Reise nach Island
Tag 1: Kiel - Silkeborg
Tag 2: Silkeborg - Hirtshals
Tag 3: Hirtshals - Norröna
Tag 4: Shetlands - Färöer
Tag 5: Seyðisfjörður - Möðrudalur
Tag 6: Vormittag: Zur Askja
Tag 6: Nachmittag: Zur Herdubreid
Tag 7: F88 - Dettifoss - Ásbyrgi
Tag 8: Ásbyrgi - Myvatn
Tag 9: F26 - Sprengisandur
Tag 10: F821 - Akureyri - Blönduos
Tag 11: Kjölur - Kerlingarfjöll
Tag 12: Kjölur-Geysir-Pingvallavatn
Tag 13: Pingvallavatn - Holmavik
Tag 14: Holmavik - Flokalundur
Platzhalter Motorradreise Island
Platzhalter Motorradtour Island
Platzhalter Islandreise
Platzhalter Islandreise
Platzhalter Islandreise
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Auf der F88

Das schöne Wetter ist über Nacht verschwunden, aber was macht das schon? Wasser von oben ist heute das kleinere Problem. Voller Tatendrang verzurre ich den Zeltsack und singe in bester Laune leise vor mich hin: "Go West young Girl. We will fly so high..."

Drei Furten sind auf den 60 km zur Ringstraße zu queren. Die erste, ein Seiten­arm der Lindaá, markiert den Rand der Oase Herðubreiðarlindir und liegt nur 150 m hinterm Camp.

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"Eine Pfütze", hatte der Ranger gesagt, und mehr ist es vielleicht nicht, aber doch eine ziemlich breite. Das Gepäck lasse ich auf dem Motorrad, aber zur Sicherheit wate ich einmal hin und her, um ein Gefühl für den Untergrund zu bekommen. Nein, hier ist keine Gefahr. Im ersten Gang rolle ich langsam durch den flachen Tümpel.

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Solche Furten mag ich, einerseits bietet sie schon dieses abenteuerliche Ich-bin-durch-einen-Fluss-gefahren-Gefühl, andererseits sind sie einfach zu fahren: Über halbwegs fest liegende Steine fährt man durch flaches, langsam fließendes Wasser. Das macht Spaß und vor allem stärkt es das Selbstvertrauen, denn ich weiß, dass da noch mehr kommt.

Östlich der Herdubreid sieht die Piste völlig anders aus. Erstaunlich, wie das Hochland ständig ein neues Gesicht zeigt. Hier ist die Piste schwarz und schwer, eine Pampe aus Lava, Asche und Sand. Ich bin ständig auf der Suche nach festem Grund und meide die Aschefelder so gut es geht.

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Auf der Seite dangerousroads.org haben sie einen Werbetext über die F88 geschrieben, der so euphorisch ist, dass er nur in Zusammenarbeit mit dem isländischen Tourismusverband entstanden sein kann:

"It is strongly advised that people travel together in 2 or more cars. […] To drive this trails, you must have supreme confidence in your vehicle and your driving skills. […]
The road is in dreadful condition and requires strong nerves to negotiate it. […] Try not to travel by yourself and even wait for another car to cross an unbridged river with you. […] This road has humbled many egos."
Quelle: dangerousroads.org

In meinem Reisebericht werde ich später großspurig schreiben: "Klingt nach Spaß", aber tatsächlich habe ich ziemlichen Bammel. Nicht genug um umzukehren, aber mehr als genug für ein Gefühl von Beklommenheit. Ist die Piste wirklich so anspruchsvoll? Oder ist das bloß ein Spruch dieser Werbefritzen? Chicken Nuggets sind im wahren Leben schließlich auch nur halb so lecker wie in der Werbung.

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Zehn Minuten später stehe ich an der zweiten Furt. Ein Seil führt wie ver­sprochen im Bogen durch den Fluss: "Stay close to the Rope. Shallowest Crossing", steht in roter Farbe handgemalt auf einem Schild.

Das ist eine ganze Menge Wasser, aber auf den ersten Blick sieht es gut machbar aus. Trotzdem will ich diesmal ganz ohne Gepäck fahren. Es ist nämlich ganz erstaunlich, wieviel leichtfüßiger sich ein Motorrad mit nur 24 Kilo weniger fährt.

Ich schnalle Tankrucksack und Zelt ab und wate vorsichtig in den Fluss. Immer nah am Seil. Der Untergrund ist ganz anders, als bei den Furten gestern auf der F910. Dort lag Felsgestein, aber am Grund der Lindaá liegen glatte Flusskiesel und ich wate wie durch ein Becken voller Smarties. Der Untergrund bietet wenig Halt.

