Reise nach Island
Tag 1: Kiel - Silkeborg
Tag 2: Silkeborg - Hirtshals
Tag 3: Hirtshals - Norröna
Tag 4: Shetlands - Färöer
Tag 5: Seyðisfjörður - Möðrudalur
Tag 6: Vormittag: Zur Askja
Tag 6: Nachmittag: Zur Herdubreid
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Tag 5 - Möðrudalur

Heute hat sich der Preis fürs Frühstück nicht gelohnt. Ich bin zu aufgeregt und selbst die sonst so phlegmati­schen Bus­reise­rentner sind wie auf Speed und rennen jeden um, der zwischen Kaffee­automat, Rührei und Pancakes im Weg steht. Dann stopfe ich mich eben ohne Genuss voll. Der Plan bleibt derselbe: Möglichst lange satt zu sein, weil ich keine Ahnung habe, wann es das nächste Mal etwas gibt.

Es wird Zeit die Kabine zu räumen. Mit einem letzten prüfenden Blick ziehe ich die schmale Tür hinter mir zu und versuche mich zu erinnern, wo ich vor zwei Tagen reingekommen bin. Welches der vielen Treppen­häuser führt zu den Motorrädern und auf welchem Deck hinter welcher der vielen Türen steht meine Honda?

Islandreise Motorrad 2018

Ohne echte Überzeugung entscheide ich mich für Staircase F und Deck 4. Die Über­raschung könnte nicht größer sein, als ich tatsächlich genau an der richtigen Stelle unter Deck komme. Da steht meine Rally.

Keine Fähre wird so dicht gepackt wie die Norröna und es dauert eine kleine Ewigkeit, bis sich das Chaos aus Geländewagen, Autos, Wohn­mobilen und Motorrädern soweit entwirrt, dass ich endlich einen Gang einlegen kann. Einige Biker machen unserer Zunft Ehre und indem sie selbst auf den kurzen Geraden unter Deck heldenhaft überholen. Ich kann sie nicht genug preisen: Ohne mutige Männer wie sie, wäre unser Nimbus als hirnlose Idioten schnell dahin.

Islandreise Motorrad 2018

Im zweiten Gang rolle ich hinter einem Pickup mit Camperaufsatz von Bord. Das Erste, das ich von Island zu sehen bekomme, ist der Blick durch die Heckklappe der Fähre: Ein Landrover, ein Gabelstapler, tatsächlich ein paar Bäume und dahinter ein steiler Hang. Überraschend, denn Bäume gibts auf Island eigentlich nicht, oder fast nicht. Landrover hingegen schon.

Auf dem Kai wartet der Zoll in Gestalt eines stattlichen jungen Mannes mit Vollbart. In seiner dunkelblauen Uniform starrt er den Neu­ankömmlingen finster entgegen. Allein sein Blick ersetzt zwei Drogen­hunde, ein düsteres Vernehmungs­zimmer und ein halbes Dutzend dieser alten Geständnis­leuchten, die wir noch im Keller haben, die man heute aber nicht mehr einsetzen darf.

Im Schritttempo rolle ich auf die Kontrollstelle zu, aber er winkt mich mit ernster Miene durch. Kein Stopp, keine Kontrolle, nichts. Ich musste nicht einmal meinen Ausweis zeigen.

Islandreise Motorrad 2018

Der Ort, in dem die Norröna uns an Land kippt, heißt Seyðisfjörður. Für Menschen, die keine Isländer sind, ist es praktisch unmöglich, Worte wie diese korrekt auszusprechen und ich versuche es gar nicht erst. Nicht, dass es sich überhaupt lohnen würde, denn dieses Dorf ist nur aus zwei Gründen bekannt: Erstens ist es der Fährhafen der Norröna und zweitens spielt hier die Serie Trapped - Gefangen in Island. Ansonsten leben in Seyðisfjörður genau 3, in Worten drei, Einwohner pro Quadratkilometer. Immerhin drei mehr als auf dem Mars, denke ich anerkennend.

