Inhaltsverzeichnis
Norwegen 2022
Tag 1 Kiel - Oslo
Tag 2 Oslo - Lillehammer
Tag 3 Peer Gynt Vegen
Tag 4 Jotunheimvegen
Tag 5 Slettefjellvegen
Tag 6 Slådals- u. Einunndalsvegen
Tag 7 Trontoppen u. Gammeldalen
Tag 8 Røros
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Oslo – Lillehammer

Langsam kämpfe ich mich aus den Tiefen der Kissen wieder an die Oberfläche. Die Augen noch geschlossen höre ich das Rauschen der Lüftung, das gedämpfte Brummen des Schiffs und den lieblichen Gesang der Amseln. Amseln? Auf einem Schiff? Auf hoher See?

Motorradtour nach Norwegen

Aus versteckten Lautsprechern flötet der liebliche Gesang von Amseln durchs Schiff, der morgendliche Weckruf an Bord und jedesmal wieder falle ich gerne darauf herein.

„Pieps, aufwachen! Frühstück wartet. Wir müssen ans Buffet.“
„Lass mech", knurrt es aus dem Kissen. „Ich will noch schlaf'n.“
„Aber es gibt Bacon. Knusperspeck und Spiegeleier.“
Hüpft in einem Satz aus dem Bett: „Fäähtich! Wir könn' los.“
„Erst anziehen und Zähneputzen?!“
„Menno...“

Ich schalte den Fernseher ein und drücke den Kanal der Bugkamera. Voraus liegt ruhiges Meer und ein rosa Sonnenaufgang wie aus dem Reiseprospekt.

Motorradtour nach Norwegen

Wir ziehen uns rasch an und eilen durch die morgendliche Mall in Richtung Grand Buffet Restaurant. Vor dem Eingang wartet bereits eine Traube von Menschen ungeduldig auf Einlass. Die Türen sind noch geschlossen.

Um Punkt sieben entriegelt ein älterer Ober von innen die Eingangstür. Ein wahrer Profi, denn er macht sogleich einen eleganten Sidestep, sonst wäre er von den Türen erdrückt und von der Stampede niedergetrampelt worden, vorneweg Pieps und ich.

Der Eindruck täuscht nicht. Es ist voll heute Morgen. Auf allen Tischen stehen Kärtchen mit dem Hinweis, dass man seinen letzten Kaffee gerne draußen trinken dürfe, um den Platz wieder frei zu machen. Das Schiff ist mit etwa 2.500 Passagieren ausgebucht.

Es ist voll am Buffet, aber trotzdem werden die Wannen mit Knusperspeck, Eiern, Würstchen und hundert anderen Leckerein niemals leer. Marmelade vermutlich auch nicht, aber da sind wir keine Experten.

Motorradtour nach Norwegen

Ich schaufele zwei Teller voll mit Bacon, Rührei und Spiegeleiern, zapfe Orangensaft für Pieps und Kaffee für mich und trage alles an einen Tisch am Fenster. Die Aussicht ist grandios und das Essen prima, aber dennoch fehlt mir heute die Ruhe. Ständig drängen weitere Gäste nach auf der Suche nach einem freien Tisch und das Geschiebe am Buffet ist nervig. Nach der zweiten Runde machen wir den Tisch frei für die nächste Schicht.

Motorradtour nach Norwegen

Um 10 Uhr sollen wir in Oslo anlegen. Viel zu früh stehe ich vor dem Eingang zum Autodeck. Aus Sicherheitsgründen lassen sich die Schotts erst kurz vor der Ankunft öffnen. Oder lassen sie? Ohne Erwartung drücke ich den großen Knopf und zischend schiebt sich die schwere Stahltür zur Seite. Das Deck ist offen.

Da steht Hopsa, the Africa Single. Beladen mit 20 Kilo Urlaubsgepäck und as hochbeinig as can be. Ich löse den Ratschengurt, mache die Honda startklar und rufe auf dem Garmin den Track des Tages auf „02_Oslo-Lilleham". Die letzte Silbe von Lillehammer fehlt. Das alte Oregon 450 kann nur 16 Zeichen im Dateinamen darstellen.