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Im zweiten Durchgang trage ich die Gepäckrolle und das Stativ rüber. Am anderen Ufer ziehe ich die Motorradjacke aus und lege sie aufs Gepäck. Falls etwas Dummes passiert, möchte ich wenigstens noch eine trockene Jacke haben.

Ich bin auf dem Rückweg etwa in der Mitte des Flusses, als hinter mir wie aus dem Nichts der Linienbus zur Askja auftaucht, ein hochgelegtes Allradmonster der XXL-Klasse. Ohne Fahrt wegzunehmen pflügt der Bus zwei Meter neben mir durch den Fluss. Seine Bugwelle testet meine Wathose. Mit erhobener Faust entbiete ich den internationalen Gruß für "Blödmann". Busse im Hochland sind nicht gerade für ihre defensive Fahrweise bekannt. Am besten man geht ihnen aus dem Weg.

Die Strömung macht das Gehen anstrengend, aber dem Motorrad dürfte das weniger ausmachen, denke ich. Doch, das schaffen wir. Das Wasser ist nicht zu tief für die Honda. Der Luftfilter liegt ganz vorne direkt unter der Sitzbank. Ich muss nur oben bleiben, dicht am Seil fahren und darf auf keinen Fall im Fluss stehenbleiben.

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Inzwischen sind auch die Berner Würstel von gestern in ihrem Suzuki Jimny angekommen. Mit großem Interesse beobachten sie jeden meiner Schritte. Das tun Autofahrer gerne, weil sie dann selbst nicht auszusteigen brauchen. Sie sehen einfach zu, ob das Mädchen vom Lande es schafft.

Die Beiden haben hier im Grunde nichts zu suchen, denn die Straßen­behörde safetravel.is hat eine Warnung herausgegeben, dass kleinere Jeeps nicht versuchen sollten, auf der F88 zu furten.

"Wenn es zu Fuß nicht geht, kannst du immer noch fahren", oder "Die Füße verlassen die Fußrasten erst, wenn der Lenker den Boden berührt." Typische Machosprüche aus der Frühzeit des Trialfahrens, aber einen Zweck erfüllen sie ziemlich gut: Sie geben Selbstvertrauen.

Ich starte den Motor und hole noch einmal tief Luft. Es ist einer dieser Pflaster-ab-Momente des Lebens: Eine Situation, vor der man sich fürchtet, die man aber hinter sich bringen muss.

Ich lege den Gang ein und stelle mich sofort in die Rasten. So langsam die Übersetzung es zulässt, fahre ich in den Fluss. Dicht, ganz dicht am Seil. Meine Güte, ist das weich. Ich verliere an Fahrt. Die Honda beginnt zu wühlen. Sie verliert die Traktion, der Hinterreifen gräbt sich tief in den Flusskies. Jetzt bloß nicht stehenbleiben, dann kippen wir um. Ich gebe Gas, das Heck schlingert, mehr Gas, wir kommen frei und nehmen wieder Fahrt auf. Meter für Meter ackert die Enduro sich durch das Flussbett. Schlamm quirlt hoch, das Heck schwingt herum, ich verliere den Kurs, wir halten auf die Flussmitte zu. Vielleicht noch 20 cm Luft bis zum Ansaug­stutzen. Jetzt liegt das rettende Ufer direkt voraus. Ich drehe das Gas bis zum Anschlag und strecke den Dubs weit nach hinten raus: "Alle Mann nach Achtern!"

Der Titanauspuff brüllt aus voller Kraft und die Rally fräst sich trompetend ihren Weg Richtung Festland. In einem wahren Befreiungs­schlag lassen wir den Fluss hinter uns und powern hoch ans Ufer. Wasser schäumt aus jeder Öffnung.

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Ich stehe ein wenig unter Schock: Das war reines Glück! Mein schönes neues Motorrad könnte ebenso gut mit Wasserschlag im Fluss liegen, während ich durchnässt und verzweifelt versuche, jemanden beim ADAC in München an die Strippe zu kriegen.

Eines ist sicher: Wie immer die nächste Furt aussieht, zurückfahren werde ich auf keinen Fall. Und das nicht nur, weil uns irgendwann das Benzin ausgehen wird. Die Tankuhr zeigt noch einen Balken.