Seyðisfjörður ist ein Ameisenhaufen: 800 Fahrzeuge rollen an Land und ebenso viele warten darauf, endlich an Bord zu dürfen. Die Tankstelle im Dorf ist im Nu overcrowded und vor dem Geldautomaten hat sich bereits eine Schlange gebildet. Jeder will sich zu Beginn der Reise mit isländischem Geld eindecken.

Jeder? Nein! Eine unbeugsame Maus und ihre wackere Svenja haben einen besseren Plan. Schon vor Monaten habe ich einen Geldautomaten ausgesucht, der einsam in einer Seitenstraße im nächsten Ort auf uns wartet, in Egilsstaðir.

Ohne noch einmal anzuhalten lasse ich die Norröna hinter mir zurück. Die Straße windet sich hinauf zur Fjarðarheiði. Dieses Wort muss man sich merken, denn Heiði ist das Gleiche wie ein Fjell in Norwegen, eine Hoch­ebene. Wenn man das liest, geht es steil nach oben und es wird kalt.

Islandreise Motorrad 2018

Die Straße ist nagelneu. Der Mittel­streifen leuchtet geradezu und der rauhe Asphalt bietet guten Grip. In der Landschaft liegt vereinzelt noch Schnee und als der warme Schiffs­bauch der Norröna etwas hinter uns liegt, sinkt das Thermometer am Lenker rasch auf 8 Grad.

Es nieselt, aber das nehme ich kaum wahr: Endlich sind wir in Island. Mögen die Abenteuer beginnen!

Der Geldautomat in Egilsstaðir ist genau so, wie er sein soll: Glänzend neu und ganz allein. Dieses Biest wartet nur darauf, mir ein fettes Bündel Isländischer Kronen aus der Wand reichen zu dürfen.

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Für den Anfang ziehe ich 80.000 ISK, etwa 640 EUR. Einen Teil stecke ich ins Portmonee, den Rest rolle ich zu einem dicken Bündel zusammen und stecke es in die Tasche. Noch ahne ich nicht, dass ich damit nur dann eine Weile über die Runden komme, wenn ich nebenher fleißig meine VISA und MasterCard einsetze.

Ich steige aufs Motorrad und tuckere hinüber zu NETTO. Zu Hause würde ich da im Leben nicht einkaufen, aber hier ist es einer von nur zwei Läden und der andere hat zu.

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Auf dem Parkplatz vor NETTO steht eine Armada von 4-Wheelern, die alle mit uns auf der Fähre waren. Wären sie nicht so glänzend und neu könnte man sie für Requisiten aus Mad Max 5 halten. Vermutlich decken sich Humungus und seine Jungs bei NETTO mit BiFi und Kinder­schokolade ein, bevor sie raus in die Wastelands fahren.

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Etwas beschämt stelle ich mein Ackermofa abseits im Fahrradständer ab und gehe in den Laden. Hell, freundlich, groß und modern lautet mein erster Eindruck. Es gibt sogar Bananen. Auf Island!

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Mein Plan ist es, so oft es geht Lamm und Fisch zu essen, zwei meiner Lieblingsgerichte und zwei Dinge für die Island geradezu berühmt sein soll. Tatsächlich sind die Truhen voller Lammfleisch. Wunderbare Koteletts mit dickem Fettrand. Das Problem: Sie sind tiefgefroren und in Paketen zu 2,5 kg verpackt. Weniger gibt es nicht.

In einer anderen Truhe liegt Lamm in Marinade aber die kleinste gehandelte Einheit ist das Kilo. Erst nach emsiger Suche ziehe ich von ganz unten eine mickerige 628 g Packung hervor. Dazu kaufe ich ein Brötchen, um später das Pfannenfett aufzusaugen.

