein Restaurant komme. Hier kennt jeder jeden und ich gehöre eindeutig nicht dazu. Man mustert mich mit neugierigen Blicken und wieder sind es die üblichen Verdächtigen, denen man zur Mittagszeit in jeder französischen Bar begegnet:

Da ist der ehemalige Landwirt, der den Hof schon vor Jahren aufge­ge­ben hat, aber noch immer Gummistiefel trägt. Dann der im Pulverdampf ergraute Algerienkrieger in Tarnfleckkleidung, der das große Wort führt. Daneben ein pensionierter Lehrer, der dem alten Soldaten mit kritischem Blick zuhört, aber meist zu klug ist, um etwas zu sagen, und stets irgend ein Pierre, Marcel, oder Louis, der die Klempnerei im Ort hat, stumm an seinem Pastis nippt und zustimmend dreinschaut.

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Nach einem Augenblick des Fremdelns fühle ich mich rasch wieder wohl. Die Blicke sind freundlich. Sie würden gerne mit mir sprechen, aber soweit reicht mein Sprachkurs bisher noch nicht.

Die Dame hinterm Tresen, vermutlich ist es Helene, fragt was ich möchte, jedenfalls erkenne ich das am Tonfall, weil sie am Ende des Satzes die Stimme hebt, mich fragend ansieht und das in dieser Situation die einzig sinnvolle Frage wäre.

"Je voudrais manger", ich würde gerne essen. Helene blickt mich wohl­wollend an und schüttet einen Schwall französischer Worte über mir aus. Ich muss unbedingt mehr Kartei­karten kaufen. Zumindest aber höre ich plat du jour heraus, Tagesgericht. Das nehme ich.

Rasch wird ein weiterer Tisch eingedeckt und ich dorthin komplimentiert. Ich habe nicht die gerinste Ahnung, was ich bestellt habe, aber solange es keine blutigen Pilze sind, bin ich dabei.

Was sich in der nächsten Stunde vor mir entfaltet, ist kaum zu fassen. Mit jedem zusätzlichen Gang, jedem weiteren Teller und jedem extra Besteck frage ich mich, ob es nicht klug gewesen wäre, vorher nach dem Preis zu fragen, aber nun ist der Zug in Fahrt und es ist zu spät, um noch auszusteigen.

Eine junge Kellnerin, Justine, sehr jung, sehr schlank, sehr französisch, stellt mit bezauberndem Lächeln eine Suppenterrine auf den Tisch. Darin schwimmt etwas, das aussieht wie Zwieback in fetter Brühe. Ich helfe mir großzügig ein und probiere. Das ist eine Hühnersuppe mit eingekochtem Weißbrot. Nicht unbedingt ein Markerschütterer, aber es schmeckt.

Noch bevor Pieps und ich uns zum Boden der Terrine vorgeschöpft haben, stellt Justine den nächsten Gang vor uns hin: Ein Teller mit Wurst, etwas Gänseleberpastete und zwei derben Scheiben Bauernbrot. Wir lassen keinen Krümel übrig.

Jetzt wird die Hauptspeise aufgetragen: Bœuf bourguignon mit Reis. Eine Riesenportion. Essen alle Franzosen zum Mittag so viel? Oder soll man gar nicht jeden Gang komplett aufessen?

Ich habe keine Ahnung, und Pieps braucht man eine Frage, wie: "Sollen wir was übriglassen?", nicht zu stellen.

Während ich noch über den Eigenarten der französischen Küche sinniere, erscheint wie von Zauberhand ein weißer Porzellan­teller mit Holzgriff und einem großen Messer. Darauf liegen fünf verschiedene Sorten von Käse. Die Käseplatte!

Zu unser aller Glück habe ich kurz zuvor in einem Reiseführer gelesen, wie man sie bedient. Die Dos and Don'ts der Käseplatte, sozusagen. Man darf von jedem Stück einmal abschneiden und das gleichmäßig. Also nicht die zarte Spitze absäbeln, sondern fein säuberlich schmale Torten­stücke schneiden, so dass der Käse auch für den nächsten Gast ansehnlich ist. Ja, für den nächsten Gast, denn die Platte wandert von Tisch zu Tisch durchs gesamte Lokal, und bevor jemand fragt: Nein, es gibt keine zweite Runde und es wäre sehr unhöflich, danach zu fragen: "Jean-Luc, alter Hilfsgendarm, reichst noch ma' die Platte für Pieps rüber?!"