Ich lade alles wieder auf und ziehe die Gurte fest, als ein Kia Sorento in die Furt fährt. Der fette SUV wühlt sich mit Allrad und Untersetzung durch das Flussbett. Er fährt auf dem Seil. Die Wattiefe des Sorento ist mit 45 cm angegeben und die Lindaá ist tiefer, aber er schafft es ohne Probleme.

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Abgesehen von den unerfreulichen Furten ist die F88 eine wahre Pracht. Ein abenteuerlicher Track, der sich durch ein schwarzes Terrain aus Lavabrocken, Sand und Asche windet. Die größte Herausforderung ist das Umfahren der scharfkantigen Lavabrocken, die unverrückbar fest mit dem Planeten verbunden aus der Piste ragen. Wer so einen frontal erwischt, killt den Reifen, die Felge, oder sich selbst. Möglicherweise alle drei.

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Eine Stunde später erreiche ich die letzte Furt. Auf der Karte ist der Fluss als Grafarlandaá eingezeichnet. Er ist schmaler als die Lindaá und ich habe diesmal auch keine Angst mehr. Trotzdem trage ich zuerst wieder das gesamte Gepäck rüber. Wenn es brenzlig wird zählt jedes Kilo.

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Ich nehme die erste Ladung und wate in den Fluss. Die Strömung ist etwas schneller, aber dafür ist das Wasser diesmal nicht so tief. Wenn ich nah an der krisseligen Wasserkante bleibe und nicht wieder vom Kurs abkomme, sollte das kein Problem sein. Ich lege das Gepäck ab und die Motorrad­jacke mit Papieren, Fährticket, Geld und Handy dazu.

Ich wate zurück. Inzwischen ist auch der Kia eingetroffen. Der Fahrer steht neben seinem Wagen und beobachtet wie ich den besten Weg suche. Als Gegen­leis­tung für meine Scoutdienste bietet er an, den Rest des Gepäcks im Auto rüberzufahren. "Danke, das ist nett. So spare ich einen Weg."

Markus, so heißt der nette Sorento, fährt vor mir durch den Fluss. Als sich das Wasser beruhigt hat, starte ich die Maschine und fahre hinterher. Diesmal gelingt es mir besser den Kurs zu halten und ich bleibe zielgenau in den Spuren meiner Gummistiefel.



Gegen die vorige war diese Furt ein Klacks, auch wenn das Motorrad für solche Aktionen zu lang übersetzt ist. Hinten sollten zwei Zähne mehr drauf sein. Für Island würde ich das nächstes Mal so machen.

Ich lade das Gepäck auf und ziehe die Jacke an. Es beginnt zu regnen. Jetzt ist es noch etwa eine Stunde bis zur Ringstraße. Ein Königreich für etwas Asphalt, denke ich, während die Piste mich durchschüttelt.

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Drei Stunden Dauerregen und es macht mir weniger aus, als wenn ich zuhause in meinem Ohrensessel säße und durch die nassen Scheiben runter in den Hof gucke. Heute habe ich eine wichtige Lektion gelernt: Wasser von oben ist keine Gefahr. Es ist unangenehm, aber mehr nicht. Daran werde ich versuchen, mich stets zu erinnern, dann wird mir Regen nie wieder etwas ausmachen. Toller Plan. Ich hoffe er funtioniert.

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Die letzte Stunde auf der F88 geht es über nassen schweren Boden aus Asche und Sand, aber mit genügend Gas bleibt die Honda gut in der Spur. Einmal bleibe ich stehen, um eine Gruppe aus drei Landrovern vorbeizu­lassen. Sie haben es eiliger als Pieps und ich.

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Die F88 endet an der Ringstraße. Ich drehe mich ein letztes Mal um ins Hochland und fotografiere den Schilderwald am Beginn der Piste. Auf der 1 ist überraschend viel Verkehr, aber das ist im Grunde kein Wunder, denn die 1 ist die Verkehrsader Islands.

Die Ringstraße ist hervorragend ausgebaut. Glatter Asphalt der Premiumklasse, nur die einspurigen Brücken sind gewöhnungsbedürftig. Man fährt mit zweimal 100 km/h frontal aufeinander zu und gewonnen hat der, der zuerst an der Brücke ist. Nicht ungefährlich, aber ich fahre so langsam und defensiv, wie ich das auf der Straße immer tue.

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Es ist das erste Stück Asphaltstraße seit ich vorgestern abgebogen bin zum Torfhof für Kakao und Pancakes. Ich genieße das ruhige Dahingleiten der Maschine und die Erholungspause für meinen Rücken.