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Das Kilo Lamm kostet etwa 29 €. Für isländische Verhältnisse vermutlich ein Spottpreis, aber noch kann ich das nicht recht einschätzen. Ich weiß nur, dass wir heute Abend im Zelt etwas Vernünftiges brauchen und die Astronautennahrung hebe ich noch auf. Wir haben vier Tüten an Bord.

Ich klemme das Fleischpaket unter die Gepäckgummis und ziehe das Regenzeug an. Selten hat mir Wetter weniger ausgemacht. Innerlich bin ich auf drei Wochen Regen, Kälte und Wind eingestellt. Ich rechne schlicht mit nichts anderem. Jeden Sonnenstrahl und jede trockene Minute werde ich dafür umso mehr feiern.

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Das isländische Straßensystem ist einfach zu verstehen, schon weil es nur wenige Straßen gibt. Die wichtigste ist die Ringstraße, die Nationalstraße Nr.1. Sie führt im Kreis einmal um Island herum und ist bis auf ein paar Kilometer durchgehend asphaltiert.

Die ersten Kilometer hinter Egilsstaðir fahre ich auf der Ringstraße. Auch mit 90 km/h geht es zügig voran, weil es keine Ortsdurch­fahrten, keine Ampeln, keine Kreuzungen und schon gar keine Bahnüber­gänge gibt.
Die Eisenbahn muss auf Island erst noch erfunden werden.

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Achtzig Kilometer hinter Seyðisfjörður biege ich von der Ringstraße ab und ein Straßen­schild verkündet, dass der Asphalt gleich enden wird.

Die erste Sehenswürdigkeit auf Island - wenn man die Lämmertruhe bei NETTO mal außen vor lässt - ist der Museumshof Sænautasel. Im Reiseführer ist die Rede von Kaffee und Pfannkuchen.

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Es geht über schwarzen Vulkan­schotter, links und rechts nur eine dünne Grasnarbe. Auf der hochbeinigen Enduro ist die Piste keine besondere Herausforderung, auch wenn wir ziemlich durchgeschüttelt werden.

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Nach 5 km endet der Weg in einer Sackgasse. An seinem Ende liegt der Hof Sænautasel. Es sind bloß noch sieben Grad und es regnet, als ich den Seitenständer ausklappe und vom Motorrad steige.

Der Hof liegt auf der anderen Seite eines Flusses. Zuerst kann ich über­haupt kein richtiges Haus erkennen, bis ich den grasbewachsenen Erdwall genauer ansehe: Ein Torfhaus! Dicke, solide Seitenwände aus Torf und mit Gras bewachsene Dächer.

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Ein schmaler Steg führt über den Fluss auf die andere Seite. Am Ufer weiden Schafe, die mich keines Blickes würdigen, als ich durch das nasse Gras zu der Stelle stiefele, wo ich den Eingang vermute. Die Tür in der Torfmauer sieht aus wie der Eingang zu einer Hobbithöhle.

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Dahinter soll ein Café sein? Die nehmen mich auf die Rolle, oder? Ich drücke die Klinke, aber es ist ein Riegel, wie bei einer Stalltür, und man muss ihn hoch­heben, damit sie aufgeht.

Der Eingang ist so niedrig, dass ich mich bücken muss. Der Raum dahinter liegt im Halbdunkel. Ein Langhaus, ein schmaler Tisch durch die gesamte Länge des Raums. Und Wärme, wohlige wunderbare Wärme. Ein Hund kommt auf mich zu und begrüßt mich freundlich. Ein Australian Shepherd. Ich streichele seinen Kopf. Er ist warm und weich.

Am Tisch sitzen bereits einige Gäste. Ich nicke freundlich in die Runde und setze mich an den nächsten freien Platz. Auf der Bank liegen Decken und Felle. Der Kontrast zu der nassen Kälte draußen könnte nicht größer sein. Die dicken Torfwände, der Ofen, die Wärme, der Hund, die Felle. Es ist gemütlicher, als in Ragnars Langhaus bei Vikings.

