Reise nach Island
Tag 1: Kiel - Silkeborg
Tag 2: Silkeborg - Hirtshals
Tag 3: Hirtshals - Norröna
Tag 4: Shetlands - Färöer
Tag 5: Seyðisfjörður - Möðrudalur
Tag 6: Vormittag: Zur Askja
Tag 6: Nachmittag: Zur Herdubreid
Tag 7: F88 - Dettifoss - Ásbyrgi
Tag 8: Ásbyrgi - Myvatn
Tag 9: F26 - Sprengisandur
Tag 10: F821 - Akureyri - Blönduos
Tag 11: Kjölur - Kerlingarfjöll
Tag 12: Kjölur-Geysir-Pingvallavatn
Tag 13: Pingvallavatn - Holmavik
Tag 14: Holmavik - Flokalundur
Tag 15: Svalvogur - 622
Tag 16: Flokalundur - Budardalur
Tag 17: Budardalur - Pingvellir
Tag 18: Selfoss - Landmannalaugar
Platzhalter Motorradreise Island
Platzhalter Motorradtour Island
Platzhalter Islandreise
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Tag 14

"Coffee ready?", frage ich cheerful und grinse den Typen am Tresen der Coffee Bar frech an. Der junge Mann nickt stumm. Er sieht noch etwas verschlafen aus. Kein Wunder, es ist Samstagmorgen und sie haben erst vor einer Minute geöffnet. So gut gelaunt bin ich unerträglich.

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"Any freshly baked bread?" "No", lautet die trockene Antwort. Es war ohnehin nur eine rhetorische Frage, frisches Brot gibt es in Island nicht. Keine einzige Bäckerei bisher. Keine. Lediglich dieses weiche, schnee­weiße Tütenbrot aus dem Supermarkt, das nur eine gute Eigenschaft hat: Wenn man es in den Tankrucksack quetscht und abends wieder raus­holt, dann hat es in kürzester Zeit wieder seine ursprüngliche Form.

Island erinnert mich an meine Tante Ursel. Wenn die überraschend Besuch bekam, hat sie sich auch gefreut, war aber zugleich immer leicht über­fordert. Dabei war Tantchen total lieb und bemüht, aber auch erleichtert, wenn der Besuch wieder weg war. Der Besuch übrigens auch: "Komm Schatz, jetzt gehen wir erstmal was essen. Was Vernünftiges. McDrive?"

So kommt es, dass Pieps und ich ein weiteres Mal ohne Frühstück auf die Piste gehen, aber ist nicht schlimm. Das holen wir spätestens beim Abend­essen wieder rein. Die nächste Einkaufsmöglichkeit gibt es erst in ein paar Tagen, aber ich hab den Zeltsack vollgestopft mit ein­hei­mischer Bratwurst. Ich weiß natürlich, dass alles dieselbe Sorte ist, aber ich hab trotzdem unterschiedliche gekauft. Die dunklen sind angeblich Krakauer. Zumindest ändern sie dafür das Etikett und die Lebensmittelfarbe.

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In absoluter Premiumlaune fahre ich aus Holmavik raus und biege auf den Djúpvegur ein. Gleich zu Beginn steht eine dieser elektronischen Tafeln, die vor jeder Hochebene stehen. Steingrímsfjarðarheiði, die Temperatur oben auf dem Fjell, Windgeschwindigkeit und Windrichtung. Leider bildet es das Foto nicht ab. Ich muss länger belichten.

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Die Strecke macht Spaß, der Asphalt ist perfekt und es gibt ein paar weit geschwungene S-Kurven abzureiten. Die Höhenmeter auf den Tafeln sind im Grunde lächerlich, oder vielmehr, sie wären lächerlich, wenn das nicht Island wäre. Die Baumgrenze liegt bei 200 bis 300 Metern und ein Berg von 439 Metern ist genau das: Ein Berg. Klima und Wetter sind nicht mit dem zuhause am Bungsberg zu vergleichen.

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Der einzige von Menschen gemachte Fleck ist ein verlassenes Haus mit eingefallenem Dach und einem Bootsanleger. Ich halte extra an und krame die gute Kamera hervor. Ich will kein Motiv auslassen. Es könnte das letzte für Stunden, wenn nicht für Tage sein.

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Die Straße führt in die nördlichen Westfjorde, dabei liegt mein Ziel am Südufer, aber der Umweg hat einen Grund. Es gibt eine - wie ich hoffe - famose Bergstrecke, die quer über den Bergrücken zurück ans südliche Ufer des Fjords führt, die F66 Mountain Road.