Die Schonzeit für Rücken und Fahrwerk dauert exakt 3000 m. Dann biege ich auf die 864 ab zum Dettifoss. Eine Schlaglochpiste der übelsten Sorte. Nicht schwierig zu fahren, aber grässlich rumpelig.

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Der Dettifoss ist der mächtigste Wasserfall Europas und eines der großen Premiumziele auf dem Golden Circle, der Rundreiseroute zu den Sehens­würdigkeiten Islands. Schon von weitem sieht man eine gewaltige Gischt­wolke, die über dem Wasserfall liegt.

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Etwa fünfzig Autos und drei Motorräder stehen auf dem Parkplatz. Der weit größere Auftrieb findet auf der anderen Seite des Canyon statt. Dort führt die asphaltierte 862 zu einem Großparkplatz, auf dem Reisebusse täglich Zentillionen von Kreuzfahrern ausspucken.

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Ich parke mein Motorrad neben zwei Hondas aus Pinneberg und komme mit dem Fahrer der Africa Twin über seine Erfahrungen auf der F88 ins Gespräch. Ich stehe noch ganz unter dem Eindruck der tiefen Furt durch die Lindaá, aber er meint trocken: "Das war doch gar nichts. Ich musste zwar siebenmal laufen, bis ich alles Gepäck drüben hatte, aber ansonsten waren die Furten bisher kein Problem."

Solch einen Knacks hat mein Selbstbewusstsein nicht mehr einstecken müssen seit dem verlorenen Völkerballspiel in der dritten Klasse. Für andere sind Furten offenbar überhaupt keine Schwierigkeit, bloß für das Mädchen vom Lande auf ihrem Ackermofa. Darüber muss ich erstmal nachdenken. Vielleicht brauche ich ein größeres Motorrad. Nachdenklich stiefele ich durch den Regen zum Wasserfall.

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Der Dettifoss hat nicht die Schönheit des Rheinfalls in Schaffhausen, oder die bunten Farben der Niagarafälle, stattdessen besitzt er diese brutale urzeitliche Gewalt, die etwas Grausames an sich hat. Ridley Scott benutzt diesen Eindruck in der Eröffnungsszene seines Films Prometheus, wo der Detti in den ersten beiden Minuten eine Hauptrolle spielt.

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Der Wanderweg führt bis unmittelbar an die Kante. Touristen balancieren unbehellig auf den glitschigen Felsen, um das beste Foto zu machen. Nur alle 50 m steht ein winziges Schild, das einen abstürzenden Menschen zeigt. Es ist nicht größer als der Pik Bube beim Mau-Mau.

Island lehrt Verantwortung. Dieses Land bietet unzählige Möglichkeiten, sein Fahrzeug, seine Gesundheit, oder sogar sein Leben zu verlieren und es ist jedem selbst überlassen, wie weit er geht. Niemand hindert mich an die Kante zu treten. Da ist kein Geländer und keine Absperrung. Ebenso bei den Furten: Wer sein Fahrzeug im Fluss versenken will, ist herzlich dazu eingeladen.

Jedes Jahr geschehen auf Island fatale Unfälle, weil wir es nicht mehr gewöhnt sind, Verantwortung für unser eigenes Handeln zu übernehmen. Im Rahmen des modernen Haftungsrechts tun das längst andere für uns: Ein Geländer, ein Verbot, eine Brücke, ein Sicherheitsmann. Wenn das fehlt und wir alles tun können, was uns in den Sinn kommt, dann passieren manchmal Dinge und der Mensch empört sich: "Das hätte aber doch niemals erlaubt sein dürfen, oder zumindest ein Geländer, ein Schild, eine Absperrung. Wieso hat mich denn keiner zurückgehalten?"

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Am unmündigsten erscheinen die US-amerikanischen Touristen, die über 50% der Besucher Islands ausmachen. Dazu fällt mir gleich das berühmte McDonald’s Kaffeeurteil ein, als eine halbe Million Dollar für zu heißen Kaffee gezahlt wurden. Auf Island kann man sich an jedem Gletscher, jeder Furt und jedem Wasserfall mit Anlauf die Lippe verbrennen und niemand wird sich dafür entschuldigen, dass das möglich war.

Das macht zugleich den Reiz dieses unfertigen Stück Planeten aus. Hier ist noch Abenteuer zu finden, zumindest für Pieps und mich auf unserer Enduro. Ich muss bloß immer gut auf uns drei aufpassen.