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Ein kleiner Junge von vielleicht zehn oder elf Jahren kommt auf mich zu:
"You want Pancakes?"
"Yes. Sure."
"Coffee or Chocolate?"
"Pancakes and Chocolate, please."

Er nickt mit ernstem Blick, dreht sich um und verschwindet durch eine schmale Tür. Dort hinten muss die Küche sein, oder was immer es in Torfhäusern so gibt.

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Der Tisch ist so, wie Pieps ihn decken würde: Decken kreuz und quer und jedes Stück Porzellan auf dem Tisch, das der Schrank hergibt. Und doch entsteht genau dadurch ein merkwürdiger Eindruck von Geborgenheit. Wie früher in der Küche meiner geliebten Oma Gerda. Jedes Stück gebraucht, der Deckel mancher Zuckerdose längst verloren, nichts passt zum anderen und doch um so vieles echter, als die weit hübscheren Dekotische aus den modernen Landmagazinen.

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Der Junge mit dem ernsten Gesicht stellt eine altmodische Porzellankanne vor mich hin und eine Platte mit Pancakes. Ich gieße den heißen Kakao in eine Tasse und nehme mir den zweiten Pfann­kuchen. Den ersten hat Pieps sich gegrabscht schon bevor der Teller den Tisch berührt hat.

In Steintöpfen sind verschiedene Marmeladen und es gibt eine Schüssel steif geschlagener Sahne. Die Pancakes sind warm, dick und ein bisschen angebrannt, aber sie schmecken köstlich.

Der Hund hat seinen Kopf neben mir auf das Schaffell gelegt, während ich abwesend seine Ohren kraule und in ein angeregtes Gespräch mit meinen Tischnachbarn vertieft bin. Der gesamte Raum brummt und ist auf wunderbare Weise überheizt.

Es gibt keine Speisekarte und ich habe keine Ahnung, wieviele Pancakes Pieps und mir zustehen, oder wie viele Tassen Kakao, aber als der Junge immer wieder nachbringt und nichts jemals zu Ende geht, wird deutlich, dass dies ein Pancakes & Chocolat All-you-can-eat ist.

Irgendwann kann ich keinen einzigen Schluck Kakao und keinen Bissen Pfannkuchen mehr runterkriegen und es wird Zeit aufzubrechen. Ich zahle 2500 Kronen, was etwa 20 € sind, und verabschiede mich herzlich.

Als ich durch die niedrige Tür ins Freie trete, hat der Regen aufgehört und ich starte ohne Regensachen. Die Kälte macht mir nichts aus.

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Mein Ziel für heute heißt Möðrudalur, ein abgelegener Bauernhof im Hochland der Wüste Möðrudalsöræfi. Man kann dort zelten und der Bauer hat im Schuppen ein Benzinfass, die letzte Tankmöglichkeit auf dem Weg zur Askja im Vatnajökull-Nationalpark.

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Die Definition von Wüste ist nicht das Fehlen von Wasser, sondern die Abwesenheit von Vegetation und bis auf einzelne Flechten, Moose und ein paar dürre Grashalme wächst hier nichts. Den Pflanzen bleibt wenig Zeit zum Wachsen, bevor der Winter mit seinen mörderischen Schnee­stürmen ab September wieder Einzug ins Hochland hält.

Die Piste führt über eine Kuppe und plötzlich öffnet sich der Blick in die Ferne. Welch eine Landschaft. Die Firma, die zu Anbeginn der Zeit das Terraforming auf Luna erledigt hat, hat wohl auch den Auftrag für Island ergattert, jedenfalls sieht es hier genauso aus.

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Morgen werden wir da reinfahren, denn irgendwo dort hinten liegt die Askja, etwa 80 Kilometer entfernt. Möðrudalur ist der perfekte Ausgangs­punkt dafür, jedenfalls solange sie genügend Sprit in ihrem Fass haben.