Auf diese Piste bin ich durch zwei Touristen gekommen. Die wollten die F66 in einem Renault Mietwagen fahren und haben es mit diesem Stunt bis auf die Titelseite des Iceland Magazine geschafft. Entweder war das insgeheim eine verdeckte Werbeaktion der Tourismus­agentur, oder die Beiden waren wirklich selten dämlich. Aber lest selbst.

Es dauert nicht lange, dann stehe ich an der Abzweigung zur F66. Der Track ist ausgeschildert wie eine Bundesstraße.

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Nach 300 m bleibe ich stehen. Bin ich hier richtig? Die Honda steht mit beiden Rädern im Flussbett, in dem Teil, der gerade kein Wasser führt. Der GPS-Track auf meinem Garmin zeigt genau hier entlang. Ich lege den Gang ein und lasse die Kupplung kommen. Knirschend wühlt sich das Motorrad durch das Geröll.

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Die erste Wasserdurchfahrt, eine zweite, eine dritte. Keine Flüsse, eher Rinnsale mit großen Pfützen. Trotzdem bin ich aufmerksam, denn am Grund liegen große Steine. Die will ich nicht mit dem Vorderrad erwischen.

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Mit knapp 30 km/h tuckere ich im zweiten Gang dahin und weiche den fiesesten Löchern und Felsbrocken mühelos aus.

Hinter einer Biegung kreuzt der Bach meinen Weg. Das Wasser ist flach, man könnte einfach durch­fahren, aber ich bin abenteuerlustig und habe Spaß daran, einen Clip für meinen Youtube Kanal zu drehen.



Das Bachbett ist keine Schwierigkeit und als es am Ende etwas tiefer wird, da, wo die Geländewagen ihre Ausfahrt buddeln, fräse ich mich aus Spaß mit viel Gas mittendurch, mehr fürs Video, als aus Notwendigkeit.

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Dahinter geht es steil nach oben. Wie eine Bergziege klettert die Rally mit ihren 25 PS den Trail hinauf, dabei sind wir 20 Kilo schwerer, als eine BMW 1250 GS: Mit Pieps, mir, Gepäck, Benzin und Enduro, bringen wir satte 270 Kilo auf die Waage.

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Kurz darauf liegt der Bach schon tief unter uns. Wir tuckern weiter bergan. Plötzlich flattert vor uns ein Schwarm Schnee­hühner auf und tritt empört zeternd die Flucht an. Sie saßen ganz unauf­fällig neben der Piste und haben vermutlich getan, was Schnee­hühner eben tun, wenn sie sich unbeobachtet glauben.

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Selbst hier oben ist noch viel Wasser in der Landschaft. Immer wieder sind kleine Bäche zu durchqueren die das abenteuerliche Gefühl beim Endurowandern erst perfekt machen.

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Pieps ist tief betrübt, dass sie ihr Laufrad nicht dabei hat. Viele der flachen Babyfurten hätte sie damit auch geschafft.

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Es ist erstaunlich warm. Das Thermo­meter am Lenker zeigt noch 14 °C. Die Schneeschmelze hat viele Tümpel und ein paar kleinere Schneefelder in der Landschaft hinterlassen.

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Ich habe nicht genau mitgezählt, aber das müsste ungefähr schon das 16. Bächlein sein, das den Weg kreuzt.

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Vor einer besonders malerischen Felswand halte ich an für eine Pause. Sowie ich die Maschine abstelle, ist es fast totenstill. Nur der abkühlende Motor knistert leise.

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Wir haben Wasser und eine halbe Tüte Erdnüsse dabei, aber nach kurzer Zeit haben uns die Fliegen entdeckt und es macht keinen Spaß mehr. Die aufdringlichen Biester setzen sich in Ohren, Nase und Mund. Mit jeder Portion Erdnüsse steckt man sich auch Fliegen in den Mund. Hastig setze ich den Helm wieder auf und sehe zu, dass wir weiterkommen.

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Der Bergrücken liegt hinter uns. Der Trail windet sich hinunter ins Tal. Im zweiten Gang ohne Gas reicht die Brems­wirkung des Einzylindermotors aus, um nicht ständig auf der Bremse stehen zu müssen.

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Nach 25 km endet der Trail an einer asphaltierten Straße am Südufer der Westfjorde. Zwei Stunden hat die Überfahrt gedauert.

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Die F66 Mountain Road ist eine sagenhaft schöne Strecke zum Enduro­wandern, gerade anspruchsvoll genug, um nicht bloß ein Feldweg mit Pfützen zu sein, sondern schon etwas Endurospaß zu bieten.