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Vom Dettifoss geht es auf der 864 weiter nach Norden. Inzwischen steht die Tankuhr der Honda auf Reserve. Der letzte Balken im Display hat sich rot gefärbt und blinkt. Das reicht für etwa 50 weitere Kilometer und notfalls habe ich noch 1.5 l im Kanister.

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Mein Ziel für heute heißt Ásbyrgi. Dort gibt es einen Campingplatz, eine Tankstelle und ein Diner. Die letzten Kilometer führen über Asphalt und ich feiere jeden Meter davon. Obwohl ich sonst eher robust bin und eigentlich nie etwas habe, tun mir heute die Knochen weh. Ich hätte längere Abschnitte im Stehen fahren sollen, aber der Lenker der Honda ist zu tief für mich, so dass es auf Dauer keine bequeme Haltung ist. (Notiz an mich selbst: Größeres Kettenrad plus Lenkererhöhung)

Die Tankstelle ist so nordisch, wie sie nur sein kann: Ein riesiger, viel zu großer Platz mit einer einzelnen Tanksäule, dazu in einigem Abstand das Diner, das mit dem Benzinverkauf nichts zu tun hat. Ohne Plastic Money ist man aufgeschmissen. Zur Sicherheit habe ich zwei Kreditkarten bei mir, eine VISA und eine MasterCard.

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Ich baue den Tankrucksack ab und ramme die MasterCard in den Schlitz. Die Bedienung ist wirklich einfach, bloß eine Sache muss man wissen und auch verstehen, sonst macht man sich zum Löffel: Der Tankautomat fragt zu Beginn nach einer Summe. Das ist nicht das, was man zahlt, so dass man angeschmiert wäre, falls weniger in den Tank passt, sondern lediglich der Betrag, der bei der Bank reserviert und nachgefragt wird, ob die Karte für diese Summe gut ist. Vom Konto wird nur soviel abgebucht, wie in den Tank gelaufen ist.

Wir können das jetzt noch gar nicht wissen, aber uns werden unterwegs mehrfach Biker begegnen, die Flaschen voll Benzin bei sich haben. Sie wollten keinen Tropfen verschenken und haben bis zum reservierten Höchstbetrag in jedes Gefäß gezapft. Notfalls in Coca-Cola Flaschen. Ich hab selten so gelacht.

Ich drücke auf den Button mit der Aufschrift 3000 ISK und fange an zu zapfen. Bei 9,2 l ist der Tank voll. Das sind 3,4 l auf hundert. Das ist ok für die Art Strecke, die ich gefahren bin. 900 ml waren noch im Tank.

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Ich stelle das Motorrad am Seiteneingang ab und stoße die Tür auf. Das Diner am Ende der Welt ist gerammelt voll und auf die wunderbarste Weise überheizt. Eine Traube von Leuten wartet am Tresen auf ihr Essen. Andere zapfen sich Refill aus der Pumpkanne. Es duftet durchdringend nach Spiegel­eiern die dringend aus der Pfanne müssen.

"Onetwentyfive!", schallt es durch den Raum. Die Bedienung sieht sich mit zwei Tellern in der Hand suchend um: "Onetwentyfive!" Ich bin kurz davor selbst "Hier!" zu rufen, aber ein Gast kommt mir zuvor und nimmt das Essen im Empfang.

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Ich setze mich an einen freien Platz, ziehe die Jacke aus und breite mich aus. Eine Familie am Nebentisch spricht hebräisch. Das Familien­ober­haupt, ein alter Herr mit grauem Haar, trägt einen Klunker im Ohr von der Größe einer Heidelbeere. Entweder hat er den in einem Anfall schlechten Geschmacks für 1,99 bei H&M gekauft, oder er trägt mehr Kapital am Ohrläppchen, als ich vor der Tür stehen habe.

Eine junge Italienerin mit strengem Gesicht schreit stakkatoartig ihr Handy an und einen Tisch weiter unterhalten sich US-Amerikaner im breiten Slang, als hätte sie heiße Kartoffeln im Mund. Das Diner selbst wird von Asiaten geführt, die sich auf chinesisch, oder sonstwas unterhalten. Das Einzige, das man auf Island selten hört, ist Isländisch. Es gäbe gar nicht genug Einheimische, um sämtliche Arbeitsplätze der Tourismusindustrie mit Isländern zu besetzen.

Die Speisekarte liest sich wie ein Who-is-Who des Fast Food. Heute darf Pieps aussuchen. Die kleine Maus entscheidet sich klug für Cheeseburger with Fries and Vegetables. Gemüse? Zum Hamburger?