Der Wind ist so stark, dass ich im Stand Mühe habe, das Motorrad zu halten. Die Piste wird weicher und die Enduro schwimmt auf dem losen Untergrund. Vor mir fährt ein Grader, der den Weg ebnet und die Ober­fläche weich macht. Mit einem beherzten Gasstoß überhole ich das gelbe 6-Rad-Monster und heize mit 70 Sachen daran vorbei.

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Endlich kommt das Ziel in Sicht, Möðrudalur. Ein Torfhaus, eine schlichte hölzerne Kirche und ein Schuppen mit drei Giebeln. Dahinter fließt ein Bach und an seinem Ufer liegt der Zeltplatz.

Die Wände des Torfhauses sind fast einen Meter dick. Das Dach ist mit Gras bewachsen. Ich stoße die niedrige Tür auf und trete ein.

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Ein großer, warmer Raum, die Wände, der Boden und sämtliche Möbel aus derbem Holz. Aus unsichtbaren Lautsprechern klingt nordische Flötenmusik. Ich fühle mich auf Anhieb wohl und buche am Tresen einen Zeltplatz für die Nacht.

"Do you want Breakfast in the Morning?"
"Yes, please."
"It is served from seven to ten in here."

Die Übernachtung ist mit 10 € unerwartet günstig. Mein Lager baue ich im Schutz einer kniehohen Torfmauer auf. Ich beeile mich, denn über der Kirche ziehen dunkle Wolken auf.

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Diesmal spanne ich das Zelt mit allen 16 Heringen ab und setze sämtliche Sturmleinen. Lieber ein paar Heringe zuviel ins Gras drücken, als mitten in der Nacht bei Regen und Wind raus zu müssen. Sowie das Lager steht, schnappe ich mir Pieps, Schreibzeug und die Kamera und eile durch den einsetzenden Regen zum Café.

Das liebe ich so in nördlichen Ländern: Sie heizen! Der Raum ist auf diese typisch nordische Weise überheizt. Ich hänge die Jacke über einen Stuhl und gehe mit Pieps zum Tresen. Ich bin noch satt, aber gerade jetzt wird von hinten aus der Küche eine Schale frischer Quarkbällchen gebracht und ich möchte nicht unhöflich sein: "One of these and Coffee, please."

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Gleich an meinem ersten Tag auf der Insel lerne ich die wunderbare isländische Tradition des Refill kennen. Man bezahlt einmal für Kaffee und darf sich selbst nachfüllen, so oft man möchte.

Das Kaffee ist besucht, aber nicht überfüllt. Wärme, Stimmen­gewirr und Geschirrklappern, Regen läuft die Fenster runter und aus der Küche duftet es nach Zimt. Ich schreibe Tagebuch und nippe nebenher an dem heißen Kaffee.

Eine wunderbare Stimmung. Bis, ja bis draußen ein Reisebus vorfährt und das Café im Nu mit Dutzenden dieser Busreisetypen flutet. Das Café ist zu klein und so stehen sie in der offenen Tür, halb drinnen, halb draußen, und recken die Hälse, während die Wärme nach draußen ent­fleucht. Die ersten Teelichter wehen aus und es wird kühl im Raum. Ein Teil der Herde stellt sich in Kolonne vor dem einzigen Klo an. Hinterher möchte da keiner mehr wohnen.

Menschen in Gruppen verhalten sich eigenartig. Sie geben einen Teil der Verantwortung ab und benehmen sich so, wie sie es alleine nicht tun würden. Wir Motorradfahrer sind das beste Beispiel dafür. Insgesamt sind Leute mir überhaupt in hohem Maße suspekt und ich meide sie, wann immer es geht.

Der Regen hat nachgelassen. Ich frage am Tresen, ob ich mein Motorrad tanken darf. Ja, kein Problem. Es ist genug Benzin da. Ich soll vor den Schuppen fahren und warten.

