Frankreich 2019
Tag 1 Kiel - Hamburg-Altona
Tag 2 Lörrach - Camp Hautoreille
Tag 3 Langres - Parc du Morvan
Tag 4 Morvan - Auvergne
Tag 5 Parc Volcans d'Auvergne
Tag 6 Auvergne - Perigord
Tag 7 Jokertag in Beynac
Tag 8 Sarlat-la-Canéda
Tag 9 Souillac, Okzitanien
Tag 10 Le Rouget - Villefort
Tag 11 Thines
Tag 12 Villefort - Orgon, Provence
Tag 13 Carrières de Lumières
Tag 14 Gorges Verdon und Daluis
Tag 15 Nizza - Menton - St. Martin
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Burg Beynac

Meine ersten Gedanken beim Wachwerden sind: Es hat aufgehört zu regnen, die Vöglein singen, und ich habe wundervoll geschlafen. Jetzt möchte ich alles kennen­lernen, das Dorf, die Burg, den Campingplatz, die Dordogne. Überhaupt alles! Aber zuerst wollen wir frühstücken. Am liebsten im Bett.

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Ich lasse Pieps schlafen und schlüpfe leise aus dem Zelt. In Nachthemd und Turnschuhen wandere ich hinüber zum Bäcker. Hier sind so viele englische Touristen, dass der Anblick von Kunden im Nachtzeug kein Stirnrunzeln hervorrufen sollte.

Gegenüber von Camp Le Capeyrou, nur durch die Dorfstraße getrennt, liegen drei kleine Läden, ein Boulanger, ein Boucher und Alimentation générale, ein Bäcker, ein Metzger und ein Lebensmittel­laden für den täglichen Bedarf.

Es ist noch früh, doch draußen vor der Metzgerei tut sich bereits etwas. Auf dem Gehsteig vorm Laden schmort eine Zinkwanne voll merkwürdig aussehender Fleischabschnitte, die wie Schwarten und Schweineohren aussehen. Auf dem Tisch daneben ein Topf mit fertigem Cassoulet.

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Als Windschutz für die Gasflamme und zum Fernhalten allzu neugierigen Hundenasen, steht eine kniehohe Blechwand davor. Ansonsten ist kein Mensch zu sehen. Für Samstag verspricht eine Tafel Cassoulet au Confit d'Oie, Bohneneintopf mit Gänsefleisch.

Ich bin hingerissen. Hingerissen von der Idee und davon, dass diese fröhliche open-Air-Gehsteigküche vermutlich gegen jede Bestimmung verstößt, die Brüssel jemals erlassen hat und davon, dass es hier völlig normal ist und niemanden stört. Am wenigsten mich.

Das ist Frankreich, das ist das Périgord. So hatte ich es mir vorgestellt und sehnsüchtig gehofft, dass es genau so sein würde, wie in den Büchern von Martin Walker aus der Bruno, Chef de police-Reihe.

Mit einem beschwingten "Bonjour", betrete ich die Bäckerei und bestelle ein Baguette Minute und ein Croissant. "Deux Euro irgendwas", sagt die Dame hinterm Tresen. Ich bin aufgeschmissen. Zahlen kann ich noch nicht. Verstohlen lese ich die Summe vom grünen LED-Display der Kasse ab. Es sind 2,60 €. So lässig, wie es als Trägerin eines rosa Nachthemds nur möglich ist, lege ich die passenden Münzen hin, nehme mein Brot und verabschiede mich mit einem schmissigen "Au revoir".

Ich trage meine Beute zurück ins Zelt. Pieps sieht mich verschlafen vom Kopfkissen aus an: "Krossonks? Mit Schoko?" Nein, ohne Schoko, aber wir haben eine ausgezeichnete Wurst.

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Wir teilen das Croissant, während das Kaffeewasser in der Blechtasse aus Island allmählich heiß wird. Kurz bevor es zu kochen beginnt, schütte ich ein Tütchen Espressopulver hinein. Ich breche ein Stück des knusprigen Baguettes ab und schneide die Salami auf.

Kaffee und Baguette morgens im Zelt am Ufer der Dordogne. Es ist der perfekte Morgen. Die Wiese vorm Zelt ist noch immer matschig, aber wen juckt das? Der Himmel ist blau, die Vöglein singen und es verspricht ein herrlicher Tag zu werden. Außerdem ist da noch Salami.