Ich kann Entwarnung geben: Die Vegetables entpuppen sich als ein Blatt Salat und vier Scheiben saure Gurke, die ich auf Hamburgern absolut hasse. Pieps ist das egal und ich muss eher aufpassen, dass ich keinen Finger verliere, wenn ich im falschen Moment zum Essen greife.

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Der Cheeseburger ist so unglaublich mies, dass es schon wieder etwas Besonderes ist, ihn mit Genuss zu verspeisen. Der Preis von umgerechnet 13,00 € spielt dagegen schon fast keine Rolle mehr.

Bevor ich das Diner verlasse, frage ich am Tresen nach den Öffnungs­zeiten für morgen, denn dann ist Sonntag: "Will you be open for breakfast tommorrow?"

Der Chinese zeigt stumm auf das Schild mit den Zeiten: 08-20. Every Day! Sein Blick scheint zu sagen, welche Stelle von "Every Day" verstehst du nicht? Nun gut, dann sehen wir uns morgen früh um acht zum Frühstück.

Als ich nach einer Stunde und unzähligen Bechern Kaffee wieder aufs Motorrad steige, ist der Regen verschwunden und ich stelle mein Zelt im schönsten Sonnen­schein auf dem Campingplatz hinter der Tankstelle auf.

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Die Antriebskette der Honda sieht reichlich mitgenommen aus, dabei ist sie erst 2.000 km alt. Ich sprühe sie einmal pro Tag mit WD40 Kettenwachs ein. Es soll besonders wasserabweisend sein, aber davon ist nicht viel zu merken. Die Kette ist steif und trocken.

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Ich hänge den Fotoapparat um und fahre in den hufeisenförmigen Ásbyrgi Canyon hinein. Die Straße endet nach drei Kilometern in einer Sackgasse.

Eine Besonderheit von Ásbyrgi ist sein Wald. Bis vor einigen Jahren war es der einzige Wald auf ganz Island und die Einheimischen sind von weit her gefahren, um einmal einen leibhaftigen Wald zu sehen.

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Dazu gibt es in Island einen bekannten Witz: "Was macht man, wenn man sich im Wald verlaufen hat?" Antwort: "Einfach aufstehen." Der Wald ist nämlich bloß knapp mannshoch.

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In der Mitte des Canyon steht ein gewaltiger Felsblock. Die Schlucht ist entstanden, als hier noch die Jökulsá á Fjöllum geflossen ist, der Fluss, der heute den Dettifoss bildet. Irgendwann hat er seinen Weg geändert und jetzt zelte ich in seinem früheren Flussbett.

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In Ásbyrgi sind Drohnen verboten, wie fast überall auf Island. Die grellen Warnschilder sind unmissverständlich. Ebenso unmissverständlich wie das helle Schwirren einer Mavick Pro. Diese Drohne hätte ich mir beinahe selbst für die Reise gekauft. Als ich die Kamera auf ihn richte, landet ein Tourist die Mavick mit hochrotem Kopf neben seinem Mietwagen. Das schlechte Gewissen strahlt bis zu mir rüber.

Ich überlege einen Moment, ob ich mein dienstliches Gesicht aufsetzen und das Ding requirieren soll. Ich darf nur nicht vergessen, nach der Remote und den Ersatzakkus zu fragen. Und nach dieser einen süßen Tasche, die dazugehört. Und natürlich ein angemessenes Taschen Bußgeld zu verhängen.

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Den Abend verbringe ich mit Pieps draußen vorm Zelt. Wir sitzen an einem Picknicktisch und genießen die Abendsonne. Wir sind aber beide ziemlich erledigt von dem langen Tag auf der Piste und gehen früh schlafen. Es könnte eine ruhige Nacht mit erholsamem Schlaf sein, wenn nicht die betreute Jugendgruppe nebenan bis weit nach Mitternacht Party machen würde. Ich bin aber nicht sauer, weil ich schon so eine Ahnung habe, dass sie morgen früh nicht besonders lange ausschlafen werden.

zum nächsten Tag...

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Drei Tage bin ich jetzt auf Island und habe schon mehr Enduro-Abenteuer erlebt, als auf allen bisherigen Reisen zusammen. Island fordert mich ganz schön, aber bisher ist alles gut gegangen und ich passe auf, dass es möglichst so bleibt.



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Svenja Svendura EndurowandernMade by Svenja Svendura on Apple iMac with Panic Coda and Photoshop Elements.