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Ich biege rechts ab in Richtung Patreksfjördur. Jetzt ist es nicht mehr weit bis zum Campingplatz in Flokalundur, wobei Flokalundur keine Ortschaft ist, sondern der Name eines Hotels mit Zeltwiese und einer Tanksäule. Nach Westfjord Maßstäben also doch ein Ort.

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Ich bin ganz glücklich, als die rotweiße N1 Flagge in der Ferne auftaucht. Auch wenn es nur eine einzelne Säule mit Diesel und Super 95 gibt, so haben sie doch eine Flagge gehisst und ich möchte nicht wissen, wieviele Reisende die schon verzweifelt herbeigesehnt haben, denn sonst gibt es weit und breit nichts.

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Der Zeltplatz liegt an einem Hang hinter dem Hotel. Der Untergrund ist heftig zerfahren. An vielen Stellen ist bloß noch Matsch mit schweren Reifenspuren darin. Ich suche eine Weile, bis ich einen schönen Flecken für unser Lager finde. Außer uns steht bloß ein verlassener Wohnwagen auf dem Platz. Wir haben das Camp für uns.

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Als die letzte Leine gespannt ist, stiefele ich hinunter zum Hotel. In der Lobby tun mehrere Frauen Dienst. Sie tragen die schmucken Uniformen des Hotel Flokalundur. Sie sind allesamt sehr jung, sehr höflich und sprechen fließend Englisch.

Ich bezahle für zwei Nächte und erkundige mich, ob Pieps und ich morgen am Frühstück der Hotelgäste teilnehmen dürfen. Wir dürfen. Zufrieden stiefele ich zurück zum Zelt.

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Morgen legen wir einen Jokertag ein. Ich will eine ganz besondere Strecke fahren, die Seegurke, wie ich sie wegen ihrer Form auf der Land­karte getauft habe, oder richtig: Den Svalvogavegur.

Gegen Abend gibt es das erste Päckchen Bratwürste. Das Brötchen ist nicht mehr ganz frisch, aber knusprig ausgebacken in Olivenöl schmeckt es noch ziemlich lecker.

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Gegen Abend füllt sich das Camp, bis nicht mal mehr Platz für das pinke Barby Wohnmobil wäre, in dem Pieps so gerne schläft. Unmittelbar neben mir steht ein Mitsubishi Pajero. Ein Mietwagen, 3,2 Liter Diesel, und das meint nicht den Verbrauch. Drei sehr gepflegte junge Frauen in ihren Zwanzigern. Sie tragen nagelneue Outdoorklamotten und wenn man genau hinsieht, meint man noch die Preisschilder zu erkennen.

Als es Nacht wird und die Temperatur gegen Null geht, wird nebenan der Turbodiesel gestartet. Kein Wunder: Die frieren. Shice Ausrüstung, sehr schick, aber nur ein paar Decken, keine Schlafsäcke. Drei Meter neben und 50 cm über uns dröhnt der schwere Diesel.

Ich bin stinksauer. Wütend opfere ich einen Teil der Bettwärme und stürme, soweit man drei Meter weit stürmen kann, nach nebenan zur Befehlsaus­gabe. Eng aneinander gekuschelt frieren die Drei auf der Rückbank des großen Station Wagon.

"Would you please shut down the engine. Now!" Die drei Grazien sind stinksauer und pöbeln halblaut etwas auf Spanisch, das ich nicht verstehe, aber die Maschine wird abgestellt. Gut so, ich bin nicht in Partylaune.

Was sind das bloß für ungewöhnliche Gäste auf Islands Campingplätzen? Die verhalten sich ganz anders, als die Leute, die ich sonst beim Campen treffe. Die benehmen sich wie Party People und nicht wie Outdoor Typen. Ich kann nicht umhin mich zu fragen, ob Islandreisen inzwischen die neuen Silikonbrüste sind.

Zumindest sind Pieps und ich bei weitem nicht die schrägsten Vögel auf dieser Insel, obwohl ich nicht sicher bin, ob das ein beruhigender, oder ein beunruhigender Gedanke ist.

Bei den Mädchen nebenan ist es jetzt still und der Diesel ruht. Lasst uns schlafen. Gute Nacht, Welt...

zum nächsten Tag...

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Die F66 war das Highlight des Tages und auch wenn es nur 25 km sind, lohnt sich die weiteste Anreise. Dieser Track steht wirklich für "Endurowandern at its best".
Der 15. Reisetag wird erst zu Weihnachten erscheinen. Nächstes Wochenende, zum dritten Advent, haben Claudia, Pieps und ich frei. Wir bekommen lieben Besuch.



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Svenja Svendura EndurowandernMade by Svenja Svendura on Apple iMac with Panic Coda and Photoshop Elements.