Frankreich 2019
Tag 1 Kiel - Hamburg-Altona
Tag 2 Lörrach - Camp Hautoreille
Tag 3 Langres - Parc du Morvan
Tag 4 Morvan - Auvergne
Tag 5 Parc Volcans d'Auvergne
Tag 6 Auvergne - Perigord
Tag 7 Jokertag in Beynac
Tag 8 Sarlat-la-Canéda
Tag 9 Souillac, Okzitanien
Tag 10 Le Rouget - Villefort
Tag 11 Thines
Tag 12 Villefort - Orgon, Provence
Tag 13 Carrières de Lumières
Tag 14 Gorges Verdon und Daluis
Tag 15 Nizza - Menton - St. Martin
Platzhalter Motorradreise Frankreich
Platzhalter Motorradtour Perigord
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In der Provence

Ein anderer Morgen, derselbe Ort. Ich sitze im Café Le National in Villefort, schreibe Tagebuch und esse nebenher ein Croissant. Um mich herum ein Gewirr aus Stimmen. Geschirr klappert. Das Radio hinter der Bar singt einen Chanson von der Liebe, aus dem Fernseher an der Wand plärren die Nachrichten und über allem das mächtige Fauchen der Espresso­maschine.

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Manche kommen nur auf einen Espresso in die Bar. Sie schlucken ihn wie eine Tablette und sind gleich wieder verschwunden. Es geht um Wirkung, nicht um Genuss. Ich mag die Stimmung morgens im Café, das eigentlich eine Bar ist, diese Kakophonie aus Stimmen und Geräuschen, die sagt: "Ja! Wir sind am Leben."

Es ist schon kurz nach neun, als ich endlich in Villefort losfahre. Wir haben bloß 170 km vor uns und heute Abend zelten wir schon in der Provence.

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Die D906 durch die Cevennen ist wunderbar. Das hier ist Motorradland, so wie Island Enduroland und Schleswig-Holstein Treckerland ist. Die einzig menschengemachte Sehenswürdigkeit des Morgens - abgesehen von den vorzüglichen Croissants - ist das Chateau de Portes, eine Pilger­stätte, an der einst die Kreuzfahrer vorbeigezogen sind. Die echten, nicht die in Beige aus Reisebussen.

Am Stadtrand von Alès entdecke ich ein riesenhaftes blaues L im Kreis. Ein Hypermarche von E.Leclerc. Mehr Konsum, mehr Lebensmittel und mehr Alles ist kaum möglich.

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Ich stelle die Honda ab und gehe hinein. Die Eingangshalle erinnert mich sofort an den Spiegelsaal von Versailles, bloß in Silber und nicht in Gold. Ob das beabsichtigt ist? Ich schnappe mir einen Korb und wandere den Prachtboulevard hinunter in die Lebensmittelabteilung.

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Erster Halt: Boucherie. Ich kaufe ein Entrecôte und zwei Lammkoteletts dazu. Sicher ist sicher. Nebenan beim Käse entdecke ich etwas Neues: Assortement Fromage Selection Medaille steht auf der Schachtel. Eine Auswahl allerfeinster Käse, jeder ein Preisträger seiner Kategorie. Die muss ich haben. Wieso gibt es sowas bei uns nicht? Ich würde jedes Wochenende eine andere Auswahl kaufen.

Auf dem Weg zur Kasse besorge ich die passende Flasche Rotwein dazu, Languedoc la Gravette. Ich habe zwar keine Ahnung, aber das Etikett ist hübsch gezeichnet und der Preis passt in mein Budget.

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Die Hälfte der heutigen Tagesetappe liegt hinter mir, als ich Uzès erreiche. Die Stadt ist voll mittelalterlicher Gebäude und in ihrer Mitte steht ein seltsamer Turm. Er ist rund mit vielen Fenstern.

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Bei Wikipedia werde ich später lesen, dass der Tour Fenestrelle das Wahrzeichen des Ortes, und außerdem der einzige runde Glockenturm in ganz Frankreich ist. Für mich sieht er arabisch aus, obwohl ich den Zusammenhang nicht herstellen kann. Ich lasse die Africa Single am Fuß des Turms stehen und wandere durch die engen Gassen von Uzès.