Vermutlich haben Pieps und ich die Platte deshalb zuerst erhalten, weil wir neu sind und von außerhalb. Ein Zeichen der Wertschätzung, gewisser­maßen. Umso mehr bin ich bemüht, das Ansehen des deutschen Touristen nicht noch weiter zu beschädigen. Sorgfältig schneide ich von drei Käse je eine schmale Scheibe ab, obwohl ich den weichen Camembert, der sichtlich Mühe hat, seine Form zu halten, am liebsten komplett vertilgen würde.

Inzwischen bin ich völlig erledigt und selbst Pieps zeigt Anzeichen von Sättigung, doch so schnell gibt Justine nicht auf. Mit charmantem Lächeln stellt sie einen Teller mit Kunstwerken eines begabten Pâtissiers vor uns hin. Das Dessert. Sechs kleine Kuchen, Pralinen und Schokokreationen. Sie schmecken köstlich. Alle sechs.

Wann habe ich zuletzt so viel gegessen? Ich weiß es nicht, aber es ist kein Wunder, dass Frankreich drei Stunden Mittagspause macht. Vermutlich wird mich bei der Rechnung der Schlag treffen, aber nein, so ist es nicht. Mit zwei Cafe Crème, die ich extra bestellt habe, sind es 18 EUR. Ich gebe einen Zwanziger und trete eilig den Rückzug an, bevor vielleicht noch ein weiterer Gang droht. Die sind verrückt, die Franzosen.

Gerade als ich aus Beynat hinausfahre, kommt der versprochene Regen. Zuerst ziemlich heftig und dann immer stärker. Durch das nasse Visier ist die Straße mitunter nur schemenhaft erkennbar. Sie führt dicht an der Dordogne entlang, die dem Département seinen Namen verliehen hat. Bis zur Gebietsreform 2014 hieß es noch das Périgord.

Als ich endlich am Fuß der Burg von Beynac ankomme, schüttet es, wie aus Eimern. Das Perigord, die Dordogne, Beynac und der Campingplatz Le Capeyrou sind das eigentliche Ziel meiner Reise.

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Mit Regensachen, Helm und Hand­schuhen flüchte ich triefend in die Rezeption des Campingplatzes. Jeder der teuren Rukka Handschuhe wiegt sicher ein Pfund mehr als sonst. Meine Meinung zu Membran­klamotten bestätigt sich aufs Neue.

Beschreibung Die Dame am Tresen sieht mich mitfühlend an, während ich mir den Helm vom Kopf ziehe. Meine Güte, ist das nass. Ich bin völlig durchge­froren. Als ich in Kiel losgefahren bin, waren hier noch jeden Tag um 30 °C. Und jetzt?

    Beynac-et-Cazenac
    10 °C Regen
    Gefühlt wie 9 °C
    Niederschlag 100%


Mache ich irgend etwas falsch? Habe ich doch zu viel von dem Käse genommen? Oder vielleicht schief abgeschitten? Ich bin ratlos.

In der Bar neben der Rezeption lodert ein offenes Feuer. Die Metallhaube über dem Kamin strahlt eine unglaubliche Hitze ab. Bloß nicht anfassen.

Die Frau schlägt vor, mir einen Barhocker zu nehmen und mich direkt ans Feuer zu setzen. Sie spricht englisch. Ob ich gerne etwas trinken möchte? "Oh, yes. Tea, please."

Zum ersten Mal seit Jahren bestelle ich einen Tee. Normalerweise bin ich strikt gegen Tee als Getränk. Damit signalisiert man seinem Körper bloß, dass er krank sei, aber dies ist eine besondere Situation.

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Sie stellt eine kleine Porzellankanne Tee auf das alte Weinfass am Kamin. Pieps sitzt gleich daneben und ich auf dem Barhocker so nah am Feuer, wie ich es aushalten kann. Wann sie den Kamin wohl zuletzt mal im Juni befeuert haben?

Vorm Fenster regnet es unaufhörlich weiter. Alles steht unter Wasser, überall Pfützen. Ich muss auf eine Regenpause warten und dann mein Zelt blitzschnell auf das am wenigsten matschige Stück Wiese stellen.