Motorradtour nach Norwegen

Mittlerweile füllt sich das Deck. Tankrucksäcke werden festgeschnallt, GoPros angeschlossen und Helme aufgesetzt. Wir sind startbereit. Was mir Sorge bereitet, sind die vier Maschinen hinter mir, die noch immer angegurtet und verlassen unter Deck stehen.

Im letzten Moment, kurz bevor es losgeht, hasten zwei Damen im besten Alter zu den V-Stroms und die zugehörigen Graubärte zu ihren BMW GS. Die Erleichterung, endlich ihre Maschinen gefunden zu haben, steht ihnen ins Gesicht geschrieben. „Jetzt aber fix, Leute“, sage ich und schüttele hochnäsig den Kopf, so als könne mir so etwas nie passieren. Kann es wohl und ist es auch schon, aber das können die ja nicht wissen.

Von vorne fällt Tageslicht ins Deck. Die Bugklappe ist offen und die ersten Motoren werden gestartet. Der Wagen vor mir fährt los und ich tuckere langsam hinterher. Über Lautsprecher kommt die Durchsage, dass wir gleich Ausweis und Bordkarte vorzeigen müssen.

Motorradtour nach Norwegen

Nach einer halben Stunde Stop & Go im strahlenden Sonnenschein geben die Grenzer auf und winken die Motorräder ohne weitere Kontrolle durch. Es hat ewig gedauert bis etwa 50 Biker schwitzend und fluchend das kurze Stück vom Schiff bis zur Hafenausfahrt zurückgelegt haben.

Motorradtour nach Norwegen

Vom Hafengelände geht es direkt auf die E6. Der starke Verkehr auf der Autobahn überrascht mich. Wir rasen sogleich dreispurig in einen Tunnel. Das Dröhnen der Motoren ist höllisch in der engen Röhre. Als zwei Harleys vorbeidonnern, kann ich meine eigenen Gedanken nicht mehr hören.

Nach wenigen Metern beschwert sich das Garmin, dass es keine Satelliten mehr sehen kann. Im selben Moment heizen wir mit 90 km/h unter Tage auf einen Abzweiger zu. Links oder rechts? Keine Ahnung.

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Wir verfahren uns nur um läppische 10 km bis ich endlich auf der richtigen Autobahn bin. Ich halte die Honda stur bei 100 km/h. Autobahn macht keinen Spaß und ich bin erleichtert, als wir bei Minnesund endlich raus müssen. Oslo liegt schon 75 km achteraus.

Ich lenke die Honda auf eine Circle-K Tankstelle mit 7-Eleven Supermarkt. Wir brauchen eine Flasche Wasser. Zum Trinken? Nein, es geht mehr um die Flasche, die wir jeden Tag für den Rest der Reise nachfüllen wollen. Oder bis ich sie offroad verliere und wir eine neue kaufen müssen.

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Der größte Ort für heute nach Oslo ist Gjövik, eine Kleinstadt von 30k Einwohnern. Es gibt sogar einige Sehenswürdigkeiten, aber wir wollen nicht gucken, sondern kaufen. Heute ist Samstag vor Pfingsten und die nächsten Tage werden einsam.

Gjövik (T+E) steht in Rot auf meinem Reiseplan. T+E steht für Tanken und Einkaufen. Der Track führt direkt über den Parkplatz vom REMA 1000, einer Supermarktkette, die in Dänemark und Norwegen zu Hause ist.

Voller Vorfreude stiefele ich mit Pieps in den Markt. Ich liebe es, in fremden Ländern Lebensmittel zu kaufen und Neues zu entdecken. Auf dieser Reise soll es Lachs geben. In Norwegen wird zehnmal soviel Lachs gefangen wie in Kanada. Wenn wir hier keinen Lachs essen, wo dann?!