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Plötzlich ein Déjà-vu: Vor mir erscheint die langbeinige Frau in Rot mit Regenschirm, die der Kunstmaler von Sarlat so gerne gemalt hat. Ich bin hingerissen und kann gerade noch auf den Auslöser drücken, bevor sie um die Ecke verschwunden ist.

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Es beginnt zu regnen. Der Schirm war nicht nur Staffage. Ich stecke die Kamera unter die Jacke und eile zurück zum Parkplatz. Ein paar Minuten später starte ich in kompletter Regenmontur aus Uzès weiter nach Südosten auf die Provence zu.

Bei Tarascon fahre ich auf einer Brücke über die Rhone. Hier endet Okzitanien. Wir sind in der Provence. Das Wetter ist so norddeutsch, wie in an jedem beliebigen Apriltag in Kiel.

In St-Rémy-de-Provence sehe ich einen ALDI-Markt. ALDI in Frankreich? Das will ich sehen. Ich parke das Motorrad unter dem blauen A und gehe hinein.

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Drinnen ist alles wie gewohnt. In der Kühlung gibt es mehr Aufläufe als bei uns, aber ansonsten ein typischer ALDI. Zur Ehrenrettung der Franzosen kann ich sagen, dass der Laden fast leer ist.

Trotz meiner 57 Jahre traue ich mich noch immer nicht, ein Geschäft zu verlassen, ohne etwas zu kaufen. Außer in Dänemark. Dort sagt man im Rausgehen lässig: "Tak for ingenting", danke für nichts, und das ist keine Unverschämtheit, sondern eine Höflichkeit. Ich liebe das. Es hat mir so manche Krone gespart.

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Aber hier muss ich etwas kaufen. Ausgerechnet bei ALDI. So, als sei ich nur deshalb hergekommen, lege ich ein Päckchen italienischen Schinken aufs Laufband, bezahle 1,49 € und fahre weiter. Es ist manchmal etwas anstrengend, ich zu sein.

Der Regen hat aufgehört. Jetzt gießt es. Der letzte Teil der Strecke ist öde: Dichter Verkehr, unzählige Kreisverkehre und ewig lange, schnurgerade Verbin­dungs­etappen. Die Provence wird mächtig zulegen müssen, um mein Herz zu erobern.

Schließlich erreichen wir Orgon in der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur. Wie schön das klingt, auch wenn das Wetter noch nicht dazu passt, doch wir sind gekommen, um zu bleiben: Die nächsten beiden Tage verbringen wir im Camping La Vallée Heureuse. Google übersetzt es hartnäckig mit Camp Happy Valley.

Während es mir in den Nacken regnet und meine Haare erst feucht und dann nass werden, stelle ich das Zelt auf. Bis zu meiner Abreise aus Kiel waren hier wochenlang um die 30 °C. Die Erde ist steinig und verbrannt. Es gibt kaum einen Grashalm, aber damit hatte ich gerechnet.

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Ich stecke ein paar Alibi-Heringe in die dünne Humusschicht. Die halten zwar nicht, aber wenigstens lassen sie das Zelt erscheinen, als sei es sachgerecht aufgestellt worden. Immerhin war ich einmal Pfadfinderin.

Als das Zelt endlich steht und von innen so weit trocken gewischt ist, dass man es fertig einrichten mag, ist meine Laune am Tiefpunkt angelangt. Wie ich es hasse, dass mir jeder schöne Urlaub vom Regen versaut wird. Wenn ich 16 °C und Dauerregen will, dann kann ich auch in Kiel bleiben, oder nach Schweden fahren.

Natürlich ist es nicht jeder Urlaub, und ausgerechnet auf Island hatte ich sogar super Wetter, aber ich bin nicht in der Stimmung für Gerechtigkeit. Ich bin stinkig.