Nach einer Stunde am Kamin bei Wärme und Tee (bäh!) verliere ich die Geduld und spreche die Worte, die schon so oft Trouble und Unbill ein­geleitet haben: "Showtime, Baby!"

Die Parzelle mit der Nummer 70 ist ein Riesengrundstück, groß genug für zwei Wohnwagen, doch leider steht sie unter Wasser. Der Boden ist völlig erledigt. Ich stiefele so lange durch den Matsch, bis ich den besten Platz gefunden habe, einen Streifen Wiese unter einer Platane dicht am Weg.

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Ich kippe den Inhalt des blauen Zeltsacks aus und mache mich an die Arbeit. Die Uhr läuft. Jetzt muss alles schnell gehen. Wie gut, dass Claudia, die beste Zeugmeisterin der Welt, mir ein Groundsheet für das Denali III genäht hat. Ohne Unterlage könnte man das hier vergessen. Claudia hat über Outdoor, Zelte und Ausrüstung schon mehr vergessen, als ich je gewusst habe.

Ich nagele das Groundsheet an vier Ecken fest und breite das Innenzelt darauf aus. Es passt genau. Ab jetzt prasselt der Regen ungehindert auf die Stelle, wo gleich meine Isomatte und der Schlafsack liegen sollen. Es kommt buchstäblich auf jede Sekunde an. Wie bei einem Rohbau: Erst wenn das Dach drauf ist, hat man wieder Zeit.

Eine der Stangen springt aus ihrer Halterung. Ich fädele sie wieder ein und fluche wenig damenhaft, während wertvolle Sekunden verstreichen, aber wenigstens kostet Fluchen keine extra Zeit. Das läuft so nebenher mit.

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Endlich ist das Dach drauf und die vier Eckheringe stecken fest im Boden. Schön und windsicher kann ich später machen, jetzt erstmal ins Trockene, auch wenn es momentan noch ein Feuchtes ist.

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04:30 Minuten. Nicht schlecht, aber auch keine Bestzeit. Die blöde Stange hat die Zeit versaut. Zeltaufbauen geht nie schneller, als wenn es einem dabei wie blöde in den Nacken regnet. Bei wolkenlosem Himmel dauert es eine halbe Stunde, bis alles fertig ist.

Ich sitze mit dem Dubs im Zelt und den Stiefeln in der Apsis. Der ganze nasse Kram bleibt draußen unter Dach. Vor allem die dreckige Ortliebrolle darf nicht mit ins Schlafzimmer.

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Ich ziehe das nasse Zeug aus und mache mich ans Aufwischen. Nach jedem Durchgang mit dem Feudel lasse ich den Boden ein paar Minuten abdämpfen. Nach zwanzig Minuten sind wir fertig eingezogen. Den Schlaf­sack lasse ich eingepackt, dafür ist es im Schlafzimmer noch zu feucht.

Gegen Abend hört der Regen schlagartig auf. Ich wandere mit Pieps zum Waschhaus und sehe mich dabei kurz um. Wir haben für drei Nächte eingecheckt, damit haben wir Zeit genug, uns in den nächsten Tagen alles genau anzusehen, aber Eines fällt schon jetzt auf: Über allem thront auf ihrem Felsen majestätisch Burg Beynac.

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Das war ein anstrengender Regentag, obwohl er mich bei weitem nicht so gepestet hat, wie sonst. Für Frankreich wohnt in meinem Hinterkopf immer die Hoffnung auf besseres Wetter.

Das Highlight des Tages ist das Entrecôte vom Metzger aus Égletons, ein Premiumstück vom Charolais Rind. Ich atomisiere es, bis es knusprig braun ist und röste im Bratenfett etwas übrig gebliebenes Baguette.

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Wir essen im Bett. Unser Schlafzimmer ist inzwischen trocken und im Schlafsack ist es warm und gemütlich. Den Abwasch kann ich morgen erledigen. Jetzt muss ich unbedingt schlafen. Pieps ist mit dem letzten Bissen einge­schlummert und träumt vermutlich von neuen Abenteuern.

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Ich knipse die Stirnlampe aus und bin in wenigen Augenblicken ebenfalls fest eingeschlafen.

zum nächsten Tag...

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Svenja Svendura EndurowandernMade by Svenja Svendura on Apple iMac with Panic Coda and Photoshop Elements.