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Heute wandere ich hoch zur Burg Beynac. Von jedem Ort des Camping­platzes - ausgenommen vielleicht vom Damenklo - ist sie zu sehen. Die Burg thront über allem und zieht den Blick magisch an. Ich bin gespannt welche Aussicht man von dort haben wird.

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Eine Tür im Zaun führt auf den alten Treidelpfad am Fluss entlang. Die Dordogne bildet hier eine Schleife und fließt zäh am Camp vorbei. Im Schatten des Hohlwegs sind es nur wenige hundert Meter bis ins Dorf.

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Zwischen dem Burgfelsen und dem Fluss bleibt gerade genügend Platz für die Straße und eine Handvoll Häuser am Fuß der Burg.

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Ein Fußweg führt auf mittelalterlichem Pflaster nach oben zur Burg. Er ist sehr malerisch und zugleich unverschämt steil. Immer wieder bleibe ich stehen, angeblich um den Ausblick zu genießen, aber in Wahrheit bin ich nur außer Atem und muss mich kurz erholen.

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Wikipedia sagt, dass Burg Beynac eine mittelalterliche Höhenburg aus dem 12. Jahrhundert ist, die heute zu den am besterhaltenen Burgen Frankreichs zählt.

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Oben angekommen hat man einen sagenhaften Ausblick über das Tal der Dordogne. An ihrem Ufer liegt Camp Le Capeyrou und irgendwo unten am Bildrand steht im Schatten einer Platane mein Zelt. Ich weiß genau, wo es steht, auch wenn durch das dichte Laubdach nichts davon zu sehen ist.

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In der Ferne vor dem Eisenbahnviadukt ist der Kanuverleih zu sehen, auf dem Bruno in einem der Bücher dienstlich zu tun hat. Und vielleicht ist das sogar der Campingplatz, der später noch eine gewichtige Rolle spielen soll, aber soweit bin ich mit dem Lesen noch nicht.

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Es ist ein warmer Tag geworden und längst habe ich die orange Windjacke ausgezogen und trage sie überm Arm. Unglaublich, wie schnell der kalte Katastrophentag von gestern sich zum Guten gewandelt hat.

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Auf dem Rückweg gehe ich an der Boucherie vorbei, aber die haben Mittagspause. Bis 16 Uhr. Das Mittagsessen ist den Franzosen heilig. Selbst einige der großen Supermärkte schließen für ein paar Stunden.

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Auf einer schattigen Wiese am Ufer der Dordogne hat ein Malkurs seine Klasse bezogen. Unter der Anleitung eines Lehrers malen einige die Burg und andere eines der flachen Flussboote, mit denen früher Holz transportiert wurde. Heute fahren Touristen damit den Fluss hinauf.

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Inzwischen ist es ein richtig warmer Tag geworden. Ich spanne eine Wäscheleine vom Motorrad zum Baum und hänge die Regensachen zum Trocknen auf.

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Später, als die Sonne schon tief steht, bereite ich das erste Abend­essen vor. Es gibt Wurst aus Orcival, einen Valençay-Ziegenkäse, Baguette und eine halbe Flasche Rosé. Der Abend könnte perfekter nicht sein.

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Als die Sonne hinter dem Horizont verschwunden ist und sich die Abend­dämmerung übers Camp senkt, gehen hoch oben auf dem Burgfelsen die Scheinwerfer an und lassen Burg Beynac im Glanz erstrahlen.

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Während Pieps und ich mit einem Handtuch und zwei Zahnbürsten, einer großen und einer kleinen, zum Waschhaus tapsen, denke ich bei mir, dass dieser Campingplatz vielleicht der schönste ist, auf dem ich je gezeltet habe. Die Lage am Fluss, das Dorf, die Burg, die kleinen Geschäfte auf der anderen Seite der Straße und nicht zuletzt die Freundlichkeit der Menschen vom Team Le Capeyrou lassen mich wohl fühlen.

Eines ist sicher: Pieps und ich, wir kommen wieder.

zum nächsten Tag...

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Svenja Svendura EndurowandernMade by Svenja Svendura on Apple iMac with Panic Coda and Photoshop Elements.