Ich stiefele hinunter in die Rezeption. Beim Einchecken hatte ich gesehen, dass sie auch eine Bar haben. Möge sie geöffnet und der Wein billig sein. Mir ist nach etwas Trost.

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Die Crew vom Happy Valley ist so freundlich und so um mich bemüht, vermutlich aus Mitgefühl, dass meine miese Laune sich im Nu verflüchtigt. Trotzdem muss ich es wissen:

"Is the Provence always like this in June?"
"Never! Not once before."

Ich ahne natürlich, woran der Wettereinbruch liegt, bin aber klug genug, meinen Mund zu halten. Stattdessen sage ich: "I would like another glas of white wine, please. Alcohol helps."

Das nette Mädchen im türkisen Hoody schenkt mein Glas wieder voll und lässt die halbleere Flasche auf dem Tisch stehen: "It's on the house."

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Nass wie eine Katze sitze ich in der Rezeption, die zugleich eine Bar ist, oder umgekehrt, schreibe Tagebuch und fülle mich nebenher gepflegt mit weißem Wein ab. Ich fange an, die Provence zu mögen.

Seit dem Croissant morgens in Villefort habe ich den ganzen Tag nichts gegessen. Es wird Zeit fürs Abendessen. Es regnet ohne Unterlass und so müssen wir bei geschlossenem Zelt braten. Das ist immer ein bisschen Schweinkram, weil das Bratenfett aus der Pfanne fröhlich gegen die Wände spritzt, aber dafür riecht das Zelt gut und ist bestens imprägniert.

Beschreibung Ich gieße einen großzügigen Schluck Olivenöl in die Pfanne und stelle den Brenner auf die höchste Stufe. Es zischt, als ich die große Scheibe Entrecôte ins heiße Fett gleiten lasse. In meinem Moleskine wird später stehen: "Das beste E. der Reise bisher, bisschen schwarz aber lecker."

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Während Pieps und ich uns das knusprige Steak schmecken lassen, braten in der Pfanne bereits die Lammkoteletts. Wir sind ziemlich ausge­hungert und schlingen das köstliche Essen in uns hinein. Inzwischen sind die Lammkoteletts fertig, der Fettrand krosch, das Fleisch noch saftig. Es mag klamm und feucht sein im Zelt, aber die Küche ist vorzüglich.

Mit dem letzten Bissen der Lammkoteletts lasse ich mich erschöpft - und vielleicht auch ein wenig angetrunken - nach hinten aufs Bett sinken. Ein leichter Regen prasselt unermüdlich aufs Zelt. Pieps schlummert bereits selig in meiner Armbeuge und im Nu bin auch ich fest eingeschlafen.

Meine Güte, schon 19 Uhr. Wir haben über eine Stunde geschlafen. Ich erledige schnell den Abwasch und dann ist es Zeit für die Käseplatte.

Ein unglaublicher ... Duft? erfüllt das Zelt, als ich die Packung öffne. Was für Stinker. Jeder schmeckt auf seine Weise cremig und intensiv mit einem Geschmack an der Grenze zu "kann der weg?", aber zugleich die besten Käse, die ich je gegessen habe.

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Sie waren schweineteuer, das Kilo über 50 €, aber das sind sie mir wert, und Pieps braucht man danach nicht zu fragen. Sie rechnet Preise um in Taschengeldvorschüsse. Wir sind aktuell irgendwo bei April 2021.

Morgen erwartet uns ein besonderes Highlight, auf das ich mich seit Jahren freue, die Carrières de Lumières. "You should go early. Before 9.30. Otherwise you wait. It's overcrowded. Lots of tourists", hatte das Mädchen im türkisen Hoddy mich gewarnt.

Gegen Abend werfe ich einen letzten Blick auf mein Handy. Selbst mein Nokia 3310 hat eine einfache Wetter-App. Ich rufe meine Favoriten auf:

Orgon, France, 14° rain
Seyðisfjörður, Iceland, 17° sunny


Ich bin etwas pupig.

zum nächsten Tag...

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Svenja Svendura EndurowandernMade by Svenja Svendura on Apple iMac with Panic Coda and Photoshop Elements.