Das Camp in Möðrudalur hat die coolste Tankstelle, an der ich je getankt habe: Die Fässer für Benzin und Diesel stehen in einem Torfhaus. Der Tankschlauch wird durch die Schuppentür nach draußen gezogen.

Islandreise Motorrad 2018

Ich fülle den Tank der Honda bis zum Stehkragen. Dies ist die letzte Tank­möglichkeit vor der Askja und auch danach. Die nächste erreiche ich erst in zwei Tagen in Asbyrgi.

Ich frage den Mann am Fass nach dem Weg zur Askja. Soweit ich weiß, sind zwei Flüsse zu durchqueren: "The Road to Askja. Is it possible?"

Er sieht die Honda an, betrachtet die Reifen, das Gepäck, die Boden­freiheit: "Yes", antwortet er bedächtig. "I think you can do it. Water is around 50 cm deep."

Er hätte etwas mehr Enthusiasmus in sein Yes legen dürfen und weniger zweifelnd gucken, aber für den Moment reicht mir seine Antwort. Morgen fahren wir zur Askja, Pieps und ich.

Auf dem Weg zum Zelt sitzt ein flauschig braunes Fellknäuel. Ein junger Polarfuchs. Im Winter wird sein Fell schneeweiß sein, aber jetzt sieht er aus wie ein zu heiß gewaschener Pudel mit Heimweh.

Islandreise Motorrad 2018

Wenn man sich diesen Sommer gefragt hat, warum eine kleine Nation wie Island in der Fußball-WM so erfolgreich war, dann entdecke ich gerade die Antwort darauf: Nebenan liegt ein Fußballfeld, zwei Tore im struppigen Gras. Vier Geländwagen fahren vor, Soccer Moms mit ihren Kindern. Donnerstagabend Training.

Die Kinder toben über den Platz und jagen dem Ball hinterher mit einer Begeisterung, die auch einer gewissen anderen Mannschaft gut zu Gesicht gestanden hätte. Dabei sind es bloß 7°C, es regnet und ein schneidender Wind fegt über den Platz. Die Mütter stehen lässig am Rand, unterhalten sich, scherzen und lassen sich nassregnen. Isländer sind einfach härter.

Allmählich wird es Zeit für ein richtiges Essen. Nach all den Süßigkeiten brauche ich endlich etwas Herzhaftes. Pieps brauche ich nicht zu fragen, ob sie schon hungrig ist. Das wäre so wie den Papst zu fragen, ob er katholisch ist.

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Ich säbele die Knochen aus dem Fleisch und lege es in die heiße Pfanne. Im Nu verbreitet sich der verführerische Duft angebrannter Marinade. Die Koteletts haben einen unglaublich dicken Fettrand, den ich knusprig ausbacke. Das ist kein Lamm, das ist Schaf und unglaublich lecker.

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Den letzten Bissen schaffe ich nur mit Mühe und selbst Pieps ist erledigt. Welch ein Abendessen. Das einzige Problem ist das Abwaschen: Es gibt nur eiskaltes Wasser unter freiem Himmel und ich verbrauche unseren halben Vorrat an Spülmittel, und die Pfanne halbwegs fettfrei zu kriegen.

Gegen Abend verziehen sich die Wolken und lassen einen klaren blauen Himmel zurück. Es wird rasch kälter und wir beide gehen in die Heia.

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Das war ein aufregender Tag. 140 Kilometer und davon nur 80 auf Asphalt. Bisher ist Island ein Knaller und der Campingplatz ein Glücksgriff.

Gute Nacht, lieber Leser.

zum nächsten Tag...

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Morgen fahren wir tiefer ins Hochland hinein. Die ersten Flüsse warten und ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, ich hätte keine Angst...



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Svenja Svendura EndurowandernMade by Svenja Svendura on Apple iMac with Panic Coda and Photoshop Elements.