Motorradtour nach Norwegen

Schon am Eingang weist ein Schild darauf hin, dass Sonntag und Montag geschlossen ist. Wir brauchen also Vorräte für drei Tage. Mit dem Korb in der Hand schlendere ich die Gänge entlang. Hier ein Pfund Lachs, dort ein paar Bratwürste, etwas weiter Käse, Brötchen und ein Paket Eier. In der Gemüseabteilung kaufen wir eine Zwiebel. Gemüse ist wichtig! Mit diesen Vorräten sollten wir das Pfingstwochenende überstehen, Pieps und ich.

Die Eier klemme ich unters Gepäckgummi und den übrigen Einkauf verstaue ich im Tankrucksack. Bis zum Campingplatz sind es noch 60 km. Die Camps an der E6, an denen wir heute vorbeigerauscht sind, waren alle rappelvoll. Pfingsten eben. Ich hoffe nur, dass wir auf Ringen Camping noch einen Platz kriegen. Vieles ist zu Pfingsten ausgebucht.

Kurz vor Lillehammer verlassen wir die E6 und winden uns im Nu auf einer hübschen Kurvenstrecke durch die norwegische Landschaft.

Motorradtour nach Norwegen

Schon als ich den Blinker setze und auf den Campingplatz einbiege, sehe ich, dass meine Furcht unbegründet war. Der Platz ist nahezu leer. Ich lasse die Honda vor der Rezeption ausrollen und setze den Helm ab.

Motorradtour nach Norwegen

Eine Frau begrüßt mich sehr freundlich.
„And I was afraid it could be overcrowded“, lache ich sie an.
„Oh no. Camps next to the E6 are always crowded, but here in the middle of nowhere we're never fully booked“ erklärt sie mir.

Wir dürfen unseren Platz frei aussuchen. Die Zeltwiese haben wir ganz für uns. Bester Laune lade ich das Gepäck ab und pieke den ersten Zelthering dieser Reise in norwegische Erde. Das Gras ist dicht und saftig, kaum zwei Klicks unter Golfrasen Qualität. Ich bin glücklich und Pieps ist es auch.

Motorradtour nach Norwegen

Zum Abendessen gibt es Lachs. Ich zünde den Gaskocher, der mit blauer Flamme fauchend zum Leben erwacht. Es zischt, als ich den Lachs ins heiße Fett gleiten lasse. Zuerst brate ich die Hautseite knusprig an. Pieps sieht misstrauisch zu.

„Nur gieb's jetz' ebwa immer nur Füsch?“
„Das ist Lachs, das Entrecôte Norwegens, mein Schatz.“
„Onktrikoot is' mein Lieblings! Aber ich will die Knusperhaut.“
„Auch das, Mäuschen, auch das.“ Tiefer Seufzer.

Motorradtour nach Norwegen

Das Essen ist ein Gedicht. Selbst Pieps sieht rundherum zufrieden aus, während wir ein ganzes Pfund norwegischen Lachs in uns hineinmampfen. Dazu gibt es nur etwas Salz. Der macht erstaunlich satt, so ein Lachs.

Als ich vom Abwaschen zurückkomme sind es bloß noch 8 °C. Pieps und ich machen uns bettfertig. Für diese Temperaturen ist unser Schlafsack noch zu warm und ich breite ihn nur als Bettdecke über uns aus.

Morgen beginnt das Abenteuer. Nur wenige Kilometer von hier geht es auf den Peer Gynt Vegen, die erste Piste dieser Reise zum Endurowandern. Genau deshalb habe ich Ringen Offroad Camping für unsere erste Nacht in Norwegen ausgesucht.

Zufrieden ziehe ich die Daunendecke hoch bis zur Nasenspitze und kuschele mich ein. Ich bin gespannt, was uns morgen erwartet. Pieps schläft bereits tief und fest.

„Gute Nacht, Welt.“






zum nächsten Tag...

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Svenja Svendura EndurowandernMade by Svenja Svendura on Apple iMac with Panic Coda and Photoshop Elements.